Springernachwuchs Die Jugend eifert Martin Schmitt nach
Der junge Mann auf Zimmer 111 hat die Anlagen eines Siegers. Er misst 1,85 Meter und wiegt nur 65 Kilogramm. "Nicht schlecht", sagt sein Trainer Peter Leiner, "der Junge liegt gut in der Luft." Der Coach klopft an die Tür. Hans Petrat, 18, liegt auf seinem Bett. Er wirkt nicht so, als habe er heute noch viel vor. Dichte Wolken ziehen über Oberstdorf. Es regnet. Und bei Regen herrscht Flugverbot.
Petrat hat blonde halblange Haare und sieht ein bisschen aus wie der junge Kurt Cobain nur gesünder. Er ist so, wie viele Jugendliche seines Jahrgangs. In seinem Zehn-Quadratmeter-Kabuff herrscht kontrolliertes Durcheinander, an der Wand hängen Snowboard- und Surf-Poster, der CD-Player wird vornehmlich mit Rockmusik bestückt. Was ihn jedoch beträchtlich unterscheidet von den Altersgenossen, ist sein Berufsziel: Hans Petrat will Ski springen, richtig professionell.
Vor anderthalb Jahren ist der gebürtige Oberaudorfer nach Oberstdorf im Allgäu gezogen. Dort gehört er einer elitären Wohngruppe an: Zusammen mit sieben weiteren Kollegen zwischen 14 und 21 Jahren ist er im örtlichen Sportinternat untergebracht, einem Ableger des Oberstdorfer Bundesleistungszentrums. Die WG gilt als das hoffnungsvollste Projekt des Deutschen Skiverbands (DSV) und soll dafür sorgen, dass der vor zwei Jahren erblühte Boom um den Skisprung auf lange Zeit anhält.
Die Kids wollen werden wie Schanzenkönig Martin Schmitt
Im Sportinternat, das eingerahmt wird von den Felswänden des Rubihorn und des Schattenberg, wohnen auch Eiskunstläufer, Skirennfahrer und Eisschnellläufer. Dass die Springer indes die größte Fraktion in der 23 Athleten zählenden Sportlerkommune stellen, entspricht dem Trend der Kids: Alle wollen werden wie Schanzenkönig Martin Schmitt, 22, der dieser Tage in Oberstdorf und andernorts um den Sieg bei der Vierschanzentournee kämpft.
Der Sympathieträger aus dem Schwarzwald betört nicht nur Teenager aus allen Teilen der Republik. Jenen, die im Dunstkreis einer Schanze aufwachsen, dient er konkret als sportliches Vorbild. Ferdinand Bader, 19, kennt Schmitt noch von gemeinsamen Jugendwettkämpfen. Jetzt will er mit dem Weltmeister baldmöglichst gleichziehen. Vor dem Nachmittagstraining in der Halle ist er noch schnell zum Dorfschneider gefahren. Dort kauert er nun in seinem silbernen Raumfahrerdress in Abfahrtsposition auf einem Nähhocker.
Die Taille muss enger werden, die neuen Regeln schreiben das vor. Meister Salvatore ist erkennbar amüsiert über seinen Kunden im futuristischen Outfit: "Die Falte am Hintern kriegen wir aber nicht weg." Den präsumtiven Nationalhelden von übermorgen die Dienstkleidung zu richten ist Ehrensache für den Schneidermeister.
Der Leistungssport in Oberstdorf, das traditionsbeladene Skispringen zumal, verfügt über eine beachtliche Lobby. Gemeinderat, Banken, Gastronomie und Schulen jeder in dem Kurort steht hinter den Internatszöglingen. Das Gertrud-von-Le-Fort-Gymnasium, an dem schon Eiskunstläufer Norbert Schramm oder der Skiweltmeister Hansjörg Tauscher büffelten, hat sich den Bedürfnissen der Sportler besonders flexibel angepasst.
Die Skispringer gelten als Musterschüler
Weil Kaderathleten wegen Wettkampfreisen und Lehrgängen bis zu 70 Unterrichtstage versäumen, erhalten sie von anderen Schülern Nachhilfe. Für die nötige Motivation bei den Tutoren sorgen Erfolgsprämien: Wenn der Schützling auf eine vier im Zeugnis kommt, gibt es 100 Mark, für eine zwei das Doppelte. Die Skispringer bezahlen selten. Sie gelten als Musterschüler.
