Tennis: Kaserne, Kloster, Knast - DER SPIEGEL
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Tennis Kaserne, Kloster, Knast

Junge Talente aus Osteuropa werden im Westen zu den Stars von morgen gepäppelt. In Hamburg hat sich eine Enklave etabliert, in der Russisch gesprochen wird.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Dass Sport etwas mit Spaß zu tun haben kann, scheint für den jungen Mann mit dem unrasierten Gesicht undenkbar. Vom Netz aus scheucht ihn sein Coach in einer schummrigen Tennishalle in Hamburg-Schnelsen über den Platz, und Nikolai Solowjow jagt den Bällen hinterher, als entscheide jeder Punkt über den Einzug ins Finale von Wimbledon. Misslingt ihm ein Schlag, flucht er wie ein Hafenarbeiter am Schwarzen Meer, dem eine Ladung Bananen über die Kaimauer gekippt ist.

Es geht ja auch um einiges. Denn Solowjow, 15, soll in etwa sechs Jahren, so sieht es der Masterplan seiner Förderer vor, zu den Top Ten der Tennis-Weltrangliste gehören ­ und dann die Millionengagen einspielen, die sich seine Geldgeber von ihm versprechen.

Die Hoffnung scheint berechtigt. Unter Fachleuten gilt der wilde Teenager, der trotz seiner 1,90 Meter Körpergröße erstaunlich flink auf den Beinen ist, als eines der größten Talente seines Alters. Einmal wurde Solowjow mit seiner Landesauswahl Vizeweltmeister, dreimal schon Europameister, und im vorigen Jahr wurde er in seiner Heimat zum besten Juniorenspieler des Jahres gekürt.

Dass der Junge aus der russischen Stadt Taganrog seine Karriere ausgerechnet in einem Hamburger Stadtteil vorantreibt, wirft ein Licht auf die Usancen der Branche. Da es in Osteuropa, wo Sport traditionell vom Staat gefördert wurde, zwar ein Heer von Talenten gibt, die Ausbildungsmöglichkeiten indes miserabel sind, ziehen immer mehr junge Spieler immer früher von zu Hause weg, um im Westen ihren Traum vom Profileben zu verwirklichen.

Als leuchtendes Beispiel gilt einer ganzen Generation Tennis spielender Jugendlicher der Werdegang der Centre-Court-Beauty Anna Kurnikowa. Mit 11 verließ sie Moskau und siedelte nach Florida in das Camp des Tennis-Gurus Nick Bollettieri um, mit 16 war sie bereits ein Star. Heute, 20-jährig, ist sie mit rund 14 Millionen Dollar Jahreseinkommen die bestverdienende Sportlerin der Welt.

Die Suche nach Talenten vom Schlage Kurnikowa, das so genannte Scouting, ist folglich ein schwer umkämpfter Markt. Nicht nur international tätige Vermarkter wie die amerikanischen Konzerne IMG oder Octagon dringen bei der Jagd nach den Stars von morgen mittlerweile bis in entlegenste Provinzen vor. Auch kleine Agenturen wie die Hamburger International Tennis Academy durchpflügen die Weiten Osteuropas ­ und hoffen auf das große Los. "Es herrscht eine Goldgräberstimmung wie früher am Neuen Markt", sagt der Schweizer Talentspäher Ivan du Pasquier von der Spieleragentur UpturnOne.com.

Schon gilt die Szene bei den 15- und 16-Jährigen als "abgegrast", wie eine Insiderin sagt. Doch die Ressourcen scheinen unerschöpflich. Ein Indikator ist die europäische Top-50-Bestenliste für Mädchen unter 14 Jahren: 40 von ihnen stammen aus dem ehedem sozialistischen Block.

Auf junge Spieler, die den Sprung in den Westen wagen, wartet wie in Hamburg indes ein gnadenloses Programm. Ihr Leben in der Fremde besteht aus Tennis und aus nichts sonst. Bis zu acht Stunden täglich dauert der körperliche Drill, und wer am Ende des Monats keine klar nachprüfbaren Fortschritte gemacht hat, "wird wieder nach Hause geschickt", wie Christian Onken, 48, Geschäftsführer der Tennis Academy, ungerührt sagt: "Entweder die werden was, oder die stürzen ab."

