Tiefensee-Interview "Es hat gewaltig geruckelt"
SPIEGEL ONLINE:
Bereuen Sie inzwischen Ihre Entscheidung, Ihr Engagement als Oberbürgermeister für Olympia vorzuziehen und stattdessen auf die SPD-Spitzenkandidatur in Sachsen zu verzichten?
Wolfgang Tiefensee: Nein, sie hat sich als richtig erwiesen und findet auch in der SPD immer mehr Akzeptanz.
SPIEGEL ONLINE: ... obwohl Ihre Partei seitdem in Sachsen immer mehr ins Abseits schlittert? Das muss Ihnen doch wehtun.
Tiefensee: Die SPD-Repräsentanz liegt im Moment aus vielerlei Gründen unter dem Wählerpotenzial. Aber ein engagierter Wahlkampf wird das noch deutlich verändern.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben auch Federn lassen müssen. Seit dem Neu-Aufbau der Olympia GmbH wirkt es sogar so, als hätten Wessies das Kommando übernommen. Sie sind ausgebootet worden?
Tiefensee: Keineswegs. Aber wir arbeiten seit der Entscheidung für Leipzig am 12. April vergangenen Jahres in einem gleichberechtigten Team, zwischen NOK, Freistaat Sachsen und Bund. Darin hat jeder spezifische Aufgaben übernommen und arbeitet mit beinahe übermenschlichen Kräften daran, dass Deutschland 2005 mit Leipzig auf dem Siegertreppchen steht.
SPIEGEL ONLINE: Aber sind diese Chancen durch die Pannen in der Anfangsphase nicht gewaltig geschrumpft?
Tiefensee: Die veröffentlichte Meinung hat lösbare Probleme in den Vordergrund geschoben. Das hat der Bewerbung nicht gut getan und Kraft gekostet, die wir besser auf den Wettbewerb mit unseren internationalen Konkurrenten verwendet hätten. Aber dieser Klärungsprozess war nötig. Jetzt haben wir diesen Prozess abgeschlossen.
SPIEGEL ONLINE: Wirklich? Auch in Zusammenhang mit dem Stadionbau zur Fußball-WM wurden kürzlich Ungereimtheiten publik. Es geht um eine merkwürdige Millionenprovision auf öffentliche Mittel. Ist so etwas in Leipzig normal?
Tiefensee: Dort, wo es innerhalb der Stadt Unregelmäßigkeiten gibt, werden sie aufgeklärt. Das garantiere ich. Die Stadion-Finanzierung ist allerdings schon vor einen längerer Zeit von Medien aufgegriffen und wieder fallengelassen worden. Jetzt tauchen die Fragen erneut auf und werden wieder beantwortet.
SPIEGEL ONLINE: Aber publik wurde die Sache erst jetzt.
Tiefensee: Weil wir jetzt im besonderen Scheinwerferlicht stehen. Pauschalverdächtigungen und Überzeichnungen sind jedoch nicht angebracht und ich mahne Differenziertheit an.
SPIEGEL ONLINE: Aber ist eine Olympiabewerbung nicht faktisch wie eine Geldmaschine für eine Bewerberstadt? Es fließen Subventionen, die es auf anderem Weg vielleicht nicht gäbe. Ist es nicht logisch, dass das auch viele Glücksritter anlockt?
Tiefensee: Wenn in einer Verwaltung mit über 5500 Menschen eine Unregelmäßigkeit passiert, sollte dies nicht gleich allen Bewohnern einer ganzen Stadt übel genommen werden. Da, wo solche "Glücksritter", wie Sie sagen, ein scheinheiliges Geschäft versucht haben sollten, werden Konsequenzen gezogen.
SPIEGEL ONLINE: Laut BBC-Sports sieht es für Leipzigs Olympia-Chancen derzeit düster aus. Der Wettkurs liegt bei 1:25, damit schneiden nur noch Istanbul und Havanna schwächer ab.
Tiefensee: Natürlich ist man zu Beginn eines Wettbewerbs geneigt, zunächst internationalen Städten mit einem großen Bekanntheitsgrad mehr zuzutrauen. Aber dann könnten wir gleich die Arbeit sein lassen. Nein, wir haben diese Herausforderung gesucht und wissen, was auf uns zukommt. Wir suchen nach Lösungen, wie wir diese oder jene Schwäche in eine Stärke verwandeln können. Das ist unser Prinzip, aber diese Sichtweise ist in unserem Land nicht sehr verbreitet. Ich spüre eher Verzagtheit und vorauseilendes Spekulieren über das Scheitern, statt sich auf das zu konzentrieren, was an Stärken da ist.
SPIEGEL ONLINE: Klingt es dann nicht wie Zweckoptimismus, wenn Sie betonen, froh darüber zu sein, "dass die nationale Begeisterung in Fahrt kommt". Laut "Welt am Sonntag" glauben nur 53 Prozent der Deutschen an eine realistische Chance für die Leipziger Bewerbung.
Tiefensee: Aber ist das in der Startphase nicht nachvollziehbar beim klangvollen Namen unserer Konkurrenten? Und ist das nicht eine Schlagzeile: Fast 50 Prozent der Deutschen glauben an eine realistische Chance? Wir müssen uns anstrengen, dass die Unterstützung noch größer wird, keine Frage. Außerdem wird kaum kommuniziert, dass trotz aller Sturmfluten die Grundbegeisterung nicht nachgelassen hat, dieses weltgrößte Event nach Deutschland zu holen. Fast 90 Prozent würden das begrüßen.
Teil II - Tiefensee über Leipzigs unwiderstehlichen Charme und Milliarden-Investitionen
SPIEGEL ONLINE: Was soll für das IOC das Unwiderstehliche an Leipzig sein?
