Tischtennis: Boll statt Beckham - DER SPIEGEL
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Tischtennis Boll statt Beckham

In Deutschland ist er bekannt, in China berühmt: Tischtennis-Ass Timo Boll ist der einzige Konkurrent aus Europa, den Chinas Stars ernst nehmen - doch eine Verletzung hat den früheren Weltranglistenersten vor Olympia zurückgeworfen. In Peking wird er dennoch wie ein Popstar verehrt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zwei Jahre lang war Zhang Li Timo Boll, zuletzt Ende Juli. Aber weil Sportler während der Olympischen Spiele keine Kolumnen schreiben dürfen und auch nicht schreiben lassen, schreibt Zhang Li nun eben über statt als Timo Boll.

Li, Journalist der größten chinesischen Sportzeitung "Titan Sports" und Deutschland-Experte, ist seit 2006 Ghostwriter des deutschen Tischtennisstars. Er schrieb Boll-Kolumnen für seine Zeitung und ein großes chinesisches Boll-Blog, er schrieb über Bolls Alltag, Verletzungen und Siege. Im Mai ging es um die Erdbebenkatastrophe in Sichuan, "mit Entsetzen" habe er die Bilder im Fernsehen gesehen. Boll reagierte sofort und spendete signierte Tischtennisschläger.

In Deutschland nahm davon niemand Notiz, in China interessiert das sehr viele Menschen. Boll, den sie hier "Boah" aussprechen, wird verehrt, was mitunter groteske Züge annimmt. Boll berichtete, hier würden ihm die Fans "die Kleider vom Leib reißen", vor einem Jahr wählten ihn die Chinesinnen zum attraktivsten Sportler der Welt, noch vor David Beckham. Dazu gilt Boll als Ästhet an der Platte - und als der Mann, den die chinesischen Tischtennisspieler respektieren wie keinen zweiten.

Aber außerhalb der Tischtennishalle? Apathisch wirke er manchmal, heißt es, einsilbig. Zum "Schwachstrom"-Boll werde er dann, schrieb die "Zeit".

Zhang Li, der Ghostwriter, sagt: "Wir scherzen oft. Timo Boll ist sehr lustig. Aber nur bei Leuten, die er gut kennt."

Es gibt nicht viele Menschen bei diesen Olympischen Spielen, die Boll gut kennen, aber jede Menge, die ihn kennenlernen wollen. Den Silber-Gewinner im Team, die Medaillenhoffnung im Einzel. Er gibt Fernsehinterviews, er sitzt in der Pressekonferenz nach dem verlorenen Teamfinale und im Deutschen Haus am nächsten Morgen. Und immer wirkt der 27-Jährige bedächtig, ruhig, sinnierend. So ganz anders als der wirbelnde Tischtenniskünstler, der jeden Punkt mit einem kurzen Schrei bejubelt oder den Sieg gegen Japan im Team-Halbfinale mit einem Ausbruch der Freude.

Wer abseits der Platte nach einem lauten Lachen, einem Scherz oder einer emotionalen Regung sucht, wird enttäuscht.

Vielleicht ist Boll auch einfach nur konzentriert. Denn wer ihn bei diesen Olympischen Spielen auf den Sport anspricht, auf die Gegner, auf die Feinheiten des Spiels, der wird belohnt. Boll berichtet dann detailliert über das herausragende technische Niveau der Chinesen ("aggressiv und doch sicher"). Darüber, dass man heute schon vorher wissen müsse, wohin der Gegner den Ball spiele, "unser Sport ist so schnell geworden". Über die Penholder-Haltetechnik von Chinas Top-Stars Wang Hao und Ma Lin. Ma habe eine große Handgelenksfreiheit, "er kann im kurzen Spiel dem Ball einen besseren Schnitt geben" und Wang Hao habe sogar "die beste Rückhand der Welt" - obwohl die Rückhand bei der Penholder-Technik eher die Schwachstelle sei. Eigentlich.

Und er spricht über sich tatsächlich mal in der "Ich"-Form. "Ich bin athletisch so gut drauf wie nie", sagt er - oder: "Ich habe den Vorteil, dass ich beim gegnerischen Aufschlag die Rotation des Balles genau beobachte, das machen sonst nur wenige." Wenn Boll über Tischtennis spricht, ist er ganz bei sich. Sonst flüchtet er sich in das unverbindliche "man". In Talkshows geht er ungern, "weil dort zu oft nach privaten Dingen gefragt wird".

Es ist nicht überliefert, ob sich die chinesischen Trainer auch für den privaten Boll interessierten, als sie sich pedantisch auf die Spiele vorbereiteten. Sicher ist nur: Der Sportler Boll stand im Zentrum ihrer Recherchen. Sie filmten seine Technik, sie veranstalteten sogar ein Casting, um einen Boll-Klon zu finden: so groß, so schnell, so brillant wie der Deutsche. Der SPIEGEL berichtete von einer Liste, nach der die Kontrahenten in Kategorien eingeteilt wurden - A, B und C. Boll, derzeit die Nummer sechs und vor fünf Jahren schon mal Nummer eins der Welt, bekam ein A.

"Sie haben immer noch Respekt vor Timo", sagt Zhang Li, "aber keine Angst." Das mag an dem eigenen Fortschritt liegen, den die chinesischen Spieler gemacht haben und der sie laut Boll derzeit "technisch auf einem anderen Niveau" spielen lässt. Es liegt aber auch an der Verletzung, die den Mann von Borussia Düsseldorf seit Januar behindert hat. Drei Monate wurde der Linkshänder durch Knieprobleme zurückgeworfen, die er sich Ende Dezember auf Lanzarote beim Fahrradfahren zugezogen hatte. Danach war nichts mehr wie vorher. Boll hatte den Anschluss verloren.

Er hat sich in der Folge geschunden, körperlich ist er bestens gerüstet, Silber im Team war der Beleg, dass "ich in ganz guter Form bin". Aber reicht es schon wieder für den Anschluss an die absolute Weltspitze, an China? Im Viertelfinale des Einzelwettbewerbs kann er auf Ma Lin treffen, einen der Goldfavoriten. "Ich tue gut daran, mich zunächst auf meine ersten beiden Gegner zu konzentrieren", sagt Boll. Das sind mit voraussichtlich Chiang Peng-Lung (Taiwan) und Oh Sang Eun (Südkorea, im Achtelfinale) schon mögliche Stolpersteine, bevor dann die Fortsetzung des Duells anstünde, das der Chinese Ma bisher meistens gewann. Zuletzt beim Finalturnier der Pro-Tour-Serie im Dezember 2007 (2:4) oder im Teamfinale vor zwei Tagen (1:3).

Angesprochen auf dieses Duell mit Ma Lin hat Timo Boll dann noch über das Schweigen an der Platte gesprochen. Er glaube, "dass die Chinesen manchmal gern mehr über uns erfahren würden. Und wir über sie. Aber es ist schon schwierig, wenn man sich nicht verständigen kann. Wir müssten Chinesisch lernen oder sie Englisch." Sie haben einander so genau beobachtet. Und kennen sich eigentlich gar nicht.

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