Sumo-WM: Dicke Deutsche, leichte Mädchen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Sumo-WM Dicke Deutsche, leichte Mädchen

Sie sind riesig, fett und ziemlich unbeweglich, sagt das Klischee über Sumo-Ringer. Doch bei der Amateur-WM in Riesa zeigten die Kolosse, die sogar Spagat können, dass die japanischste aller Kampfsportarten mehr ist als pure Masse. Während Deutschland zweimal Gold holte, kamen sich andere ziemlich verloren vor.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mai Supawadeh Laenglah wäre gern dick. Die junge Frau ist 1,55 Meter groß und wiegt 40 Kilogramm. Eine 20-Jährige im Körper einer 14-Jährigen, die um alles in der Welt zunehmen will. "Ich esse und esse und esse, aber ich werde nicht dicker", sagt die kleine Thailänderin. Laenglah trägt einen einteiligen, eng anliegenden Kampfanzug mit einem Filzgürtel, der wie ein Rettungsring um ihre schmale Taille gewickelt ist. Mehr Gewicht könnte nicht schaden, denn in wenigen Minuten wird sie auf das Lehmpodest steigen und versuchen, die Ukrainerin Daria Ibragimova aus dem Ring zu befördern. Ibragimova ist Sumo-Ringerin wie Laenglah - aber 70 Kilo schwerer.

Ungleiche Duelle gibt es bei den Amateurweltmeisterschaften der Sumotori in Riesa eine Vielzahl. Gekämpft wird neben drei festgelegten Gewichtsklassen auch in der nach oben offenen Kategorie (ab 115 Kilogramm bei den Männern, ab 85 bei den Frauen). Das sorgt mitunter dafür, dass sich ein 200-Kilo-Koloss wie der Este Madis Ounapuu und der achtzig Kilo leichtere Japaner Keisyo Shimoda im Sumo-Ring (Dohyo) gegenüber stehen. Oder Laenglah und Ibragimova. Deren Kampf dauert genau sechs Sekunden, dann liegt Laenglah außerhalb des Lehmovals im Sand. Eigentlich kämpft die Frau aus Thailand im Leichtgewicht, doch ihr Trainer hat sie in die schwerste aller Gewichtsklassen gesteckt, weil nur eine Teilnehmerin pro Land in einer Kategorie kämpfen darf. Laenglah ist tausende Kilometer gereist, jetzt muss sie den menschlichen Aufprallschutz für rollende Züge wie Ibragimova geben. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum ihr Riesa nicht gefällt.

Fotostrecke

Sumo-WM: Dicke Deutsche, leichte Mädchen

Foto: SPIEGEL ONLINE

Vor fünf Jahren hatten bereits einige würdige Funktionäre aus Japan ein Problem mit der Kreisstadt an der Elbe. Nicht mit der ehemaligen Stahlstadt an sich, vielmehr mit der Tatsache, dass Riesa außerhalb Nippons liegt. Doch der Sumo-Weltverband hatte keine Wahl und musste die WM 1999 zähneknirschend erstmals in der Geschichte außer Landes vergeben - in vier Jahren soll der Sport olympisch sein und da kommen nur Sportarten in Frage, die international verbreitet sind. Insgeheim dachten damals wohl die meisten der weisen älteren Herren, die Stadt im Osten Deutschlands könnte die Weltmeisterschaften nicht standesgemäß ausrichten. Sie irrten sich.

Wasser für Herrn Tanaka

Die fülligen Exoten wurden zur Attraktion, 12.000 Menschen wollten die Wettbewerbe in der Sachsen-Arena sehen, die heute "erdgas arena" heißt. Seither nennt sich Riesa "Sportstadt". Als vor einiger Zeit in Asien das Sars-Virus umging und der eigentlich vorgesehene Gastgeber Hongkong für 2004 ausfiel, erinnerte man sich in Nippon an Riesa - und vergab die WM in einer der ältesten Sportarten der Welt erneut nach Sachsen. Und in Riesa gibt man sich auch in diesem Jahr alle Mühe, die japanischen Sumo-Gralshüter zu erfreuen.

Die Kampfrichter sprechen japanisch, der extra angefertigte dohyo aus 40 Tonnen gestampftem Lehm entspricht exakt den Vorgaben des Sumo-Mutterlandes und gilt als der schönste außerhalb Japans. Mitunter liest man den vielen mitgereisten Männern des Weltverbandes sogar die Wünsche von den Lippen ab. Als es Herrn Tanaka nachts plötzlich nach Wasser ohne Kohlensäure verlangt, fährt ein junger Mann mal eben zur Tankstelle und stillt so den Durst des Weltverbandspräsidenten.