Diszipliniert und ausgeglichen seien sie, nicht so "aufgekratzt" wie die alpinen Skirennläufer, sagt Internatspädagoge Rüdiger Weiß. Viel Gelegenheit, aus der Bahn zu gleiten, haben die Sportler aber auch nicht. Im Internat herrschen strenge Regeln. Wer ohne Voranmeldung später als 23 Uhr nach Hause kommt, erhält einen Verweis. Wer abends im Wohntrakt der Mädchen, vorwiegend Eiskunstläuferinnen, erwischt wird, ebenso. Und zwei Verweise heißt: Rauswurf.
Dass die Flugschüler von der Schattenbergschanze derlei Einschränkungen weitgehend klaglos hinnehmen, liegt wohl auch an ihrer Leibesübung, die offenkundig für alle Entsagungen entschädigt. Skispringen hat wenig mit Skilaufen zu tun, aber viel mit Fliegen. Der rauschhafte Zustand, der sich während der Luftfahrt einstellt, wirkt bei allen gleich, wie Pirmin Singer, 14, berichtet: "Du segelst drei Sekunden und denkst, es sind drei Minuten."
Bereits mit zwölf fuhr Pirmin eine 90-Meter-Schanze herunter
Pirmin ist der Jüngste im Oberstdorfer Internat. Bereits mit zwölf Jahren fuhr der Oberbayer eine 90-Meter-Schanze herunter. Das Leichtgewicht segelte wie ein Papierflieger und landete bei 96 Metern. Trotzdem ist Pirmin keiner, der viele Worte verliert. Ist diese Springerei nicht gefährlich? "Nö." Hast du nie Angst? "Wieso?" Weil man stürzen kann. "Ich hab doch gelernt, wie es geht." Skispringer wachsen in ihre Aufgabe hinein. Erst kleine Sprünge über zehn Meter, dann immer weiter über immer höhere Schanzen. Irgendwann, sagt Stützpunkttrainer Leiner, "sind die kaum mehr zu bremsen".
Der alles entscheidende Moment im Wettkampf ist der Absprung. Nichts wird im Training deshalb öfter geübt. Im so genannten Imitationsraum, gleich neben der Turnhalle, stehen aus Stahl zusammengeschweißte Katapulte, mit denen der Absprung simuliert wird. Spezielle Geräte dürfen von der Presse nicht fotografiert werden. Die Konkurrenz aus dem Ausland soll nicht sehen, wie hier geübt wird. "Noch", sagt Trainer Leiner, "haben wir in Deutschland einen Vorsprung."
Im Kern geht es darum, der Schwerkraft ein Stück weiter zu entkommen. Pirmin schiebt einen Bügel unter die Hüfte und geht kurz in die Hocke. Gummibänder dehnen sich. Dann stößt sich der Junge ab und schnellt kanonenkugelgleich in die Horizontale. Die Füße sind perfekt zum modernen V-Stil abgespreizt.
Skispringen, sagt Andreas Bauer, Leiter des Stützpunkts in Oberstdorf, "ist Präzisionsarbeit". Wer den Absprung um eine Zehntelsekunde verpasst, fliegt gleich zehn Meter kürzer. Wer sich nicht traut, weit genug "über dem Ski" zu liegen, segelt auch zu kurz. Weit genug über dem Ski liegt der Springer dann, wenn die Skispitzen aus seinem Blickfeld verschwinden und er nur noch die Landschaft unter sich hinwegrasen sieht. Bauer grinst: "Nicht jedermanns Sache."
Andreas Bauer war selbst einmal ein berühmter Schanzenpilot. In den achtziger Jahren gewann er viermal die deutsche Meisterschaft. In seinem Büro hängt trotzdem ein Poster des neuen Helden Martin Schmitt. Denn Schmitt hat Bauer bei seiner Arbeit sehr geholfen. Skispringer sind, dank der Erfolge des Sonnyboys aus Tannheim, "in". "Bild" ließ die "Super-Adler" vorigen Winter von zwei Reporterinnen begleiten, und der Privatsender RTL machte aus der Vierschanzentournee ein dröhnendes Spektakel.
