Tennis-Profi del Potro: Der schlafende Riese - DER SPIEGEL
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Juan Martín del Potro: Argentiniens Tennis-Hoffnung

Foto: JOHN SOMMERS II/ REUTERS

Tennis-Profi del Potro Der schlafende Riese

Novak Djokovic ist derzeit das Maß aller Dinge im Tennis. Sein kommender Gegner im Davis-Cup-Halbfinale, Juan Martin del Potro, könnte das in Zukunft ändern. Nach einer mysteriösen Pause greift der Argentinier wieder an und will zurück in die Weltspitze.
Von Christoffer Kleindienst
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Pete Sampras war voll des Lobes: "Ich bin ein großer Befürworter seiner Art Tennis zu spielen. Er hat einen großartigen ersten Aufschlag und spielt den Ball sehr kompromisslos und gerade", sagte die ehemalige Nummer eins der Tennis-Welt vor einigen Wochen der "Los Angeles Times".

In Zeiten eines Novak Djokovic, der mit seinem Sieg im Finale der U.S. Open gegen Rafael Nadal eine überragende Saison gekrönt hat, grenzt es schon an ein kleines Wunder, dass Sampras nicht über den Serben sprach. Der 14-malige Grand-Slam-Sieger schwärmte von Juan Martin del Potro, derzeit Nummer 18 der Weltrangliste. Aber nicht nur Sampras weiß, dass der 22-Jährige zu den talentiertesten Spielern der Tenniswelt gehört.

Del Potros Entwicklung ging lange Zeit steil aufwärts: In seiner Jugendzeit gewann er nahezu jedes Junior-Turnier in Südamerika, schnell schaffte er den Sprung in die Herren-Elite. 2006 bestritt del Potro sein erstes ATP-Turnier, drei Jahre später triumphierte der damals 21-Jährige bei den U.S. Open. Im Finale schlug er Roger Federer. "Ich hatte ein tolles Turnier, aber er war der Beste", sagte der Schweizer damals voller Anerkennung, der zu dieser Zeit seine wenigen Niederlagen fast ausschließlich gegen Rafael Nadal einstecken musste.

In einem klassischen Drama wäre dies wohl der Höhepunkt, denn danach ging es für den 1,98 Meter großen Hünen stetig bergab. 2010 verlor del Potro bei den Australian Open bereits im Achtelfinale - es folgte eine mysteriöse Pause. Die offizielle Erklärung war eine Verletzung der rechten Hand, an der er später operiert wurde.

Physische oder psychische Verletzung?

Doch in der Heimat mutmaßte man, dass es keine Verletzung physischer Natur sei, die "El Palito" ("Das Stäbchen") eine derart lange Pause bescherte. "Der mysteriöse Fall del Potro" titelte die Zeitung "La Nacion" und behauptete, der Spieler habe panische Angst vor dem Versagen. Del Potros Berater, Ugo Colombini, wies diese Vermutungen zurück: "An der Geschichte ist nichts Wahres dran, sein einziges Problem ist das Handgelenk." Die Tenniswelt war trotzdem nicht überzeugt. Kollege und Freund Juan Monaco, der wie del Potro aus der Universitätsstadt Tandil stammt, heizte die Diskussionen weiter an: "Er mag ein Problem mit dem Handgelenk haben, aber ein noch viel größeres mit dem Kopf."

Die argentinische Presse vermutete, del Potro leide am Burnout-Syndrom. Eine andere Theorie konzentrierte sich auf sein ausschweifendes Partyleben - er feiere einfach zu viel und leide nun an Depressionen. Die Spielervereinigung der ATP, die sich um die Belange verletzter Profis kümmert, war ratlos. Bei dem einzigen offiziellen Telefonat in dieser Zeit sagte del Potro: "Mir geht es gut hier zu Hause. Ich vermisse Tennis nicht." Klarheit kam nie auf, denn der Tennisprofi ist introvertiert, lebt zurückgezogen und schweigt weitestgehend zu diesem Thema.

Die Tennispause kostete ihn 200 Plätze in der Weltrangliste

Fakt ist, dass der Argentinier in der Pause über 200 Plätze in der Weltrangliste verlor. Erst seit diesem Jahr spielt del Potro wieder und findet langsam zu seiner alten Form zurück. Der Wiedereinstieg in die Top 100 gelang schnell, aber del Potro will und kann mehr: "Ein rundum kompletter Spieler", sagte Federer ebenfalls nach seiner Finalniederlage bei den US Open 2009: "Bei ihm stimmt das Paket. Da ist nichts dem Zufall überlassen."

Del Potros große Stärke ist seine Größe: Nicht nur wegen seiner enormen Reichweite und den damit verbundenen Vorteilen beim Aufschlag. Der 22-Jährige besitzt all diese Vorteile, ohne sich mit den daraus zumeist resultierenden Nachteilen herumzuschlagen. Er bewegt sich leichtfüßig, spielt konsequent von der Grundlinie und kann dort mit seiner guten Beinarbeit bei jedem Ballwechsel mithalten.

Zudem besitzt del Potro mit seinen Grundschlägen die Fähigkeit, jederzeit einen Ballwechsel zu beenden. Vorhand wie Rückhand kann er mit einer Geschwindigkeit von mehr als 160 Kilometern pro Stunde über das Netz bringen.

In diesem Jahr hat er mit Siegen über Top-Ten-Spieler bereits gezeigt, dass er wieder oben mitmischen kann. Zwar wurde bei den Grand-Slam-Turnieren deutlich, dass del Potro noch an seiner Fitness arbeiten muss; spielerisch ist ihm aber wieder einiges zuzutrauen. Was er braucht sind Erfolge, um nötiges Selbstvertrauen zu sammeln und sich somit erneut an der Spitze des Welttennis festzusetzen. Das Halbfinale des Davis Cups kommt für ihn wie gerufen: Maximal zwei anspruchsvolle Matches erwarten ihn - eines davon gegen Djokovic. Der frisch gebackene US Open-Sieger hat del Potro jedoch noch etwas Wichtiges voraus: Er spielt konstant auf höchstem Niveau.