Tour-Finale: "Ein Hitchcock bis Paris" - DER SPIEGEL
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Tour-Finale "Ein Hitchcock bis Paris"

Bei der spannendsten Tour de France seit 1989 kämpfen Jan Ullrich und Lance Armstrong im entscheidenden Einzelzeitfahren am Samstag um den Gesamtsieg. Ein Déjà Vu: Vor 14 Jahren fehlten dem bis Paris führenden Laurent Fignon nach dem Rennen gegen die Uhr acht Sekunden zum Gelben Trikot. Der Amerikaner Greg Lemond gewann.
Von Till Schwertfeger
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Bordeaux - Es war die bitterste Niederlage seiner Karriere. Mit 50 Sekunden Vorsprung auf den US-Amerikaner Greg Lemond war der Franzose Laurent Fignon bei der Tour de France 1989 in die letzte Etappe gestartet, ein Einzelzeitfahren über 24,5 Kilometer in Paris. "Ich kann pro Kilometer zwei Sekunden langsamer fahren als LeMond", rechnete Fignon seinen Landsleuten lässig vor, "es müsste schon ganz dumm laufen, sollte ich diese Tour noch verlieren."

Es lief sehr dumm für den Mann, dessen Markenzeichen die zum Pferdeschwanz gebundenen blonden Haare waren. Denn LeMond legte die Strecke 58 Sekunden schneller zurück und gewann das knappste Tour-Finale aller Zeiten mit acht Sekunden Vorsprung. Fignon, der danach nie wieder einen großen Sieg einfahren konnte, ging vor Wut einem Kameramann an die Wäsche. Noch heute reagiert der Franzose, mittlerweile Radsportkommentator bei Eurosport, allergisch auf Fragen nach seiner spektakulären Niederlage. "Ich habe die Tour 1983 und 1984 gewonnen", fuhr er einen deutschen Journalisten an, "ich bin nicht Mister 1989!"

Der 15-jährige Jan Ullrich saß damals, im vorletzten Jahr der DDR, vor dem Fernseher und verfolgte gebannt dieses Duell auf der Champs-Elysées. "Das Gesicht von Fignon ist mir in Erinnerung geblieben", erzählt er und lächelt. Die Rolle des Geschlagenen hat er diesmal für Lance Armstrong vorgesehen, der vor der drittletzten Etappe 67 Sekunden Vorsprung auf den Deutschen hat. Ullrich konzentriert auf Anraten seines Sportlichen Leiters nun all seine Kräfte auf Samstag, auf das so genannte Chronometer zwischen Pornic und Nantes, einen Tag vor der Tour d'honneur in Paris. "Es ist mir gelungen, Jan zu bremsen", sagte Rudy Pevenage nach der letzten Pyrenäen-Etappe, "das Beste für ihn ist, auf das Zeitfahren zu warten."

US-Postal-Kapitän Armstrong behält deshalb wohl auch nach der Flachetappe am Freitag von Bordeaux nach Saint-Maixent-l'Ecole seinen Vorsprung von rund einer Minute. Der Kampf gegen die Uhr wird das Duell zwischen Armstrong und Ullrich um Platz eins und zwei bei der Jahrhundertausgabe der Frankreich-Rundfahrt entscheiden. Der vor der Tour als Außenseiter gehandelte Deutsche sagt selbstbewusst: "Ich bin überzeugt davon, dass ich den Rückstand aufholen kann." Pevenage sieht seinen Schützling, den Herausforderer, psychologisch im Vorteil. "Jan ist sehr ruhig und gelassen. Armstrong jedoch ist so nervös wie noch nie", behauptet der listige Belgier, "in den vergangenen Jahren bohrte er schon vor dem letzten Zeitfahren in der Nase, so viel Vorsprung hatte er. Diesmal nicht."

Fünf Sekunden war Ullrich im 6,5 Kilometer langen Prolog von Paris schneller als Armstrong, im ersten Einzelzeitfahren über 47 Kilometer von Gaillac nach Cap' Découverte nahm er dem Titelverteidiger sogar 1:36 Minuten ab. Am Samstag ist die Distanz von Pornic nach Nantes sogar zwei Kilometer länger und das auf durchweg flachem Terrain, auf dem der schwerere Gänge tretende Zeitfahrweltmeister Vorteile haben dürfte. Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer ist deshalb überzeugt: "Ullrich wird die Tour gewinnen."

Mit einem erneuten Sieg des Bianchi-Kapitäns im Chronometer rechnet zwar auch der fünffache Gewinner der Grande Boucle, der Belgier Eddy Merckx, aber "Armstrong gewinnt die Tour". Der Ire Stephen Roche, 1987 Gewinner der Tour, des Giro und der WM, glaubt, dass Ullrich höchsten 50 Sekunden auf Armstrong gut machen kann.

Anders als Fignon 1989 beschäftigt sich der große Favorit nicht damit, wie viel Zeit er pro Kilometer auf seinen Widersachen verlieren darf. "Ich kenne die Strecke sehr gut, habe auf ihr trainiert und fühle mich bereit", kündigt Armstrong an und betont: "Mein Ziel ist es, die Etappe zu gewinnen. Ich habe in den vergangenen vier Jahren nie das letzte Zeitfahren der Tour verloren, und so soll es bleiben."

Angesichts der atemberaubenden Spannung verneigte sich die Sportzeitung "L'Equipe" dieser Tage vor dem spanndenden Tour-Finale sogar mit einem an Pathos reichen, ausnahmsweise auf dem Titelblatt platzierten Kommentar. Telekoms Teammanager Walter Godefroot kündigte vor einigen Tagen einen "Hitchcock bis Paris" an, der ohne Zweifel seinen Höhepunkt in Nantes haben wird.

Alpträume aber hat Lance Armstrong deswegen nicht mehr. Ihm gelang nach einer Schwächephase mit dem Etappensieg in Luz-Ardiden am Montag ein beeindruckendes Comeback. "Seit ich 1:07 Minuten Vorsprung habe, schlafe ich viel besser," sagt der vierfache Tour-Gewinner.