Mit Skisprung zum Millionär - Schmitt & Co. machen es vor
Die hohe Akzeptanz hat für die Besten angenehme Folgen: Das Jahreseinkommen von Sven Hannawald, dem Skiflugweltmeister und teaminternen Schmitt-Konkurrenten, dürfte sich diesen Winter bei zwei Millionen Mark einpendeln. Neuerdings bekommt Andreas Bauer Briefe aus Remscheid oder Kiel, in denen Jugendliche anfragen, ob sie bei ihm nicht auch mal "so einen Kurs" machen könnten.
Und seit neuestem wagen sich tatsächlich auch Flachländler in die Domäne der Süddeutschen. Franz Eppen kommt zum Beispiel aus der Nähe von Magdeburg. Er ist gerade 14 Jahre alt geworden, im Internat darf er wegen seines Alters noch nicht wohnen. Deshalb sind seine Eltern einfach mit nach Bayern gezogen.
Für Franz ist Skisprung bislang nur "der Kick". In einigen Jahren wird sein erlebnisorientiertes Denken wohl überlagert werden. Spätestens im B-Kader, der so genannten Warteschleife vor der Nationalmannschaft, wird der Spaß dann zum Beruf. In dieser Entwicklungsphase beginnt ein Heftchen an Bedeutung zu gewinnen, dass Coach Bauer die Möglichkeit bietet, Einblick in den Seelenzustand seiner Schützlinge zu nehmen: das "Trainingsbuch". Neben allerlei Angaben zum Fitnessstand müssen die Sportler darin ein Kästchen mit dem Kürzel "Bef." ausfüllen.
Häufige Klage der Jungspringer: "Ich kann nicht mehr"
Die Abkürzung steht für "Befindlichkeit". Entweder "Minus", "Plus" oder einen kleinen Kreis für "Durchschnittlich" tragen die Sportler jeden Tag ein. Neben dem Kästchen ist eine Rubrik freigehalten, in der eventuelle Nöte auch im Wort notiert werden können. Nicht selten ereilen Trainer Bauer auf diesem Weg Hilferufe: "Ich kann nicht mehr."
So sehr die Internatsschüler den Zusammenhalt der Gruppe rühmen und so sehr die Atmosphäre während der Trainingsstunden bisweilen so gelöst anmutet, als hätten sich ein paar Freizeitkicker zum Bolzen verabredet der Konkurrenzdruck ist enorm. Jeder, der in Oberstdorf trainiert, hat das erklärte Ziel, irgendwann Martin Schmitt und Sven Hannawald zu beerben. Bauer sagt: "Die Jungs sind heiß."
Umso tiefer ist der Sturz, wenn es mal nicht so klappt. Vergangene Saison erlitten die Ambitionen Hans Petrats einen herben Dämpfer. Bei der Junioren-Weltmeisterschaft in der Slowakei hüpfte er im Mannschaftsspringen in die Anlaufspur, obschon die Startampel noch auf Rot stand. Der Sprung wurde annulliert, und Deutschland verlor die Bronzemedaille. "Ampelhans", so spotteten seine Kollegen. "Ich war fertig." Wochenlang stand in seinem Tagebuch ein "Minus".
Mancher, dessen Leistung mit den Erwartungen nicht Schritt hält, könnte auf fatale Gedanken kommen. Denn generell gilt: Wer leicht ist, fliegt besser. Der Fettanteil bei Leistungssportlern, so Coach Bauer, liege normalerweise zwischen acht und zwölf Prozent. Skispringer gehen bis an die Grenze zur Magersucht, die unter sieben Prozent Fett beginnt. Aus einigen Mannschaften sind Fälle bekannt, in denen Sportler absichtlich den kritischen Bereich unterschritten hatten, um noch weiter fliegen zu können.
Bilder von abgemagerten Hungerhaken gefährden jedoch den Branchenboom. Andreas Bauer schickt seine Sportler deshalb regelmäßig auf eine Fettwaage. Über einen Stromimpuls misst das Gerät den Unterschied zwischen der Leitfähigkeit des Muskelgewebes und des Fettgewebes, die so genannte Biochemische Impedanz. Aus ihr lässt sich der Fettanteil im Körper errechnen. "Bislang", sagt Bauer, "habe ich keinen Grund zur Sorge."
GERHARD PFEIL