Tour-Team Milram: Die National-Mannschaft - DER SPIEGEL
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Tour-Team Milram Die National-Mannschaft

Das Team Milram will die neue Nummer eins im deutschen Radsport werden. Dabei wurde die Equipe bislang eher von Dopingmeldungen erschüttert, die erhofften Erfolge blieben aus. Doch weil anderswo die Sponsoren aussteigen, kann sich der Rennstall seine Fahrer bald aussuchen.
Von Jörg Schallenberg
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am Montag, vor dem Start zur dritten Etappe der Tour de France, stand Erik Zabel noch einmal im Mittelpunkt. Vor dem dunkelblauen Bus des Milram-Teams überreichte ihm ein Vertreter des Hauptsponsors Nordmilch zu seinem 38. Geburtstag eine Torte - nicht ohne den ausdrücklichen Verweis darauf, dass sie mit dem guten Frühlingsquark aus dem eigenen Hause hergestellt worden sei. Die richtige PR ist fast alles im Profi-Radsport. Und beim Geldgeber hat man beschlossen, dass Zabel nicht mehr ausreichen wird, um in Zukunft ausreichend Werbung für das Milram-Team zu garantieren.

Milram-Profis: Der Plan von einem großen Team

Milram-Profis: Der Plan von einem großen Team

Foto: DPA

Am Abend nach der Etappe sitzt Martin Mischel, Marketing-Vorstand bei Nordmilch, in der Bar des Teamhotels am Stadtrand von Nantes und erklärt die neue Strategie: "Wir sind bis hierher gekommen, und wenn wir weiterkommen wollen, dann müssen wir auch mal einen großen Schritt gehen." Dieser Schritt bedeutet die Verpflichtung mehrerer hochkarätiger Fahrer, die vorzugsweise aus Deutschland stammen sollen.

Interessenten für einen Job bei Milram gibt es genug

Es ist unschwer zu erraten, dass Profis wie Markus Fothen und Stefan Schumacher vom Team Gerolsteiner zu den Kandidaten zählen - ihr Rennstall hat noch keinen neuen Geldgeber gefunden. Auch an den Columbia-Fahrern Linus Gerdemann und Gerald Ciolek hat Milram-Teamchef Gerry van Gerwen bereits offen Interesse bekundet - an diesem Abend aber gibt sich der Niederländer zurückhaltend: "Es ist ja offensichtlich, dass wir jemanden für das Gesamtklassement und für Eintagesrennen brauchen, aber ich kann ihnen wirklich noch keine Namen verraten." Aus einem einfachen Grund: "Wir sagen jetzt noch nicht, wen wir wollen, weil wir einen vernünftigen Marktpreis zahlen wollen - und nicht plötzlich 200.000 Euro mehr als üblich."

Interessenten, sagt van Gerwen lächelnd, gebe es aber bereits genug: "Ich habe einen acht Zentimeter dicken Ordner mit Bewerbungen." Auch die Verpflichtung eines ausländischen Stars als Zugpferd für die dann fast ausschließlich aus Deutschen bestehende Equipe sei keineswegs ausgeschlossen. Nordmilch-Vorstand Mischel, dessen Firma dieses kostspielige Programm bezahlen muss, nickt beifällig, als van Gerwen die Zukunft des Rennstalls skizziert.

Im August soll die neue Mannschaft für die kommende Saison groß im Milram-Hauptquartier in Dortmund vorgestellt werden. Doch welche Namen dann auch präsentiert werden, klar ist schon jetzt eines: Selbst wenn das jetzige Team Gerolsteiner doch noch mit neuem Namen, aber vermutlich weniger Geld weitermachen kann, wird Milram ab 2009 die neue Nummer eins im deutschen Radsport sein. Damit war vor wenigen Monaten noch nicht zu rechnen.