Dasselbe gilt freilich auch für Onken. Denn auf dem Spiel steht sehr viel Geld. Mit seiner Geschäftspartnerin Natalja Rewa, 36, einer ehemaligen Profispielerin mit hilfreichen Kontakten zum russischen Tennisverband, alimentiert der ehemalige Hockey-Bundesligaspieler neben Solowjow derzeit drei weitere russische Talente in Deutschland. Damit ihn die Kosten seiner Kaderschmiede ­ rund eine halbe Million Mark pro Jahr ­ nicht in den Ruin treiben, hat der Academy-Boss einen Financier beteiligt: eine griechische Reederei.

Sie sind Geschäftsleute, keine Freunde, und irgendwann wollen sie eine Gewinnausschüttung sehen. Entsprechend sind die Verträge zwischen der Academy und den Eltern der Talente gestaltet: Sobald die Zöglinge im Profizirkus Geld einspielen, müssen sie pro Ausbildungsjahr zwei Jahre lang rund 20 Prozent ihrer gesamten Einnahmen abführen. Und wenn doch keiner der Youngster den Durchbruch schafft, "dann habe ich ein Problem", sagt Onken.

So weit soll es jedoch nicht kommen. Und deshalb wird den Eleven der Academy vom ersten Tag an eingebimst, was Siegermentalität bedeutet. "Wir brauchen egoistische und freche Spieler", sagt Trainerin Rewa, "die auf dem Platz Aggressionen zeigen."

Freundschaften untereinander sind in der russischen Enklave verpönt. Die Spieler leben in Einzelzimmern eines mittelprächtigen Hotels und betrachten sich als Konkurrenten. "Wenn ich ein Problem habe", sagt Marija Archipowa, 16, "dann gehe ich damit zu meinem Trainer." Die anderen, argwöhnt sie, könnten ihre Schwäche ausnutzen.

Das Leben in der Tennis Academy von Hamburg-Schnelsen ist von allem etwas: ein bisschen Kaserne, ein bisschen Kloster, ein bisschen Knast. Unnachgiebig achtet Trainerin Rewa darauf, dass keiner ohne ihre Erlaubnis nach den Übungsstunden die Anlage verlässt, und selbst bei der Auswahl der Videos kennt sie kein Pardon: Schnulzen und Schmonzetten ja, Action-Thriller nein. Sie will in ihrem Mikrokosmos jegliche Irritationen vermeiden.

Und wenn Onken mal wieder eine Gruppe pubertierender Mädchen aus der Nachbarschaft ertappt, die schmachtend vor der Tennisanlage "Racket Inn" ausharren, weil sie gehört haben, dass hier ein gut aussehender russischer Teenie mit Namen Nikolai zum Profi ausgebildet wird, dann verscheucht er sie vom Grundstück wie der stolze Besitzer eines Rassehundes streunende Tölen.

Bislang scheint alles im Lot. Der einzige Spieler, der gegen die strikten Regeln gemeutert hat, wurde prompt gefeuert ­ ein Einzelfall. Denn Jugendliche aus Osteuropa, so glaubt Onken, "kommen besser mit Entbehrungen zurecht und arbeiten härter für ihr Ziel". Anders als für Kids aus bundesdeutschen Tennisclubs ist Sport häufig die einzige Chance zum gesellschaftlichen Aufstieg.

Dass die Welt des Glamours und des großen Geldes indes auch ihre Tücken hat, musste unlängst Nikolai Solowjow erfahren. Bei einem Turnier wurde er dem russischen Jungstar Marat Safin, 21, vorgestellt. "Und, hast du Frauen?", war Safins erste Frage. Solowjow sagte Nein ­ und lief knallrot an.

JULIJA WOROPAJEWA, MICHAEL WULZINGER