Tour-Dominator Bradley Wiggins "Das war eine unglaubliche Reise"
Sky-Kapitän Wiggins: "Das haut einen um"
Foto: LIONEL BONAVENTURE/ AFPFrage: Herr Wiggins, Sie stehen nach ihrem zweiten Etappensieg kurz vor dem Gesamtsieg bei der Tour der France. Was ist Ihnen am Ende des Zeitfahrens durch den Kopf gegangen?
Wiggins: Meine Kindheit, als uns mein Vater verlassen hat; mein Großvater, der mich mit großgezogen hat und mein Vorbild war; sein Tod vor zwei Jahren, als ich bei der Tour war; seine Beerdigung nach meiner Rückkehr; meine Frau und meine Kinder, die mich in den letzten vier Jahren aushalten mussten. Wenn man träumt, eines Tages die Tour zu gewinnen, es sich aber eigentlich nicht vorstellen kann - denn wie groß ist die Chance, dass ein Kind mitten aus London die Tour gewinnt?- dann war das alles eine unglaubliche Reise.
Frage: Der mehrfache Bahn-Olympiasieger Sir Chris Hoy meinte, Ihr möglicher Triumph werde der größte Erfolg eines britischen Sportlers in der Geschichte sein.
Wiggins: Das erfüllt mich mit tiefer Demut. Als Sportler ist das größte Lob der Respekt der Kollegen. Ich habe schon viele Mitteilungen bekommen. Das haut einen um.
Frage: Wie wird Sie der bevorstehende Tour-Sieg als Mensch verändern?
Wiggins: Ich bin überzeugt, dass mich das nicht ändern wird. Ich halte nicht viel von Roten Teppichen. Es ist schön, respektiert zu werden für etwas, in dem man gut ist, und das vielen etwas bedeutet. Aber am Ende des Tages komme auch ich nach Hause und muss Hundedreck saubermachen. Das ist sehr erdend.
Frage: Was bedeutet Glück für Sie?
Wiggins: Der Moment, in dem ich die Ziellinie überquere und Polizisten die Leute wegdrängen, so als würden sie einen Massenmörder vor Gericht führen. Das ist verrückt, nicht real. Im Leben gibt es viele Dinge, die wichtiger sind. Denn es ist nur Sport. Es geht nicht um Leben und Tod. Es ist wichtig, diesen Realitätssinn nicht zu verlieren, denn die Tour de France ist eigentlich ein Wahnsinn.
Frage: Muss man als Radprofi - so wie LeMond, Armstrong oder Sie - schwere Zeiten durchleben, um reif für den Tour-Triumph zu sein?
Wiggins: Ja, das glaube ich schon. Ich denke daran, wie ich im vergangenen Jahr gestürzt bin, an das enttäuschende Jahr davor. Man braucht solche Enttäuschungen, um ein besserer Sportler zu werden. Entweder du wirst stärker, oder du gehst daran zugrunde.
Frage: Was hat Sie in Ihrer Karriere am meisten angetrieben?
Wiggins: Die Liebe zu diesem Sport und der Respekt. Das begann in meiner Kindheit, als ich aufwuchs mit Postern an der Wand von Indurain und den anderen Radstars. Alle anderen Kinder waren Fußball-Fans. Für mich galt immer: Vielleicht könnte ich einmal in meinem Leben Rennen wie die Dauphiné-Rundfahrt oder Tour anführen, wenn auch nur für einen Tag.
Frage: In Anbetracht Ihrer Dominanz und der Ihres Teams Sky sagen viele, diese Tour war langweilig. Was halten Sie davon?
Wiggins: Natürlich wünschen sich viele Fans Attacken wie einst von Marco Pantani. Aber der Radsport hat sich verändert. Wir fahren die Berge hoch mit einer Geschwindigkeit und Kraft, dass es nur noch schwer möglich ist, anzugreifen. Ich denke, die Tour ist humaner geworden. Diese unglaublichen 220 Kilometer langen Alleingänge sind heute nicht mehr realistisch, so wunderbar und magisch sie früher auch anzusehen waren.