Tour de France Elfmeter verwandelt
Seraing - Die Stimmung im Team Crédit Agricole war auf dem Nullpunkt. Beim Finale der zweiten Etappe nach Antwerpen hatte die französische Mannschaft gleich vier ihrer Fahrer in der Spitzengruppe positioniert; das Gelbe Trikot lag für ihren besten Sprinter, Stuart O'Grady griffbereit. Das Maillot Jaune erspurtete sich jedoch der Belgier Marc Wauters, der als Etappensieger eine Zeitgutschrift von 20 Sekunden einstrich.
O'Grady & Co. hatten den Rabobank-Fahrer schlichtweg nicht auf der Rechnung gehabt. "Ich wusste nicht, dass Wauters in der Gesamtwertung so dicht hinter mir liegt", erklärte O'Grady das peinliche Malheur, das ihm eine schlaflose Nacht bereitete. "Es war entsetzlich. Ich fühlte mich, als hätte ich im WM-Finale den entscheidenden Elfmeter verschossen."
24 Stunden später verwandelte der blonde Australier den Elfmeter. Zwar belegte er auf der dritten Etappe über 198,5 Kilometer von Antwerpen nach Seraing im Massensprint, den Erik Zabel für sich und das Team Telekom entschied, nur Platz 31. Doch der 27-Jährige profitierte von der Schwäche des Spitzenreiters Wauters, der dem scharfen Tempo des Pelotons nicht mehr folgen konnte und sechseinhalb Minuten einbüßte.
Es war nicht das erste Mal, dass O'Grady das Gelbe Trikot überstreifen durfte, und doch genoss er es wie eine Premiere: "Als ich das Jersey 1998 in Grenoble gewann, interessierte sich jeder nur für den Ausschluss der Festina-Mannschaft. Heute aber ist ein großartiger Tag." Besonders für einen, der schlimme Zeiten hinter sich hat.
Jugendliche prügelten O'Grady krankenhausreif
Wenige Monate, nachdem der frühere Weltmeister im Bahnvierer bei der Tour de France 1999 im Kampf ums Grüne Trikot nur Erik Zabel unterlegen gewesen war, wurde der Australier in seiner französischen Wahlheimat Toulouse von einer Jugendbande krankenhausreif geschlagen. Als er Ende jenes Jahres wieder Rennen fahren wollte, erlitt er einen Schlaganfall. Das Karriereende drohte.
Aber nach drei Monaten Erholung trat O'Grady wieder in die Pedalen und fand an der Seite seines Kumpels, Mannschaftskameraden und Nachbarn in Toulouse, Jens Voigt, zu seiner Bestform zurück. Der 29-jährige Mecklenburger Voigt präsentiert sich an den ersten Tour-Tagen 2001 ebenfalls in hervorragender Verfassung.
Mit 20 Sekunden Rückstand auf O'Grady ist Voigt als Vierter bester Deutscher vor Erik Zabel und Jan Ullrich, die die Plätze acht und neun im Gesamtklassement belegen. Dazwischen liegt mit Voigts US-amerikanischem Kapitän Bobby Julich auf Platz sechs ein dritter Fahrer von Crédit Agricole ganz vorn.
Spitzenreiter O'Grady hat für das bemerkenswert gute Abschneiden des Teams eine einfache Erklärung: "Wir sind gute Freunde, machen gute Teamarbeit und geben immer 100 Prozent."