Tommy Haas "Hoffe auf Comeback wie Armstrong"
Herr Haas, 467 Tage sind seit Ihrem letzten Aufschlag beim Turnier in Paris-Bercy vergangen. Wie geht es Ihnen kurz vor ihrem Comeback?
Thomas Haas, 25:
Ich bin total happy, wieder vor Publikum zu spielen. Ich kann nicht sagen, wo ich stehe. Ich fange wieder bei Null an, so wie 1996, als ich Profi wurde. Ich sehe das Turnier als Beginn meiner zweiten Karriere an. Ich hoffe, noch einmal sechs, sieben tolle Jahre vor mir zu haben.
Was kann man in den nächsten Tagen und Wochen erwarten
Haas: Ich habe mir bescheidene Ziele gesetzt. Ende des Jahres möchte ich unter den Top 100 stehen. Dann hat der Daviscup absolute Priorität. Ich will unbedingt mithelfen, dass wir wieder in die Eliteliga aufsteigen. Dann möchte ich einfach nur gut bei den Grand-Slam-Turnieren spielen. Und eventuell auch bei Olympia.
Gab es Momente, in denen Sie ans Aufhören gedacht haben?
Haas: Sicher gab es Wochen, da war ich sehr, sehr frustriert. Vor allem vor meiner zweiten Operation, als ich schon angekündigt hatte, dass ich zurückkomme. Als der Arzt mir sagte, ich muss noch einmal unters Messer, war ich tierisch am Ende.
Wie haben Sie die Rückschläge weggesteckt?
Haas: Ich spiele einfach zu gern Tennis. Ich denke, ich kann noch vieles erreichen. Ich brauche diesen Reiz, diese Herausforderung, diesen Kitzel. Komme ich noch einmal in die Top Ten? Kann ich einen Grand Slam gewinnen? Hält meine Schulter? Das sind die Fragen, die mich immer wieder antreiben genauso wie meine Eltern.
Inwiefern Ihre Eltern?
Haas: Ich sehe, wie entschlossen sie tagtäglich ihr Reha-Training durchziehen, sich versuchen durchzubeißen, das gibt mir ungeheure Motivation. Ich bin unendlich glücklich, dass meine Eltern nach dem furchtbaren Motorradunfall noch auf dieser Erde sind. Sie quälen sich mit extremen Schmerzen herum. Nach den Erlebnissen mit meinen Eltern ist mir klar geworden, dass es hätte noch viel schlimmer kommen können. Ich bin ein positiver Mensch und denke deswegen auch, wer weiß wofür das alles gut war.
Haben die Erfahrungen Ihre Sicht auf das Leben verändert?
Haas: Ganz gewiss. Ich weiß es jetzt viel mehr zu schätzen, dass ich meinen Sport noch ausüben kann. Ich bin ruhiger, gesetzter, gefasster geworden. Und ich habe herausgefunden, dass meine Wurzeln doch sehr stark in Deutschland liegen. Deshalb möchte ich mir dieses Jahr in München eine Wohnung besorgen. Die Familie ist viel wichtiger geworden, als ich es jemals gedacht hatte.
Haben Sie mit einem Psychologen gearbeitet?
Haas: Ich habe mir mit einem Sportpsychologen Videos angeschaut zum Beispiel von Lance Armstrong. Wie er geredet hat, als er an Krebs erkrankt war und nach seinen Triumphen bei der Tour de France. Oder Michael Jordan, wie er es schaffte, ein Superstar zu werden. Jetzt hoffe ich, dass mir so ein Comeback wie Armstrong gelingt.
Was war das Schlimmste während Ihrer Zwangspause?
Haas: Da gäbe es viel zu erzählen. Ich habe mich von meiner Freundin getrennt. So ist es halt, wenn etwas schief läuft, läuft gleich alles schief. Ich bin jetzt ein Jahr Single. Dann konnte ich die ersten zwölf Wochen nach der ersten Operation nichts machen. Meine Mutter hat mich mit deftiger deutscher Küche verwöhnt. Ich nahm in den ersten zwei Monaten nach der Operation 20 Pfund zu. Es war verdammt schwer, die überflüssigen Kilo wieder runterzuholen.
Ist die Angst vor einer erneuten Schulterverletzung besiegt?
Haas: In der Anfangszeit hatte ich beim Aufschlag echte Probleme. Auch jetzt gibt es Momente, wo ich den Ball nicht voll treffe und einen kleinen Stich in der Schulter spüre. Aus ärztlicher Sicht ist die Schulter heil und mein Gefühl sagt mir, ich muss es jetzt wieder versuchen. Und wenn etwas passiert, dann soll es halt so sein.
Aufgezeichnet von Gunnar Meinhardt, dpa