Tiefensee: Wir werden nicht mit dem Ruf einer Weltmetropole überzeugen können, aber mit einer unverwechselbaren Mischung aus mehreren Komponenten. Dazu zählt die Kompaktheit, die Lage im Herzen des vereinigten Europa und dass sich mit Leipzig Deutschland als eine angesehene Sportnation bewirbt, die für Gastfreundlichkeit steht, für Weltoffenheit und für Qualität beim Organisieren großer Events. Das verknüpft mit der sportlichen und kulturellen Tradition dieser Stadt ist bereits unverwechselbar. Dazu kommen eine ganze Reihe innovativer Ideen bis hin zum Ausbau leerstehender Stadtvillen zu Gästehotels.
SPIEGEL ONLINE: Aber trotz Werbespots auf CNN ist Leipzig weltweit ein recht unbekannter Ort geblieben.
Tiefensee: Die Entscheidung 2005 in Singapur wird nicht nach Umfragen über die Bekanntheit gefällt. Es geht darum, beim IOC Punkte zu sammeln. Das IOC vergibt Olympische Spiele wie einen Schatz dahin, wo die besten Bedingungen für die Athleten herrschen und die Spiele sicher und mit nachhaltiger Wirkung gestaltet werden können.
SPIEGEL ONLINE: Leipzig wirbt auch mit einem Konzept der kurzen Wege. Aber das tun auch Madrid London, Rio und New York.
Tiefensee: Aber nur wir bieten ein Konzept, in dem über 90 Prozent aller Medaillen in einem kleinen überschaubaren Umkreis vergeben werden, dessen Mittelpunkt der Marktplatz ist. Die ganze Stadt lebt Olympia. Nachhaltigkeit und Ökologie werden mehr in den Mittelpunkt gestellt denn je. Weder Bauruinen, noch zerstörte Landschaft sollen nach den Spielen übrig bleiben, auch das wird bewertet. Wir werden beweisen, dass wir alle gestellten Anforderungen sogar übererfüllen können.
SPIEGEL ONLINE: Worauf bauen Sie Ihren Optimismus?
Tiefensee: Denken Sie einmal zurück: Kaum jemand hatte einen Pfifferling darauf gesetzt, dass Deutschland den Zuschlag für die Fußball-WM 2006 erhält.
SPIEGEL ONLINE: Da spielte aber auch der Faktor Beckenbauer eine Rolle. So ein einflussreiches Zugpferd fehlt Leipzig bis jetzt.
Tiefensee: Die Leipzig-Bewerbung hat viele gute Zugpferde. Franz Beckenbauer für 2006 war singulär. Aber auch er sagt, dass es immer wieder Lösungen für schier unüberwindbare Probleme gibt. Was wir brauchen, ist eine Kreativität im ganzen Lande, wie wir diese nationale Aufgabe gemeinsam meistern können.
SPIEGEL ONLINE: Was soll Olympia eigentlich kosten? Mal hieß es 1,7 Milliarden Euro, dann 2,6, dann 9 bis 14 Milliarden? Ein richtiger Kostenplan fehlt.
Tiefensee: All diese Zahlen sind spekulativ. In den letztgenannten Höhen hat Leipzig nie kalkuliert. Wir werden sicherlich dichter an den niedrigeren Zahlen liegen als an den hohen, wenn es um die olympiabedingten Mehraufwändungen geht. Das komplexe Rechenwerk muss bis November 2004 stehen und wird dann allen Prüfungen standhalten. Wichtig ist: Aus jedem Euro soll größtmöglicher Nutzen gezogen werden. Verplempert wird nichts.
SPIEGEL ONLINE: Bislang halten sich Sponsoren jedoch zurück. Von acht bis zehn Unternehmen waren Zuwendungen in Höhe von 500.000 Euro erwartet worden, bislang haben sich aber nur zwei nationale Förderer gemeldet.
Tiefensee: Die Akquise läuft doch erst an. Meine Bitte an die Wirtschaft jedoch bleibt, sich bereits an Projekten im Vorfeld des endgültigen Entscheidungsjahres 2005 zu beteiligen, damit das unsere Ausgangsposition stärkt. Olympia stärkt Deutschland, stärkt die Wirtschaft.
SPIEGEL ONLINE: Lässt sich eigentlich nach den Stasi-Affären zu Beginn noch überzeugend mit dem Titel "Helden- und Wendestadt" punkten, wie das bei der nationalen Ausscheidung der Fall war?
Tiefensee: Wieso nicht? Da ist nichts lädiert oder geschmälert. Das was diese Bevölkerung während der Wende auf die Beine gestellt hat, bleibt ein unverrückbarer Wert in der Geschichte dieser Stadt. Mit Leipzig verbindet sich auch heute, den schmerzlichen Wandel von der Diktatur zur Demokratie menschlich und fair zu meistern.
SPIEGEL ONLINE: Hat der zeitweise mangelnde Kontrollblick aber nicht schon zum Entgleisen geführt?
Tiefensee: Durch den Ärger in der Anfangsphase sind wir nicht entgleist. Aber es hat gewaltig geruckelt. Doch diese Erfahrung hat uns stark gemacht für das, was noch kommt. Denn ich prognostiziere, dass das nicht die letzte Schwierigkeit war, die wir bei einer so komplexen Aufgabe zu bewältigen haben.
SPIEGEL ONLINE: Sie bleiben auf jeden Fall an Bord? Oder wechseln Sie doch noch als Minister ins Verkehrsressort?
Tiefensee: Diese Frage hält sich hartnäckig. Aber ich bleibe meiner Antwort treu: Olympia und Leipzig gehen für mich über alles.
Das Gespräch führte Holger Kulick