"Ich bin unbewaffnet"

Und einen Yobidashi haben die Veranstalter auch organisiert. Der Ausrufer ist im professionellen Sumo-Japan neben den Schiedsrichtern (Gyoji) und den Sumotori der wichtigste Berufsstand. Die Herren rufen nicht nur die Kämpfer in den Ring, sondern sind Mädchen für alles. Sie reinigen den Dohyo und überwachen dessen Auf- und Abbau während der sechs jährlich stattfindenden Profiturniere. In Riesa heißt der Yobidashi Dieter Gruschwitz. Gruschwitz lispelt und ist im Hauptberuf stellvertretender Sportchef des ZDF. Er kommt zwar erst nach dem Aufbau und auch den Dohyo reinigen andere. Aber Gruschwitz hat was von Prominenz und die macht sich gut bei einer Weltmeisterschaft in der ostdeutschen Provinz. Außerdem spricht er Deutsch.

Neben Gruschwitz sitzt Alexander von der Groeben. Der große Blonde gilt als Sumo-Kenner, spricht perfekt Japanisch und hat auch ein Buch über den Sport und seine Geschichte geschrieben. In Riesa sagt er die Techniken auf, mit denen die Sieger ihre Gegner aufs Kreuz gelegt haben. "Sandra Köppen gewinnt durch Uwate-nage", erklärt von der Groeben zum Beispiel, als die deutsche Vorzeige-Ringerin ihre stämmige russische Gegnerin Marina Dvoretskaya mit einem Wurf zu Boden befördert. Oder "Madis Ounapuu gewinnt mit Yori-kiri", nachdem der Este seinen nur unwesentlich leichteren Widersacher aus Georgien aus dem Ring geschmissen hat.

Manchmal steht von der Groeben aber auch von seinem Stuhl auf, geht zum Dohyo und moderiert eine Einführung in die Regeln des Sports. Er erklärt den voll besetzten Rängen, warum die Sumotori vor dem Kampf in die Hände klatschen ("um die bösen Geister des Shintoismus zu vertreiben"), die offenen Handflächen zeigen ("Ich bin unbewaffnet") und was die vier bunten Kordeln bedeuten, die vom Dach des Ringes herabhängen ("die symbolisieren die vier Himmelsrichtungen"). Ein bisschen wirkt er dann wie Thomas Gottschalk. Der hatte sich vor mehr als 10 Jahren bei einer Late-Night-Show als Sumotori verkleidet und den Sport so in Deutschland schlagartig berühmt gemacht.

Bronze in der Trostrunde

Alexander Czerwinski hat abgenommen. Früher wog der Rostocker mehr als 170 Kilo, heute sind es noch 130. "Abtrainiert", sagt der 35-Jährige lächelnd zu zwei Fans, die am Vormittag vor den noch verschlossenen Türen der erdgas arena warten. Czerwinski lächelt viel, er gilt als volksnah. "In Rostock bin ich zweimal Sportler des Jahres gewesen", sagt der 1,90-Mann mit den kurzen blonden Haaren, "und das als Sumotori!" Czerwinski, der in den Kampfpausen raucht und auch unter dem Namen "Sumo-Alex" bekannt ist, will eigentlich zum zweiten Mal Weltmeister mit der Mannschaft werden. Doch das deutsche Team mit Czerwinski, Torsten Scheibler (190 Kilo) und Jörg Brümmer (110) scheitert im Achtelfinale am späteren Weltmeister Japan. Über die Trostrunde werden die drei dicken Deutschen aber immerhin noch Dritter. Scheibler holt zudem in der offenen Kategorie Silber.

Mai Supawadeh Laenglah, eine von nur 20 Sumotori in ganz Thailand, holt keine Medaille. Insgesamt dauert ihr Auftritt in Riesa gerade mal zwei Minuten - sie hält sich auch gegen Dvoretskaya und die spätere Weltmeisterin Köppen nur für Sekunden im Ring. Doch sie trägt ihr Schicksal mit Fassung. Bei der nächsten WM in zwei Jahren will Mai da kämpfen, wo sie in Asien als eines der größten Talente gilt: im Leichtgewicht.