Tennis: Sampras als leichte Beute - DER SPIEGEL
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Tennis Sampras als leichte Beute

Insgesamt 13 Grand-Slam-Turniere hat Pete Sampras gewonnen, aber niemals die French Open in Paris. Er redet von Siegen als "Droge", doch die neue Generation der Tennisprofis zollt ihm keinen Respekt mehr.
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Im Traum hat Pete Sampras die French Open schon oft gewonnen. Erst neulich wieder, so weiß er zu berichten: Da habe er im Finale des Grand-Slam-Turniers den brasilianischen Sandplatzwühler Gustavo Kuerten zerpflügt. Ein Triumph, ersponnen im Bett. Ein anderes Mal, während eines Flugs über den Atlantik, war es sein amerikanischer Landsmann Andre Agassi, gegen den er in Gedanken den Matchball verwandelte. Mit einem unerreichbaren Killeraufschlag. "Ich stellte mir vor, wie ich bei der Siegerehrung den Pokal küsse", sagt Sampras. "Es war die absolute Freude."

Und es wäre das passende Happy End für ein Tennis-Märchen. Denn Sampras ist zwar der beste Spieler aller Zeiten ­ 13 Siege in Grand Slams hat er errungen, mehr als die Legenden Rod Laver und Roy Emerson. Aber Paris ist das einzige der vier Top-Turniere, das er nie hat gewinnen können. Ab übernächsten Montag unternimmt er den 13. Versuch: "Die French Open sind meine letzte Herausforderung."

Sehr lässig, fast schon cool, fläzt sich Sampras, 30, in der pompösen Lobby des römischen Hilton Hotels in einem Sessel. Er ist unrasiert, trägt Bermudashorts und Badelatschen und gibt sich selbstbewusst. "Dieses Jahr werde ich mich durchbeißen. Ich weiß, dass ich es schaffen kann", sagt er, und dann erklärt er, warum er so denkt: "Ich bin für jeden Spieler eine Riesengefahr." Seine Worte klingen seltsam überdreht. Da spricht einer, der sich im dunklen Wald Mut macht.

Denn die Zeiten, in denen Sampras ein ebenso schnelles wie kompromissloses Tennis spielte, dem keiner gewachsen war, sind vorbei. Die "totale Dominanz über meine Gegner", die er sich noch immer vorgaukelt, ist nur Erinnerung. Der alternde Champ, der seit Pfingsten beim World Team Cup in Düsseldorf spielt, wird zunehmend zur traurigen Figur.

Sampras, der sechs Jahre nacheinander die Saison als Nummer eins der Weltrangliste abschloss, rutschte 2001 ans Ende der Top Ten. Inzwischen wird er auf Rang elf notiert, Tendenz fallend. In seiner Karriere hat er 63 Turniere gewonnen, aber sein letzter Sieg liegt fast 23 Monate zurück. "Seine Zeit läuft ab", sagt der australische Star-Trainer Bob Brett.

Doch Sampras blendet die anhaltende Erfolglosigkeit aus. Den sich häufenden frühen Niederlagen begegnet er, wie so mancher anfänglich einer schlimmen Krankheit begegnet: mit einer Mischung aus Verdrängung und Trotz. Als Sampras Anfang April im Daviscup auf schnellem Gras, seinem Lieblingsbelag, gegen den spanischen Defensivkünstler Alex Corretja verlor, brummelte er: "Es passieren eben lustige Dinge im Leben."

Lustige Dinge? John McEnroe hat schon erlebt, was Sampras gerade durchmacht: dass Siege nicht auf ewig selbstverständlich sind, weil Genialität im Sport ein vergängliches Gut ist. "Die Magie seines Spiels ist nicht mehr da", sagt der Altmeister. "Die jüngeren Leute haben endgültig den Respekt vor ihm verloren."

Tatsächlich ging Sampras zuletzt auffällig oft gegen die Stars der neuen Generation als Verlierer vom Platz. Vor allem in den Grand-Slam-Turnieren, bei denen er sich früher zu konzentrieren vermochte wie kein Zweiter: In Wimbledon unterlag er dem zehn Jahre jüngeren Roger Federer. Der Russe Marat Safin nahm ihn vor zwei Jahren im Finale in New York und bei den letzten Australian Open auseinander. Vorigen September wurde er in Flushing Meadows ebenfalls im Endspiel vom Australier Lleyton Hewitt demontiert.

Siege aber sind für Sampras "eine Droge", und an Entzug mag er nicht denken. Er könne sich durchaus vorstellen, "noch fünf Jahre" zu spielen. Und so läuft der einst Übermächtige Gefahr, seinen Ruf zu ramponieren und wie Boris Becker den richtigen Augenblick für den Rücktritt zu verpassen.

Schon jetzt wirkt er in der Players' Lounge unter Kollegen wie Andy Roddick, 19, oder Carlos Ferrero, 22, wie ein Fremder. Während sie sich lauthals lachend miteinander unterhalten, verschanzt sich Sampras schweigend hinter verschränkten Armen in der hintersten Ecke des Raums. Die Profi-Vereinigung ATP vermarktet in einer Kampagne längst das "new establishment", die neuen Platzhirsche: "younger, faster, stronger".

