Tiger Woods Preis eines erfüllten Traumes
Hamburg - So mancher Golffreund hat sich dieser Tage gut eingemummt Richtung Gut Kaden bei Hamburg aufgemacht, um sich vom 15.-18. Mai auf der dortigen Golfanlage die zur European Tour gehörenden "Deutsche Bank/SAP Open" anzusehen. Dort pfeift zwar der Wind eisig über die einstige Bauernwiese und von Wonnemonat Mai kann hier keine Rede sein. Doch trotz des unwirtlichen Wetters lohnt der Ausflug nach Gut Kaden, denn das Turnier wartet mit großer Prominenz auf.
Woods zum fünften Mal in Deutschland
Neben dem nahezu komplett angetretenen Ryder Cup-Team Europas (nur Sergio Garcia und Jesper Parnevik fehlten), das im vergangenen September über die USA triumphierte, streitet sich auch Tiger Woods mit 155 anderen Golfprofis um die 2,7 Millionen Euro Preisgeld. Der Amerikaner ist Titelverteidiger und das große Zugpferd der Veranstaltung. Bereits im fünften Jahr in Folge zeigt der weltbeste Golfer sein Können dem deutschen Publikum. Dreimal konnte der 27-Jährige das Turnier gewinnen, jedes Mal in St. Leon-Rot, wo die Veranstaltung alternierend mit Hamburg stattfindet. Auf Gut Kaden wurde er im Jahr 2000 hinter dem Engländer Lee Westwood und dem Italiener Emmanuele Canonica Dritter.
Möglicherweise ist dieser dritte Platz der Grund, weshalb Tiger Woods auch dieser Tage in Deutschland weilt. Denn damals verspielte er auf dem Golfplatz vor den Toren Hamburgs eine sichere Führung in der Schlussrunde - ein Einbruch, wie es ihm erst vier Mal in seiner Karriere passiert ist. Solch einen sportlichen Schönheitsfleck gilt es in dieser Woche zu beseitigen. So hat sich Woods am Dienstagabend von Florida aufgemacht, um am Mittwochmorgen um 6 Uhr morgens mit seinem Privatjet in Hamburg-Fuhlsbüttel zu landen. Natürlich erhält er für den Auftritt in Deutschland auch ein ordentliches Startgeld (von einer Millionen Euro ist die Rede) und so mancher Geschäftstermin wird in Hamburg ebenfalls eingeschoben: Ende August ist die Deutsche Bank Hauptsponsor beim von Woods organisierten PGA-Turnier in Boston.
Tipp von Mark O'Meara
"Mein Kumpel Mark O'Meara hat mir von Deutschland erzählt und 1999 sind wir zusammen rüber gekommen", erzählt Woods die Ursprünge seiner Beziehung zu Deutschland, "ich hatte hier immer meinen Spaß." Dass die Nummer eins der Welt nun bereits im fünften Jahr in Folge hierzulande sein Können unter Beweis stellt, ist eine Tatsache, auf die der Golfstandort Deutschland stolz sein kann. In Europa ist Woods nur noch im Juli bei der 132. British Open in Sandwich zu sehen. Nach seiner Knieoperation im vergangenen Dezember hat Woods seinen Turnierplan eingegrenzt.
Auch der Zeitplan von Tiger Woods' Deutschlandbesuch ist in diesem Jahr strenger als sonst. So wirkte sein Erscheinen am Mittwoch teilweise wie eine Szene aus einem Agentenfilm. Abgeschirmt durch einen lebendigen Käfig aus Leibwächtern erschien Tiger Woods zur Mittagszeit, um eine zum Bersten gefüllte Pressekonferenz abzuhalten und anschließend rund 20 lockere Schläge auf der Driving Range vor einem Dutzend aufgeregter Kamerateams zu machen. Auf dem Puttinggreen blieb nur Zeit für einen kurzer Plausch mit den Kollegen und auch die als Trainingseinheit gedachte Pro-Am-Runde mit SAP-Gründer Hasso Plattner und Michael Stich musste bereits nach vier Löchern abgebrochen werden, da ein kräftiger Wolkenbruch den Platz völlig aufweichte.
So stand Woods am Donnerstagmorgen um 8.10 Uhr zum ersten Abschlag der Auftaktrunde bereit, ohne den Platz und seine Beschaffenheit überhaupt gesehen zu haben. Nicht unbedingt die optimale Vorbereitung auf ein Turnier. Doch für den besten Golfer der Welt kein Grund zur Panik.
Ob ihn die hektische Anreise denn nicht beeinträchtigte habe, wurde er denn auch im Anschluss an seine erste Runde gefragt. 69 Schläge benötigte Woods auf dem Par-72-Platz, was ihm den vorläufigen 15. Rang einbrachte. Keine schlechte Ausgangsposition, zumal der Wind am Vormittag kräftig heulte. "Alles, was ich bei diesen Bedingungen versucht habe, war eine Runde unter Par zustande zu bringen", urteilte der Titelverteidiger zufrieden über den Auftakt, der aus 15 Pars und drei Birdies bestand. Die Führung des Iren Padraig Harrington und Retief Goosen aus Südafrika (beide 65 Schläge) ist für einen Mann seiner Klasse nicht außer Reichweite.
Erfüllter Traum
Nachdenklich wurde Tiger Woods nur, als man ihm nach allerlei bizarren ("Wollen Sie nicht manchmal lieber Klavierstunden nehmen, als jede Woche ein Golfturnier spielen?" - "Nein!") auch eine persönliche Frage stellte. Ob er, da er schon zu Lebzeiten den Traum verwirklicht hätte, der beste Golfer der Welt zu sein, die Realität auch genießen kann? "Es ist schön, dass ich spielen und Turniere gewinnen kann, mit dem Spiel, das ich wirklich liebe", beichtete Woods. "Das einzige, das ich mir als Kind nicht vorstellen konnte, sind die ganzen zusätzlichen Pflichten, die mit dem Erfolg im Sport kommen. Früher träumte ich derjenige zu sein, der am 18. Grün den entscheidenden Putt versenkt. Aber ich habe nie an all die Sachen gedacht, um die man sich vor und nach einer Runde kümmern muss."
Der erfüllte Traum, der beste Golfer der Welt zu sein, ist offenbar ein einsamer. Ohne Schutz kann sich Tiger Woods nicht mehr in der Öffentlichkeit blicken lassen. Frei bewegen kann er sich nur, wenn er auf dem Golfplatz seine Runde spielt. So wurde er nach der Pressekonferenz auch schnell von seiner Leibgarde eingesammelt und zum nächsten Sponsorentermin in die Hamburger Innenstadt gebracht. Während Lee Westwood, Colin Montgomerie, Padraig Harrington, Darren Clarke oder die anderen Konkurrenten fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit noch auf der Driving Range an ihrem Schwung feilen und miteinander plaudern konnten, war von Woods auf Gut Kaden nichts mehr zu sehen. Erst am Freitagnachmittag, wenn er um 13 Uhr auf die zweite Turnierrunde geht, wird er wieder auftauchen.