Tour-Team Columbia: Bob, der Baumeister - DER SPIEGEL
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Tour-Team Columbia Bob, der Baumeister

Der Etappensieg von Mark Cavendish passt zum großen Selbstbewusstsein des Rennstalls Columbia. Teamchef Bob Stapleton lässt sich bei der Tour de France als Heilsbringer inszenieren und erklärt den T-Mobile-Nachfolger zur Zukunft des Radsports. Eine Frage bleibt aber offen.
Von Jörg Schallenberg
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Manchmal sind Bob Stapletons Fähigkeiten wirklich verblüffend. Nicht nur, wenn es darum geht, ein urdeutsches Radteam wie T-Mobile kurzerhand in die USA zu versetzen, neue Sponsoren dafür zu finden und aus einem schwer dopingverseuchten Rennstall, schwupps, die angeblich strahlend saubere Zukunft des Radsports zu kreieren. Und trotzdem mit seinen Fahrern immer weiter ganz vorne dabei zu sein.

Nach der fünften Etappe der Tour de France aber stellte sich heraus, dass der smarte US-Amerikaner und Besitzer des Columbia-Teams noch etwas kann: hellsehen. Denn einen Tag, bevor sein Sprinter Mark Cavendish in Chateauroux Konkurrenten wie Erik Zabel, Robbie McEwen und Oscar Freire im Schlussspurt gekonnt abhängte, hatte Bob, der Baumeister des Columbia-Teams, den Ausgang bereits vorausgesagt: "Ich denke, Mark wird morgen gewinnen. Er ist im Moment in Superform. Ich glaube, die anderen Sprinterteams haben richtig Angst vor ihm."

Es ist nicht so, dass es dem früheren Mobilfunk-Unternehmer und jetzigen Mehrfachmillionär Stapleton bislang an Selbstbewusstsein gefehlt hätte. Doch sein Auftreten bei der Tour de France 2008 ist offensiver denn je - und passt damit bestens zu den beeindruckenden Vorstellungen des Teams auf der Strecke.

Vor Cavendishs Etappensieg sprintete bereits der Deutsche Gerald Ciolek auf Platz drei, danach überzeugte George Hincapie im Zeitfahren. Kim Kirchen, Zweiter auf der zweiten Etappe, war der erste Name, der Stefan Schumacher einfiel, als er überlegte, wer ihm das Gelbe Trikot wieder abnehmen könnte. Bei der sechsten Etappe war es denn soweit, auch wenn der Trikotwechsel durch einen Sturz begünstigt wurde. Im Peloton tritt das gesamte Team Columbia dominant auf und übernimmt oft die Führungsarbeit, wenn Lücken geschlossen und Ausreißer eingefangen werden sollen.

Raus aus dem Bus, Lächeln anknipsen

Schon morgens, wenn die Teambusse im jeweiligen Startort eintreffen, wird Präsenz demonstriert. Wo bei anderen Mannschaften erstmal die Mechaniker aussteigen und an den Rennmaschinen werkeln, springt hier sogleich Stapleton aus dem Bus, knipst sein Lächeln an und wartet auf die ersten Reporter.

Was der drahtige 50-Jährige dann zu verkünden hat, klingt zunächst wie immer. Es müsse noch besser kontrolliert werden, es müsste ein einheitlicheres Vorgehen gegen Doping geben. Damit nicht solche heftigen Zweifel bestehen bleiben wie im Fall des spanischen Auftaktgewinners Alejandro Valverde. Man solle den jungen Fahrern mehr Vertrauen.

Stapleton meint es ernst: Für ihn stellen die beiden US-Teams, die bei der Tour an den Start gehen, ein Vorbild für den Wandel dar. "Slipstream und wir sind die Zukunft des Radsports." Slipstream heißt seit kurzem nach den neuen Sponsoren Garmin-Chipotle und setzt auf junge einheimische Fahrer. Abgesehen von Kapitän David Millar, einem Schotten, der bereits eine zweijährige Dopingsperre abgesessen und ähnlich wie der Deutsche Jörg Jaksche und der Spanier Jesús Manzano umfassend ausgepackt hat - drei große Ausnahmen unter überführten Radprofis.

Weil Millar als geläutertes Vorbild gilt, hat ihn Garmin-Teamchef Jonathan Vaughters verpflichtet, der seinen Rennstall gern als radelnde Anti-Doping-Einheit bewirbt. Bei Columbia liegen die Dinge etwas anders, auch wenn man mit Rolf Aldag ebenfalls einen geständigen Doper beschäftigt, allerdings als sportlichen Leiter.

Stapleton versteht seine Mannschaft nicht als reines US-Unternehmen, sondern als "internationalen Rennstall" - und hat anders als Vaughters nie einen Zweifel daran gelassen, dass sich Columbia wie die Vorgänger High Road und T-Mobile nur über große Erfolge definieren kann. Das gelang auch bei der letztjährigen Tour de France sehr gut. Linus Gerdemann fuhr damals in den Bergen ins Gelbe Trikot und Michael Rogers wäre ihm nachgefolgt, wenn er nicht gestürzt wäre und verletzt hätte aufgeben müssen. Sobald Fahrer wie Sergej Gontschar und Patrik Sinkewitz negativ auffielen, erklärte Stapleton sie als Altlast und unverbesserliche Einzelfälle, die umgehend entlassen wurden. Gemeinsam mit Garmin-Chipotle bezahlt Columbia die Firma "Agency for an Ethical Cycling" dafür, dass sie interne Dopingtests vornimmt. Was mit den Ergebnissen geschieht, bestimmt natürlich der Auftraggeber.

Entscheidende Frage nie beantwortet

Die Frage, warum seine Mannschaft trotz eines vermeintlich kompletten Neubeginns nie einen Einbruch erlitt und weiter locker mit der absoluten und absolut verdächtigen Weltspitze mithalten kann, wollte Stapleton nie so richtig beantworten. Dass ihm diese Frage fast nur von deutschen Journalisten gestellt wurde, soll die Entscheidung für den Standortwechsel Richtung Amerika durchaus beeinflusst haben - vom Ausstieg des Sponsors T-Mobile mal ganz abgesehen.

Bei Columbia, so sieht man es in diesen Tagen vor allem bei Columbia, ist eigentlich alles ganz toll. Dafür ließ sich die Mannschaft dann auch schon vor dem Rennen feiern. Das heißt: Vor allem Big Boss Stapleton. Bei der Pressekonferenz vor dem Start in Brest inszenierten zwei Anheizer einen Art Warm-up, wie man es sonst bei Fernsehshows erlebt: Phil und Paul priesen das tolle Team, die tollen jungen Fahrer, die tollen Siege, den tollen Sponsor, die tollen neuen blauen Trikots - und riefen dann mit pathetischer Stimme "den Mann, der alles dies erst möglich gemacht hat", auf die Bühne: "Hier ist Bob Stapleton!"

So eine Show gab es bei der Tour für Bob, den Baumeister, bislang nicht. Es ist wohl auch dieses über alle Zweifel locker hinweg gleitende Auftreten, dass Stapleton meint, wenn er von der Zukunft des Radsports spricht. Doping? War gestern. Und ist heute vielleicht noch anderswo. Bei Columbia putscht man sich anders auf. Mit Bob.