Tennis "Tommy kann Wimbledon gewinnen"
Wer hätte gedacht, dass Tommy Haas einmal unschlagbar wird? Zumindest für ein Wochenende, auf - und auch neben - dem Tennisplatz. Bereits am Samstagnachmittag hatte Haas nach seinem recht dramatischen Halbfinalsieg gegen Philipp Kohlschreiber das Glück auch nach dem Match auf seiner Seite.
Bei einer Verabredung in der Players Lounge der Gerry Weber Open traf der Tennisprofi dort für einen Imagefilm den Spielautomaten-König Paul Gauselmann. Vor der Kamera plauderten die etwas ungewöhnlichen Gesprächspartner über die Lust am Sieg - auf dem Tennisplatz und an den Daddelgeräten. Haas spielte parallel an einem der funkelnden Automaten, und noch während die letzten Worte beim PR-Dreh gesprochen wurden, blinkte auf einmal eine Rekordpunktzahl am Gerät auf. "So wird's gemacht", sprach Haas zu dem millionenschweren Unternehmer und verkündete sein Credo: "Wenn ich etwas mache, will ich auch immer gewinnen. Das war schon als kleines Kind so."
31 Jahre ist Haas jetzt alt. Er ist einer der Veteranen im Nomadenzirkus der Tennisspieler, einer der Altgedienten in der Karawane, die von Januar in Australien bis November in London um den Globus zieht. Aber auch in seinem Karriereherbst hat den leidgeplagten Haas, der in seiner Berufszeit dreimal an der rechten Schulter operiert wurde, ein verzehrender Ehrgeiz nie verlassen. Und dass er noch immer mit den Großen und Größten der Branche mithalten kann, hat er auf spektakuläre Weise erst bei den French Open und nun beim ATP-Wettbewerb in Halle demonstriert.
In Paris wurde er für den späteren Champion Roger Federer beinah zum Spielverderber, in Halle rief man ihn dann erstmals in seiner Laufbahn zum "Rasen-König" aus - dank eines verdienten 6:3, 6:7, 6:1-Sieges über den Weltranglisten-Vierten Novak Djokovic. Er hat nun auf allen wechselnden Belägen der Branche - ob Hartplatz, Teppich, Sand oder Gras mindestens einmal in seinem Tennisleben ein Turnier gewonnen. Ein Kunststück, das unter den deutschen Spielern bisher nur Ästhet Michael Stich fertig brachte.
Haas galt eigentlich Ende der neunziger Jahre als aussichtsreichster Erbe der goldenen deutschen Tennisgeneration um Becker und Stich. Doch im Erwachsenentennis fehlten dem "Florida-Boy", der im Drillcamp des berüchtigten Amerikaners Nick Bollettieri ausgebildet worden war, der große Plan und die richtige Begleitmannschaft zum nachhaltigen Vorstoß in die Weltspitze. Haas war zwar auf Sieg fixiert, diese Leidenschaft jedoch auch zielführend einzusetzen, gelang ihm nie wirklich. Zwar war Haas in seinen frühen Jahren tatsächlich einmal die Nummer 2 der Welt, aber es war nur ein flüchtiger Erfolgsmoment - begünstigt auch durch die merkwürdige Ranglisten-Arithmetik.
Ein großer, ein spektakulärer Coup, etwa ein Grand-Slam-Sieg, flankierte diesen Aufstieg jedenfalls nicht. Zu oft vertröstete sich Haas auf viel bessere Tage in der Zukunft und ließ die Berichterstatter stattdessen in Wimbledon schon mal wissen, das berühmteste Turnier der Welt sei "Mist", man solle lieber Kühe spielen lassen hier - und, überhaupt, er freue sich schon auf die US Open im geliebten New York in ein paar Wochen.
"Weiß, dass ich viele Fehler gemacht habe"
Als sich Haas in den potentiell besten Profijahren dann daran machen wollte, das Versäumte nachzuholen, ereilten ihn plötzlich und natürlich unerwartet massives Verletzungspech und private Schicksalsschläge. Allein in Wimbledon fehlte er viermal, wegen der Schulteroperationen, aber einmal auch, weil er sich wegen eines Motorradunfalls um seine schwer verletzten Eltern kümmern musste. 2005 trat er beim Aufwärmen im Erstrundenspiel gegen den Serben Janko Tipsarevic auf einen Ball und zog sich einen Bänderriss zu, 2007 musste er vor dem Achtelfinale gegen Federer wegen einer Bauchmuskelzerrung passen.
Dass Haas heute endlich über die berufsnotwendige Reife und Übersicht als Tennisprofi verfügt, bedeutet angesichts der andauernden Rückschläge umso mehr. "Ich weiß jetzt, dass ich viele, viele Fehler gemacht habe. Die falschen Leute an meiner Seite, nicht die richtigen Trainer", sagt er, "ich war letztlich zu oft auf mich allein gestellt." Dass er sich durch alle Rückschläge nicht hat beirren lassen, honorieren seine Berufskollegen mit Respekt: "Tommy ist ein Spieler, den ich wirklich mag. Er hat ein großes Kämpferherz und eine große Liebe zu diesem Sport, sonst wäre er jetzt nicht mehr da", sagt Roger Federer.
Diesen wiedererstarkten Haas, der nach seinem dritten großen Comeback nach Verletzung schon wieder auf Platz 35 der Rangliste steht, muss auch Federer ab nächsten Montag in Wimbledon fürchten. Nicht nur die Euphorie der deutschen Tennisfans hat Haas wiederentfacht, er hat sich auch international zurück in den Fokus der Medien und der Konkurrenz zurückgespielt. "Er ist einer von sechs, sieben Leuten, die in Wimbledon gewinnen können", sagte Djokovic nach seiner Final-Niederlage in Halle.
Beim Höhepunkt der Saison in Londons Stadtteil SW 19 verspricht die Lage herrlich unberechenbar zu werden: Denn während Haas im Ostwestfälischen zum Sieg stürmte, brachte sich beim Vorbereitungsturnier in Queens auch Lokalmatador Andy Murray mit seinem Triumph ins Gespräch für Wimbledon. Dem jungen Schotten wird durchaus zugetraut, die lange Durststrecke für das Vereinigte Königreich zu beenden - 73 Jahre nach Fred Perrys letztem Sieg. Zumal niemand weiß, wie es um die Kontrahenten des legendären Finales im vergangenen Jahr steht - um den unterlegenen Federer und den Titelverteidiger Rafael Nadal.
Der Schweizer ruhte sich nach seinem historischen Erfolg in Paris für eine Woche in der Heimat aus, Nadal pflegte auf Mallorca das lädierte Knie. Beide gehen ohne direktes Vorbereitungsmatch in den Kampf um Wimbledons Krone - das bietet für Haas und Murray und andere heimlich hoffende Mitfavoriten die Chance, die Revolution auf den fein manikürten Grüns des All England Lawn Tennis Clubs anzuzetteln. Ein unschlagbares Finalwochenende vorausgesetzt.