Es schien eher, als müsste auch dieser Rennstall um seine Zukunft bangen. Kapitän Alessandro Petacchi und der Spanier Igor Astarloa mussten wegen Dopingvergehen suspendiert werden, einen weiteren Fall hätte der Sponsor möglicherweise nicht mehr hingenommen - zumal bereits vorher nur wenig so gelaufen war wie geplant.

2006 entstand das Team als deutsch-italienische Equipe aus den Resten der Mannschaft Domina Vacanze. Petacchi sollte als Sprinter für die glanzvollen Siege sorgen, unterstützt von Zabel. Doch beim wichtigsten Saisonereignis, der Tour, konnte Petacchi wegen Verletzungen und Dopingermittlungen nie für sein Team antreten, zwischendurch gestand Zabel auch noch, früher einmal Epo genommen zu haben. Dopingsünder Jörg Jaksche beschuldigte Teamchef Gianluigi Stanga im SPIEGEL, einst Fahrer zum Betrügen angeleitet zu haben - Stanga musste gehen.

Der Klinsmann des Radsports

Doch die stetige Dopingdiskussion in Deutschland sorgte auch dafür, dass sich die Konkurrenz verabschiedete. T-Mobile stieg als Sponsor aus, Gerolsteiner tut Gleiches zum Saisonende - plötzlich war der Weg frei für Milram, hierzulande Marktführer zu werden in einem zwar in Verruf geratenen, aber immer noch ungemein öffentlichkeitswirksamen Sport. "Dieses Engagement ist eine Gratwanderung", sagt Mischel.

Doch bei Milram soll schließlich alles anders werden. Als erstes Team überhaupt im professionellen Radsport plant der Rennstall, seine Fahrer an einem Standort zusammenfassen und dort auch weitgehend gemeinsam trainieren zu lassen. Bislang ist es üblich, dass die Fahrer einer Mannschaft oft über mehrere Länder verstreut wohnen, meist individuell trainieren und vor allem zu den Rennen zusammenkommen.

Für van Gerwen ist diese Konstellation ein Relikt der Vergangenheit - wie manches andere im professionellen Radrennsport: "In vielen Sportarten sind die Trainings- und die Ernährungsmethodik weiter entwickelt als bei uns." Ein wenig klingt der 55-Jährige wie ein Klinsmann des Radsports, wenn er erklärt, wie seine Fahrer künftig von Wissenschaftlern der Sporthochschule Köln betreut werden sollen, wie er neue Scouting- und Beurteilungssysteme einführen will, wie er sich daran orientiert, auf welchem Niveau Fußballclubs inzwischen versuchen, die Leistungen ihre Spieler in allen Bereichen zu optimieren.

Es ist auch ein Teil des neuen Milram-Teams, dass man sich bei der Tour de France so offen wie nie gegenüber den Medien gibt und van Gerwen schon mal Journalisten dazu einlädt, dass sie die Toilette im Teambus benutzen dürfen, wenn sie denn nicht mehr woanders hin wissen.

Ein Problem könnte allerdings sein, dass nicht jeder van Gerwen einen echten Neuanfang zutraut. Der einstige Radprofi und langjährige Manager, Agent und Strippenzieher gilt vielen Beobachtern als Vertreter der alten Schule. Bei manchen Milram-Konkurrenten muss man nicht lange nachfragen, um ein paar böse Worte über den Teamchef zu hören. Konkrete Vorwürfe gab es gegen ihn allerdings nie.

Nun hat er bei seinem ersten Engagement als Leiter eines Rennstalls die Chance, ein großes Team aufzubauen, vielleicht sogar eines, das einmal so populär werden kann wie früher das Team Telekom? Bei der Erwähnung dieses Namens setzen Mischel und van Gerwen in der gleichen Sekunde einen Gesichtsausdruck auf, als wäre der Wein in ihren Gläsern schlagartig sauer geworden. Es bleibt, da hat der Nordmilch-Mann ganz recht, eine Gratwanderung.