Auf dem Court wie Straßenkämpfer

Diese Typen, die sich auch auf dem Court wie Straßenkämpfer benehmen, haben keine Achtung mehr vor Sampras. Eher bemitleiden sie ihn. Als er zuletzt in Miami mit 6:7, 1:6 gegen den unbekannten Chilenen Fernando Gonzales ausschied, fand Hewitt das "einfach nur traurig".

"Es hat an Reiz verloren, gegen ihn zu spielen", sagt der deutsche Daviscup-Akteur David Prinosil. "Seine Aura, mit der er früher Matches gewonnen hat, bevor auch nur ein Punkt gespielt war, ist verschwunden." Sampras, meint Prinosil, habe jetzt "bei jedem Turnier" Probleme. Selbst in Wimbledon, wo er siebenmal erfolgreich war, bestehe für ihn nur dann eine Chance, "wenn alles passt".

Die Aussicht darauf scheint minimal. Das Tennisspiel hat sich in den letzten Jahren weiterentwickelt, Sampras jedoch nicht. Coach Bob Brett hält die Spielweise des Amerikaners für antiquiert. Es reiche heutzutage nicht mehr, nur "mit Urgewalt" auf den Ball zu prügeln. Sampras, der mit 14 vom Grundlinien- zum Serve-and-Volley-Spieler umgeschult wurde, nutze Länge und Breite des Platzes nicht aus. Und sein Slice sei harmloser als der von Steffi Graf: "Sein Skalp ist eine vergleichsweise leichte Beute geworden." Der Amerikaner Paul Annacone, ein ehemaliger Profi, der Sampras sieben Jahre lang trainierte, sagt: "Pete muss kreativer agieren, wenn er mithalten will."

Mit dem Gescholtenen über seinen Sinkflug zu diskutieren ist ein schwieriges Geschäft. Unangenehme Fakten ignoriert er oder wischt sie gleichgültig beiseite: "Mir doch egal." Dabei bleibt sein Gesichtsausdruck unverändert und die Stimmlage monoton ­ als ob er, wie auf dem Tennisplatz, sein Gegenüber aus dem Feld schlagen will, indem er keine Gefühle zeigt. Sampras nippt an einem Glas Wasser und teilt emotionslos mit, dass einer wie Safin das Herrentennis "nie so beherrschen" werde wie er.

"Unvollendetes Lebenswerk"

Darum ging es ihm von Anfang an: als uneingeschränkter König der Branche zu gelten. Sampras führt einen manischen Kampf um Anerkennung, seit ihm ein Kinderarzt aus Rolling Hills bei Los Angeles vor beinahe 20 Jahren eingeflüstert hat, er müsse der größte Spieler überhaupt werden. Pete Fischer, der Sampras zu trainieren begann, als der sieben war, sagte auch: "Wenn dein Ruf makellos sein soll, musst du die French Open gewinnen."

Heute ist Sampras deshalb der Meinung, dass "mein Lebenswerk unvollendet" bleibt, wenn er die Coupe des Mousquetaires nicht erobert. Angetrieben von dieser absurden Vorstellung, hat Sampras im Februar einen neuen Coach engagiert: den Spanier José Higueras, 49, schon als Weltklasseprofi ein ausgewiesener Experte für das Geduldsspiel auf roter Asche. Unter seiner Führung gewannen Jim Courier und Michael Chang in Paris. "Er ist bekannt dafür, das Beste aus einem Spieler herauszuholen", sagt Sampras. "Er verströmt positive Energie."

Als erste Amtshandlung hat Higueras den Trainingsplan seines Schützlings geändert. Früher arbeitete Sampras viel abseits des Platzes: Kniebeugen mit Gewichten auf den Schultern, Sprints die Treppenstufen eines Footballstadions hinauf, Medizinballweitwurf. Neuerdings aber steht er länger auf dem Court. In turnierfreien Wochen täglich "drei intensive Stunden, so viel wie nie zuvor", sagt Sampras. Und nach einem Match verordnet ihm Higueras schon mal eine Sonderschicht, wenn er den Ball nicht sauber getroffen hat.

Aber auf lange Ballwechsel, bei denen er bis zur Erschöpfung von einem Ende des Platzes zum anderen rennen muss, lässt sich Sampras immer noch nicht ein. Es entspricht nicht seinem Naturell. In Rom verlor er in gewohnt stürmischer Manier gegen Felix Mantilla gleich sein erstes Spiel; in Hamburg erwischte es ihn vorvergangenen Montag gegen den Weißrussen Max Mirnyi.

Einmal, 1996, schaffte es Sampras in Paris bis ins Halbfinale. Seitdem hat er dort magere fünf Spiele für sich entschieden. Dass der Wunsch, ein spezielles Turnier zu gewinnen, zur Obsession wird, haben in der Vergangenheit schon andere Profis erfahren. Für Ivan Lendl war es Wimbledon: Er ließ sich einen Rasenplatz in den Garten bauen, scheiterte aber trotzdem Jahr für Jahr. Und Björn Borg versagte in seiner Karriere stets bei den U. S. Open. Der Schwede gibt zu, er sei "daran innerlich zerbrochen".