NFL-Start: Die Liga der Spielmacher
Start der NFL-Saison Problemkinder und Rückkehrer
Die NFL hat ihre eigene Version von "Und täglich grüßt das Murmeltier": Und jährlich grüßt Brett Favre. Auf einen Preis für Meinungswechsel hätte der Quarterback ein Abonnement. 2001 sagte Favre, er wolle seine Karriere bei seinem langjährigem Club Green Bay Packers beenden. Von 2006 bis 2008 ließ der Fanliebling die Packers nach jeder Saison im Unklaren, ob er seine Karriere beendet.
Im März 2008 sagte Favre dann, seine ruhmreiche Laufbahn sei vorbei - wohl auch, weil die Packers sich für Aaron Rodgers als neuen Spielmacher entschieden hatten. Am 8. August 2008 wurde Favre als Quarterback der New York Jets vorgestellt. Nachdem er mit den Jets die Playoffs verpasst hatte, trat er erneut zurück - und unterschrieb am 18. August 2009 bei den Minnesota Vikings.
Damit ist er, wo er wohl schon im vorigen Jahr hinwollte, um es seinem ehemaligen Club heimzuzahlen: beim Erzrivalen der Packers. Ob Minnesota sich mit Favre einen Gefallen getan hat, ist zweifelhaft. Erstens belastete er mit Sonderwünschen schon in New York und Green Bay die Teams. Zweitens wird er am 10. Oktober 40 Jahre alt - Vikings-Cheftrainer Brad Childress, 53, ist einem NFL-Greis ausgeliefert. Und drittens ist es den Vikings-Spielern nicht entgangen, dass Favre erst zu ihnen kam, als das Trainingslager vorbei war - und nachdem ihnen Childress gesagt hatte, dass die Vikings Favre nicht verpflichten würden. Ob das Team einem Trainer vertraut, der es belogen hat?
Vielleicht ist Favre das fehlende Puzzlestück für eine hervorragend besetzte Vikings-Mannschaft. Doch was, wenn sich der Dauerbrenner (271 NFL-Spiele in Folge) verletzt oder schlecht spielt? Die Vikings-Quarterbacks Tarvaris Jackson, 26, und Sage Rosenfels, 31, werden nicht vergessen, dass Childress sie für Favre abservierte.
Diva in Chicago, Ex-Sträfling in Philadelphia
Sollte Favre endgültig abtreten, hat er in der Kategorie "Quarterback-Diven" in Jay Cutler einen würdigen Nachfolger. Der ehemalige Spielmacher der Denver Broncos war sauer, dass sein Team darüber nachdachte, einen weiteren Quarterback zu verpflichten. Daraufhin benahm sich der 26-Jährige so lange bockig, bis er nach Chicago zu den Bears wechseln durfte - in die NFC North Division, wo Favre und die Vikings spielen. Dank Favre und Cutler ist die NFL nun um vier besondere Spiele reicher: Zweimal das Diven-Duell Chicago gegen Minnesota und zweimal das "Vom-Held-zum-Antiheld"-Duell Minnesota gegen Green Bay.
Angesichts der Turbulenzen um Favre und Cutler sind die Vikings und Bears wohl froh, dass auch andere Spieler für Wirbel sorgten. Die Philadelphia Eagles verpflichteten Michael Vick, der wegen illegaler Hundekämpfe 23 Monate im Gefängnis gesessen hatte. Der riskante Einkauf hat sich für die Eagles bislang noch nicht ausgezahlt. In Testspielen gab der 29-Jährige, der zu seinen Zeiten in Atlanta als spektakulärster Spieler der Liga galt, keine besonders gute Figur ab. Zudem scheint die Liga den Umgang mit Vick noch zu üben. Wie lässt sich anders erklären, dass auf NFLshop.com ein Vick-Trikot für Hunde zu kaufen war?
Meister Pittsburgh Steelers eröffnet die Saison
Nicht Unbedachtheit, sondern Verzweiflung scheint die Buffalo Bills dazu bewogen zu haben, den 35-jährigen Wide Receiver Terrell Owens zu verpflichten. Sein Football-Talent - lediglich der legendäre Jerry Rice hat mehr Touchdown-Pässe gefangen als er - wird nur übertroffen von seiner Gabe, Team-Atmosphären zu vergiften. Wie schon zuvor bei seinen Clubs in San Francisco, Philadelphia und Dallas. Wenn Owens sein zerstörerisches Potential ausschöpft, könnte die Saison der Bills als Desaster enden.
Im Vergleich zu Minnesota, Chicago oder Philadelphia hatten andere Favoriten eine langweilige Vorbereitung. Titelverteidiger Pittsburgh hat 19 der 22 Spieler, die zur Anfangsformation im Super Bowl gehörten, gehalten. Zudem werden die Steelers aus der Vergangenheit gelernt haben, als sie nach ihrem Titelgewinn 2006 die Playoffs verpassten. Ob Pittsburgh so gut ist, wie die Vorbereitung vermuten lässt, wird sich am Donnerstag (Kickoff Freitag, 2.30 Uhr MESZ) zeigen, wenn es im Saisoneröffnungsspiel auf die Tennessee Titans trifft.
Superstar Brady bekommt Schutz aus Deutschland
Während bei den Steelers Kontinuität herrscht, erlebten die Indianapolis Colts eine Zäsur. Ihr langjähriger Trainer Tony Dungy, 53, trat zurück. Nun müssen die Colts um den 33-jährigen MVP Peyton Manning beweisen, dass sie Dungys Weggang ausgleichen können. Sollte Spielmacher Peyton es nicht schaffen, bleibt für alle Manning-Fans noch dessen fünf Jahre jüngerer Bruder Eli, Quarterback der New York Giants. Der Meister von 2008 gehört wieder zum Favoritenkreis.
Dank der Rückkehr von Tom Brady sind auch die New England Patriots Meisterschaftskandidat, auch wenn sie mit Mike Vrabel, Richard Seymour, Teddy Bruschi, Junior Seau und Rodney Harrison in der Defensive fünf ihrer erfahrensten Spieler ersetzen müssen. Brady verpasste wegen einer Verletzung beinahe die gesamte vergangene Saison. Ob der 32-Jährige so gut ist wie 2007, als er mit 50 Touchdown-Pässen einen Rekord aufstellte, kann er im ersten Spiel gegen die Bills zeigen. Mit dabei: Der 25-jährige Deutsche Sebastian Vollmer, der als Offensive Tackle dafür zuständig ist, Brady vor der Verteidigung zu schützen.
Große Erwartungen an zwei junge Millionäre
Mit den Bills und Patriots müssen sich die New York Jets messen. Sie hoffen, dass Draft-Pick Mark Sanchez, 22, Favre vergessen lässt. Sanchez, der Sonnyboy aus Kalifornien, muss hohe Erwartungen erfüllen - und das New Yorker Publikum ist nicht für Geduld bekannt. Immerhin, sein Vertrag garantiert ihm 28 Millionen Dollar, bei guten Leistungen sind sogar 50 Millionen für ihn drin.
Unter noch größerem Druck steht nur Matthew Stafford. Der 21-Jährige unterzeichnete als Draft-Pick Nummer eins bei den Detroit Lions einen Vertrag, der ihm 41,7 Millionen Dollar garantiert und bis zu 78 Millionen einbringen könnte. Die gute Nachricht: Er spielt für das Team, das 2008 alle Spiele verlor - selbst eine mäßige Saison wird besser sein als die vergangene. Die schlechte Nachricht: Er spielt für das Team, das 2008 alle Spiele verlor - und wird kaum glänzen können.