Suspendierter Ullrich: Volksheld und Sorgenkind - DER SPIEGEL
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Suspendierter Ullrich Volksheld und Sorgenkind

Für Jan Ullrich ist der Traum vom zweiten Triumph bei der Tour de France nach der Suspendierung wegen Dopingverdachts geplatzt. Das T-Mobile-Team fordert von seinem Star jetzt Gegenbeweise. Ullrich droht ein Millionenschaden - und das Karriereende.
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Hamburg - Vom Volkshelden zum Sorgenkind der Nation: Jan Ullrich muss aufgrund des Doping-Skandals sogar das Ende seiner Karriere befürchten. Einen Tag vor seiner neunten Teilnahme bei der Tour de France wurde der Rad-Profi ebenso wie sein Betreuer Rudy Pevenage und sein spanischer Teamgefährte Oscar Sevilla suspendiert, da auf beschlagnahmten Blutbeuteln ihre Namen zu finden waren. Ullrich, der wie sein Teamkollege seine Unschuld beteuert, galt als einer der Topfavoriten für die Tour, die er bereits 1997 gewinnen konnte. "Wir haben Dokumente der spanischen Justiz erhalten, die uns derzeit keine andere Entscheidung lassen, als ihn aus der Mannschaft zu nehmen", gab T-Mobile-Sprecher Christian Frommert im Golfhotel Kempferhof in Plobsheim vor den Toren Straßburgs bekannt. "Uns liegen klare Erkenntnisse vor, dass alle drei Kontakt zum beschuldigten Arzt Eufemio Fuentes hatten. Damit sind begründete Zweifel an ihren schriftlichen Dementis angebracht", so Frommert. Dies mache eine weitere Zusammenarbeit vorerst unmöglich. Die einzige Möglichkeit zur Rehabilitation sei eine DNA-Analyse Ullrichs, so der Telekom-Sprecher weiter.

"Wenn das Blut in den Beuteln von Jan ist, wäre er für mich in die Machenschaften verstrickt. Ansonsten würde er als unschuldig gelten", erklärte der Kölner Doping-Jäger Prof. Wilhelm Schänzer. Das konsequente Vorgehen des Teams T-Mobile fand allgemein Anerkennung. "Das war eine couragierte Geste", sagte Tour-Direktor Jean-Marie Leblanc.

"Jan ist leider den falschen Beratern aufgesessen"

Ehemalige Weggefährten sind erschüttert: "Jan ist leider den falschen Beratern aufgesessen", sagte sein langjähriger Heimtrainer Peter Becker. "Ich bin sehr enttäuscht von ihm, denn so etwas hätte er bei seinem Talent und mit harten Training nicht nötig gehabt", so Becker.

Auch Jens Heppner, der beim Team Telekom jahrelang das Zimmer mit Ullrich teilte, war fassungslos: "Ich bin sehr traurig. Dies ist sportlich und menschlich eine Tragödie. Sie wäre noch schlimmer, wenn Jan unschuldig ist, aber T-Mobile muss handfeste Fakten haben, denn sonst würde ein Sponsor kaum freiwillig auf seinen potentiellen Toursieger verzichten", so der 38-Jährige.

"Das ist ein brutaler Schlag für das ganze Team", sagte Rolf Aldag, der ein Jahrzehnt lang einer der wichtigsten Helfer an Ullrichs Seite war - so auch bei dessen Toursieg 1997: "Das trifft alle hart, die mit Jan fahren oder gefahren sind. Man darf ja nicht vergessen, dass hier eine Mannschaft ins Rennen geht, die geschlossen an ihn geglaubt hat."

Fahrerflucht, Ecstacy

Der Olympiasieger von 2000 und mehrfache Weltmeisters kennt Rückschläge, doch dass er sich von diesem Schock noch einmal erholt, scheint ausgeschlossen. Bereits im Mai 2002 sorgte der 32-Jährige für Negativschlagzeilen, als er alkoholisiert mit seinem Porsche einen Fahrradständer vor dem Freiburger Bahnhof rammte. Wenig später wurde er von der Polizei bei seiner Fahrerflucht gestoppt, musste zur Blutprobe (1,4 Promille) und seinen Führerschein abgeben.

Wenige Wochen später erlitt Ullrich einen weiteren Rückschlag im Kampf um den Toursieg gegen de Dauerrivalen Lance Armstrong. Nachdem Ullrich auf einer Party Ecstasy genommen hatte und überführt wurde, folgte eine sechsmonatige Dopingsperre. An der Tour de France 2002 nahm Ullrich nicht Teil. Der damalige Fahrer des Team-Telekoms bezeichnete den Fehltritt später als "Riesen-Dummheit". Er verwahrte sich jedoch dagegen, "Mittel zur Leistungssteigerung genommen zu haben". Die Telekom trennte sich nach der Affäre von ihrem Aushängeschild, Ullrich wechselte nach einem kurzen Intermezzo beim Coast-Team zu Bianchi, ehe er 2004 zu den Bonnern zurückkehrte, wo er als Kapitän geschätzte 2,5 Millionen Euro verdient.

Seine persönlichen Fehltritte stehen im krassen Gegensatz zu seinen sportlichen Erfolgen. Im Alter von zehn Jahren fuhr Ullrich sein erstes Radrennen. 1986 wechselte er in die Jugendsportschule nach Ost-Berlin und zum SC Dynamo, wo ihn Becker betreute. Fünf Jahre später ging Ullrich mit Becker und seiner Nachwuchstruppe zum RV Hamburg.

1993 wurde er in Oslo jüngster Amateur-Weltmeister der Radsportgeschichte. 1995 bekam er einen Profi-Vertrag beim Team-Telekom und feierte viele Erfolge. In Sydney wurde er vor sechs Jahren Olympiasieger auf der Straße, 1999 und 2001 Zeitfahr-Weltmeister, 1999 gewann er die Spanien-Rundfahrt.

2004 und in 2006 triumphierte der in Scherzingen in der Schweiz lebende Rostocker bei der Tour de Suisse. Seinen Tour-Erfolg von 1997 konnte er bislang nicht wiederholen - vier Mal landete er auf dem zweiten Platz hinter Lance Armstrong.

Auch privat kam Ullrich nicht zur Ruhe. Seine Beziehungen wurden in der Boulevard-Presse durchleuchtet. 2005 kam es nach der Geburt seiner Tochter Sarah Maria zur Trennung von seiner langjährigen Freundin Gaby. Nur wenige Wochen später präsentierte Ullrich Sara Steinhauser (28) - die Schwester von Radprofi Tobias Steinhauser - in der Öffentlichkeit als neue Frau an seiner Seite. Sie wollen noch in diesem Jahr heiraten.

mig/sid/dpa

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