Tour de France: Sorge um die Sicherheit
Sicherheit bei der Tour de France Angst vor der Angst
Wahrzeichen, Touristenmagnet und jetzt auch Ort des Grand Départ: Am Mont-Saint-Michel in der Normandie beginnt am 2. Juli die Tour de France, und die französische Provinz könnte stolzer nicht sein. "Es ist das erste Bild, das alle von der Tour haben werden", sagt Paul-Vincent Marchand, Direktor für den Grand Départ der Tour de France SPIEGEL ONLINE. Zum ersten Mal überhaupt in seiner 103-jährigen Geschichte startet das Radrennen in der Normandie. 435 Kilometer legen die Fahrer auf den ersten drei Etappen zurück, fahren zum Utah Beach, besuchen Saint-Lô, Cherbourg-en-Cotentin und Granville.
Seit 2010 laufen die Planungen vor Ort. "Wir erwarten etwa eine Million Zuschauer am Straßenrand", sagt Marchand. Das sind doppelt so viele Menschen wie es Einwohner in dem Departement gibt. Die Dimensionen geben Anlass zur Vorfreude. Doch sie bereiten auch Sorgen. Denn eine über Kilometer verteilte Menschenmasse lässt sich nur schwer kontrollieren.
Es gilt noch immer der Ausnahmezustand
Noch immer herrscht in Frankreich der Ausnahmezustand, den die Regierung nach den Anschlägen von Paris verhängt hat. Mehrere Tausend Polizisten stehen bei der Tour bereit, die bei einer terroristischen Bedrohung sofort einschreiten könnten. Anti-Terror-Spezialkräfte, Mitglieder der Spezialeinheit GIGN, begleiten das Feld über die ganze Strecke.
Auf die Atmosphäre soll das aber keinen Einfluss haben, betont Tour-Direktor Christian Prudhomme, der Charakter müsse erhalten bleiben: "Es darf kein Klima der Angst geben." 2007 habe London vorgemacht, wie man mit einer solchen Situation umgehen kann. Damals startete die Tour in der englischen Hauptstadt, zwei Jahre nach den Bombenanschlägen in der U-Bahn. "Wir brauchen es, dass die Menschen die Veranstaltung so erleben, wie sie es normalerweise auch tun würden", sagt Prudhomme. Dafür soll auch ein erhöhtes Sicherheitspersonal im Start- und Zielbereich sorgen.
Wie sicher fühlen sich die Fahrer?
Der deutsche Radprofi Tony Martin kehrt gerne in die Normandie zurück. Hier triumphierte er 2013 in seiner Paradedisziplin. Im Einzelzeitfahren ließ er die Konkurrenz hinter sich, auch den späteren Toursieger Chris Froome. Es war sein zweiter Etappensieg bei der Tour de France. "Ich freue mich sehr auf die Rückkehr, und darauf, Teile der Strecke wiederzuerkennen", sagte der dreifache Zeitfahr-Weltmeister SPIEGEL ONLINE.
Martin sagt auch, dass er nach den Anschlägen von Paris zunächst ein mulmiges Gefühl hatte. "Wenn so etwas passiert, realisiere ich, wie leicht der Radsport angreifbar ist. Leichter als Stadien oder Hallen, wo jeder Besucher kontrolliert werden kann." 150 bis 200 Kilometer Strecke abzusichern sei nahezu unmöglich. Dennoch könne man nur Vertrauen haben in die Arbeit der Politik und der Geheimdienste. "Die Anschläge waren ein Schock für mich, gerade weil Paris sinnbildlich für den Radsport steht. Das Gefühl, hier zu starten, ist aber nicht anders als im vergangenen Jahr", sagt Martin.
Überholmanöver sollten minimiert werden
Noch mehr als die Terrorangst beschäftigt den Radsport eine zweite Sicherheitsdebatte. In den vergangenen Monaten hat es einige Unfälle mit Begleitmotorrädern gegeben. Nach dem schweren Sturz des Belgiers Stig Broeckx, der bei der 86. Belgien-Rundfahrt zwei Hirnblutungen erlitt, hatte Martin eine Sicherheitsdebatte angemahnt.
Konkrete Änderungen habe er noch nicht wahrgenommen, allerdings "hat man gemerkt, dass die Motorradfahrer verhaltener und angepasster fahren", so Martin. Tour-Direktor Prudhomme sagt, die Auto- und Motorradfahrer seien ehemalige Radrennfahrer oder gut ausgebildete Polizisten. Nur die Fahrer mit der meisten Erfahrung dürften das Peloton bei der Tour begleiten.
Das ist zwar in Martins Sinne, doch die Vorkehrungen gehen dem 31-Jährigen nicht weit genug. Die Problematik liege im Überholvorgang: Die Motorradpiloten fahren voraus, um Gefahrenpunkte abzusichern, lassen das Feld vorbeiziehen und müssen dann erneut überholen. "Sie sind Fremdkörper und können allein schon wegen ihres Gewichts nicht schnell genug reagieren, wenn etwas passiert", sagt Martin. Er schlägt vor, die Anzahl der Überholmanöver zu minimieren, indem Gefahrenstellen auf der Strecke anderweitig abgesichert werden.
Martin hat dafür kreative Lösungsvorschläge, etwa den mit den Luftballons. Dabei sollen bestimmte Stellen mit farbigen Ballons markiert werden, "dann wäre für die Fahrer schon weit vorher sichtbar, dass besondere Vorsicht geboten ist. Da muss keiner warten und wieder überholen."
Für die Tour kommen solche kreativen Lösungen zu spät. Doch alle Beteiligten sind sensibilisiert wie wohl selten in der Geschichte der Tour de France.