Tom Boonen und John Degenkolb setzen auf Sieg bei Paris-Roubaix - DER SPIEGEL
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Fotostrecke: Klassiker auf Kopfsteinpflaster

Foto: dpa/dpaweb

Tom Boonen beim Radklassiker Paris-Roubaix Noch einmal durch die Hölle des Nordens

Für die Radprofis ist das Rennen von Paris nach Roubaix am Sonntag der Höhepunkt der Klassikersaison. Für den Belgier Tom Boonen soll es der Abschluss einer großen Karriere sein. Der vierfache Sieger ist im Nachbarland ein Held.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In die Hölle will niemand freiwillig. Außer Tom Boonen.

Der Radklassiker Paris-Roubaix wird die Hölle des Nordens genannt, L'Enfer du Nord. Die 257 Kilometer nahe der belgischen Grenze, dort, wo das Land so flach ist wie ein Brett und der Wind unablässig bläst, dort, wo es sie noch gibt, die alten Kopfsteinpflaster, die Pavés, über 200 Jahre alt, einst geschaffen für die Ochsenkarren. Heute ist es die Ochsentour für die Radprofis, 55 Kilometer Kopfstein, und wenn es schlecht läuft, dann hat es auch noch geregnet, und die Pflaster sind rutschig und die Strecke voller Matsch. So wie die Gesichter der Fahrer im Ziel. Eine einzige Qual. Seit 1896.

Das wünscht man seinem ärgsten Feind nicht. Tom Boonen liebt das. Über alles.

Der Belgier ist mittlerweile 36 Jahre alt, viermal hat er den Radklassiker gewonnen, am Sonntag steigt er zum allerletzten Mal aufs Rad, wenn es wieder nach Roubaix geht, er will seinen fünften Triumph perfekt machen, es wäre Krönung und Abschluss einer großen Radlaufbahn.

Belgien dominiert diese Frühjahrssaison

Die Belgier haben derzeit großartige Fußballer, es gibt Fachleute, die trauen ihnen sogar den WM-Titel im kommenden Jahr zu, aber die Liebe, die ihre Landsleute den Radsportlern entgegenbringen, werden sie nie erreichen. Im Moment ist wieder viel Liebe in der Luft, die belgischen Profis haben die Frühjahrssaison bisher dominiert. Greg Van Avermaet, noch im Sommer dekoriert als Olympiasieger von Rio de Janeiro, siegte beim Eintagesrennen Gent-Wevelgem, Landsmann Philippe Gilbert stürmte zum Erfolg bei der Flandernrundfahrt, für die Belgier das Radsportfest aller Feste.

Auch Boonen hat dreimal die Flandernrundfahrt gewonnen. Bei allen Erfolgen von Van Avermaet und Gilbert: Boonen steht noch ein ganzes Stück über ihnen, für die Belgier gehört er in eine Reihe mit Roger De Vlaeminck, dem Klassikerspezialisten, mit Lucien Van Impe, dem Bergfloh der Siebzigerjahre, mit Rik Van Looy und Walter Godefroot. Nur an Eddy Merckx reicht er nicht heran, aber das hat im Radsport ohnehin noch niemand geschafft.

Dass Boonen mehrfach positiv auf Kokain getestet wurde, zuletzt 2009, nachdem er wenige Tage zuvor Paris-Roubaix gewonnen hatte, dass Van Avermaet jahrelang unter dem Verdacht stand, sich verbotene Kortisonpräparate zugeführt zu haben, das sind sie in Belgien gerne und schnell bereit zu verzeihen. Auch bei den Heldentaten von Merckx ist im Nachbarland nie so genau nachgefragt worden, wie sie wirklich zustande gekommen sind. In Belgien ist der Radsport größer als der Dopingschatten. Hier zerstören sie sich ungern ihre eigenen Denkmäler. Boonen wurde damals zu einer Geldstrafe von lächerlichen 1000 Euro verurteilt, Van Avermaet 2015 vom Verband freigesprochen.

Boonen, Boonen, wohin man schaut

Seit Wochen ist dieses Rennen, Boonens letzter großer Auftritt, das ganz große Thema nicht nur in den belgischen Sportmedien. Wo immer Boonen dieser Tage auftaucht, die Heerschar der Reporter ist schon da. Man könnte fast vergessen, dass Paris-Roubaix auf französischem Boden stattfindet, die Belgier haben die Hölle des Nordens adoptiert, der Zielort Roubaix, dort wo die letzten Meter traditionell im Velodrom ausgefahren werden, liegt gerade mal vier Kilometer von der Grenze entfernt. Am Freitag werden sie alle wieder herüberkommen nach Roodebeeke, wie der Ort früher im Flandrischen hieß.

2002 ging hier Boonens Stern auf, als 21-Jähriger fuhr er auf Platz drei. Seitdem existiert die Herzensbeziehung zwischen dem Fahrer und dieser Strecke. 2005 gewann er das erste Mal beide großen Klassiker, die Flandernrundfahrt und Paris-Roubaix, der jüngste Double-Gewinner seit 1923. Es folgten die Triumphe 2008, 2009 und 2012, noch im Vorjahr wurde er als 35-Jähriger Zweiter. Bei der Tour de France hat er sechs Etappen für sich entschieden, er trug das Gelbe Trikot, aber seine eigentliche Welt sind die Klassiker im März und April - niemand hat Paris-Roubaix öfter gewonnen als er.

"Ich bin in großherziger Verfassung, unter normalen Umständen bin ich in der Lage, Paris-Roubaix noch einmal zu gewinnen", hat Boonen Anfang des Jahres vollmundig angekündigt. Ob er das tatsächlich schafft, wird wohl weniger von ihm abhängen, als davon, wie stark die Konkurrenz am Sonntag ist. Der Deutsche John Degenkolb, Roubaix-Sieger 2015, und der Slowake Peter Sagan, vor der Saison als die großen Favoriten dieses Klassiker-Frühlings gehandelt, stehen bisher noch ohne prominenten Sieg da. Beide brennen darauf, Boonen die Party zu vermiesen.

Auf Ausrutscher der Konkurrenz wird der Oldie Boonen nicht setzen können. Für Sonntag ist Sonnenschein angesagt. Die Hölle zeigt Tom Boonen zu Ehren ihr freundliches Gesicht.

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