Team Telekom: Jan Ullrichs langer Schatten - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Team Telekom Jan Ullrichs langer Schatten

Mit Erik Zabel und Rolf Aldag haben nun fünf Ex-Telekom-Profis Doping gestanden. Jan Ullrich hingegen schweigt weiter. Und auch dessen ehemalige Teamkollegen wollen sich nicht über ihren damaligen Kapitän äußern.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Erik Zabel mit stockender Stimme und Rolf Aldag mit starrer Miene setzten heute vor laufenden Kameras in Bonn die Reihe der "gefallenen Helden" fort, die sich zum Epo-Missbrauch während ihrer Jahre beim früheren Team Telekom bekannten. "Wir entschuldigen uns bei allen, die wir getäuscht und belogen haben. Wir waren Gefangene des Systems und unseres Denkens", erklärten die langjährigen Aushängeschilder ihres Sports.

"Wir gingen davon aus, dass es alle machten und dass das Risiko gering war, überführt zu werden", sagten beide. Aldag und Zabel nannten keine Namen weiterer Sünder: "Wir können nur für uns sprechen", sagte Aldag. "Das lief alles intim ab, das war so erniedrigend, deshalb gab es dabei auch keinen Teamgeist." Er wisse folglich auch nicht, ob Jan Ullrich gedopt habe.

"Die Geständnisse waren menschlich bewegend, sachlich aber noch immer nicht ausreichend", sagte DOSB-Präsident Thomas Bach in einer ersten Reaktion. Ungeklärt bleibt weiter die Frage, wie lange unter dem "olympischen" Schutzschild der Universität Freiburg gedopt worden ist.

Wie Bach lehnte Radsport-Präsident Rudolf Scharping eine General-Amnestie ab. Am Abend zuvor hatte sich Udo Bölts geoutet, wie vor ihm schon Bert Dietz und Christian Henn. Alles wartet nun noch auf die Telekom-Toursieger Jan Ullrich (1997), der weiter abstreitet, und Bjarne Riis (1996), der morgen vor die Presse treten will.

Auch der frühere Teamchef des Team Telekom, Walter Godefroot, will sich bald zu den Vorgängen in seiner Mannschaft während der neunziger Jahre äußern. "Der Tag wird kommen, an dem ich offiziell aussagen werde", sagte er der "Welt".

Der heutige Auftritt von Zabel war überraschend. Der 36-Jährige gab als erster noch aktiver Fahrer das Leugnen auf. Der Milram-Kapitän war aus der Katalonien-Rundfahrt ausgestiegen, um die Doping-Beichte in der Telekom-Zentrale an der Seite seines langjährigen Zimmergefährten Aldag zu absolvieren.

Der 38-jährige Aldag will "die zweite Chance nutzen", die ihm T-Mobile als Sportdirektor anbot. Sie hätten sich gemeinsam zum Befreiungsschlag entschlossen, um einen heilsamen Schock auszulösen: "Es darf kein Stein auf dem anderen bleiben, sonst bleiben die Kontrollsysteme weiter so lückenhaft, wie sie noch heute sind", sagte Zabel und fuhr, den Tränen nahe, fort: "Das aber macht mir Angst, wenn ich meinen zwölfjährigen Sohn Rick sehe, der auch Radsport betreibt."

Der amtierende Vizeweltmeister, einer der international populärsten Fahrer überhaupt, schloss ein Ende seiner Karriere nicht aus: "Ich habe mein bisheriges Leben an der Garderobe abgegeben, die Konsequnzen schrecken mich nicht."

Zuvor hatten auch die beiden Teamärzte Lothar Heinrich und Andreas Schmid ihr Schweigen gebrochen. Ihnen wurde von der Uniklinik Freiburg am Morgen danach fristlos gekündigt. Laut Aldag und Zabel hätten die Mediziner von den Verstößen gewusst, gleichzeitig aber vom Doping abgeraten. Die Substanzen habe Masseur Jef D'hont besorgt. Teamchef Walter Godefroot sei von ihnen nicht einbezogen worden.

Der Telekom-Nachfolger T-Mobile will sich der Aufarbeitung der traurigen Vergangenheit stellen, aber "aus Ruinen auferstehen". Teammanager Bob Stapleton: "Für den Neuanfang brauchen wir auch Rolf Aldag, gerade mit seinem Wissen um die Fehler, um daraus für eine saubere Zukunft zu lernen." Der Konzern halte an der Sponsorzusage bis 2010 fest. Der Rennstall Milram wird sich kommende Woche äußern, ob er Erich Zabel weiter beschäftigt.

Das Ullrich-Lager schweigt die Dopingthematik betreffend nichtsdestotrotz weiter, Aufregung gibt es anderer Art: Nachdem sein Anwalt Peter-Michael Diestel noch am Vormittag die Aussage getroffen hatte, "ein Auspacken bei Jan Ullrich gibt es in diesem Sinne nicht. Ullrich brauchte bei seinem großen Talent nicht zu dopen", war er wenige Stunden später nicht mehr sein Anwalt. Ullrichs Manager Wolfgang Strohband bestätigte der "Bild"-Zeitung, Ullrich habe Diestel das Mandat entzogen. Der Däne Bjarne Riis, als Telekom-Kapitän Tour-Sieger 1996, kündigte für Freitag in Kopenhagen ebenfalls eine Pressekonferenz an.

fpf/sid/dpa

Mehr lesen über