Tour 2008: Ullrichs Herz, Armstrongs Wille - DER SPIEGEL
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Tour 2008 Ullrichs Herz, Armstrongs Wille

Was frühstückt ein Tourfahrer vor einer wichtigen Bergetappe? Was unterscheidet ein Talent wie Jan Ullrich von anderen Radsportlern? SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Jörg Jaksche beantwortet Fragen, die sich zudem mit Dopingsucht und Leistungsmanipulation im Fußball beschäftigen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hallo Herr Jaksche,
in Ihren Antworten taucht der Begriff "Talent eines Fahrers" auf. Welche besonderen Talente außer Leidensfähigkeit muss ein erfolgreicher Radfahrer mitbringen oder wie äußert sich beispielsweise Jan Ullrichs immer wieder zitiertes Talent? Wie unterscheiden sich diese Talente von denen anderer erfolgreicher Ausdauersportler?
Viele Grüße, Roman Böck

Radrofis Ullrich (l.), Armstrong (2004): Bestimmte Stoffwechselvorgänge

Radrofis Ullrich (l.), Armstrong (2004): Bestimmte Stoffwechselvorgänge

Foto: REUTERS

Hallo Roman,
das Talent ist einerseits, sich zu hundert Prozent dem Radsport hingeben zu können und perfektionistisch in allen Bereichen des Profisports zu sein, um so das Maximum an Leistung abrufen zu können. Lance Armstrong war in diesem Bereich wohl einzigartig. Das körperliche Talent ist gottgegeben und muss nur ausgereizt werden. Das sind bestimmte Stoffwechselvorgänge im Körper, die einfach besser und schneller ablaufen, als bei den Konkurrenten. Zudem ist Jan Ullrichs Herz beispielsweise um 50 Prozent größer als bei "normalen" Menschen, sein Ruhepuls halb so hoch. Im Zusammenspiel mit einem gut auf Training reagierenden Muskelapparat ergibt sich so ein Komplettpaket, das nicht vielen gegeben ist. Das sind genetische Vorbedingungen, die Ullrich praktisch geschenkt wurden.
Gruß,
JJ

Hallo Herr Jaksche,
Sie haben sich ja öffentlich zum Doping bekannt. Jan Ullrich will es nicht tun und macht sich meiner Ansicht nach lächerlich. Und von Lance Armstrong hört man auch gar nichts. Kann es sein, dass gerade der erfolgreichste Radrennfahrer nie gedopt hat? Schwer vorstellbar. Wie sehen Sie das? Viele Grüße aus Mainz, Gerwin Hoch

Hallo Herr Hoch,
ich kann nur über mich und meine Vergangenheit sprechen. Ich möchte nicht darüber spekulieren was andere gemacht haben. Ich denke aber, man kann sich das aber auch als Außenstehender zusammenreimen. Gruß, JJ

Hallo Jörg,
auf der Fuentes-Liste standen 200 Namen. Etwa 60 davon waren Radsportler, der Rest anscheinend Leichtathleten, Fußballer und Schwimmer. Warum gab es nur diesen Dopingskandal im Radsport und vom Rest hört man keine Meldungen. Kann es sein, dass man den Radsport aufgrund des geringeren Images geopfert hat und dass man keinen Fußballskandal riskieren möchte?
Grüße, Jan

Hallo Jan,
das kann durchaus sein, denn die Ermittlungen wurden ja zuerst generalstabsmäßig durchgeführt, um sie später dann aufgrund einer fehlenden Gesetzeslage einzustellen. Es war doch alles sehr eigenartig. Einem französischen Journalisten der Zeitung "Le Monde" gegenüber soll Fuentes sogar über Fußballer ausgesagt und Medikationspläne gezeigt haben. Die Vorwürfe, dass mehrere spanische Top-Clubs in die Affäre involviert seien, musste das Blatt jedoch später zurücknehmen. Fuentes bestritt im Prozess Anfang des Jahres, mit dem Reporter über Fußballer gesprochen zu haben. Die "Le Monde" ist in Revision gegangen.
JJ

Guten Tag Herr Jaksche!
Wie schauen eigentlich Frühstück und Abendessen eines Radprofis vor und nach einer schweren Bergetappe aus? Was wird da gegessen?
Freundliche Grüße,
R. Campos

Hallo Herr Campos,
das Frühstück ist reichhaltig an Kohlenhydraten aber nicht zu üppig, denn im Rennen kann sehr gut über Energieriegel nachgetankt werden. Ein großes Frühstück macht eher träge. Das Abendessen ist im Großen immer das Gleiche: ein bis zwei große Teller Reis oder Pasta mit Olivenöl, Parmiggiano und Steak, Hühnchen oder Fisch. Der Unterschied zwischen Flachetappe und Bergetappe ist essenstechnisch eher klein.
Gruß,
JJ

Hallo Jörg,
du sagtest, dass du ein gutes Verhältnis zu Zabel hast und dass er, ähnlich wie du, seine Vergangenheit offengelegt hat. Glaubst du, dass Zabel in seinem Geständnis alles auf den Tisch gelegt hat und findest du es nicht auch merkwürdig, dass sich die Aussagen nur auf einen Zeitraum bis zur juristischen Verjährung bezogen haben. Ich war selbst Radprofi, vor deiner Zeit, und finde es nicht glaubwürdig, dass ein Fahrer mit verbotenen Substanzen Erfolg hatte und diese dann absetzte. Aus psychischen Gründen ist dies nicht nachvollziehbar. Wie war das bei dir? Wenn du mit Substanzen gut gefahren bist und diese dann abgesetzt hast, hattest du nicht das Gefühl, dass du nur mit dem Zeug gut fahren kannst?
Jörg Müller

Hallo Jörg,
ich denke, es gibt sicher Leute, die eine Tendenz zu einer psychologischen Abhängigkeit haben und Medikamenteneinnahme dann zu einer Sucht werden kann. Ich habe das nicht so sehr erlebt aber wusste trotzdem immer, dass dies Teil meines Berufs war. Ob andere Leute ebenso rational gehandelt haben, kann ich nicht beurteilen. Dennoch sollte man immer erst an das Gute im Menschen glauben und die Aussagen von Zabel als wahrhaftig ansehen.
JJ

Hi!
Wie gehen Sie eigentlich persönlich damit um, so ausgebootet zu werden? Was denken Sie, was die Gründe dafür sind? Ich persönlich finde es sehr schade und traurig, dass Ihr Mut und Engagement nicht belohnt wird. Persönlich denke ich, dass es gegen das System Radsport spricht, was ich als sehr bedauerlich empfinde.
Alles Liebe, Jessica

Hallo Jessica,
ich litt natürlich darunter, denn der Radsport war in den vergangenen 20 Jahren mein Leben, meine Passion. Die Gründe sind wohl, dass ich für die meisten ein Nestbeschmutzer bin und sie sich vielleicht die Transparenz, die ich bringen würde, nicht leisten können.
JJ