Tourfavorit Klöden Elegant zum Gipfel
Ob es denn heute schon zum Gelben Trikot reichen könnte? Als ihm kurz vor dem Start zur 16. Etappe der Tour de France diese Frage gestellt wird, verzieht Andreas Klöden für einen Moment so das Gesicht, als habe er in eine Zitrone gebissen. Dann wiegt er den Kopf hin und her, bevor er antwortet: "Das wird schwer. Ganz schwer. Wenn meine Beine gut in Form sind, werde ich noch mal einen Angriff versuchen."
Klöden behielt recht. Auch wenn er sicher nicht damit gerechnet hatte, den vermeintlich härtesten Konkurrenten Floyd Landis am Anstieg nach La Toussuire so locker abzuhängen, als sei der Träger des maillot jaune auf ein Dreirad umgestiegen. Dass es für den Deutschen trotzdem nicht zum Sprung an die Spitze reichte, weil die starken Spanier Carlos Sastre (CSC) und Oscar Pereiro (Caisse d`Espargnes/Iles Baleares) ebenfalls einen perfekten Tag erwischt hatten, dürfte Andreas Klöden nicht weiter traurig stimmen.
Denn der 31-Jährige fährt bislang eine so brillante Tour de France, dass man fast vergessen könnte, welcher Fahrer im magentafarbenen T-Mobile-Trikot bis zum Morgen des 30. Juni eigentlich für den Kampf um den Sieg bei der Frankreich-Rundfahrt vorgesehen war.
An diesem Tag, als Jan Ullrich und Oscar Sevilla von der Tour de France ausgeschlossen wurde, dachte Andreas Klöden, auch für ihn sei jetzt alles vorbei. In einem Interview mit der französischen Zeitung L'Equipe sagte er am gestrigen Dienstag: "Ich hatte das Gefühl, dass jetzt alles zusammenbricht." Beinahe hätte auch er das Teamhotel verlassen und wäre abgereist - obwohl er nie unter Verdacht stand, in den jüngsten Dopingskandal verwickelt zu sein.
Die erste Woche der Tour sei dann "sehr hart" gewesen, sagt Klöden im Rückblick. Doch seit es in die Berge ging, steigerte er sich von Tag zu Tag. Zwar verlor er in den Pyrenäen eineinhalb Minuten auf Floyd Landis, doch spätestens am Mittwoch zeigte sich, wer von beiden seine Kräfte besser eingeteilt hatte. Während der Phonak-Fahrer einbrach, trat der Deutsche weiter so elegant und scheinbar mühelos in die Pedale, als würde er nicht gerade einen Alpengipfel erklimmen, sondern die norddeutsche Tiefebene auf dem Rennrad durchqueren.
"Alte DDR-Schule" hat der in der Nähe von Chemnitz geborene Klöden einmal seinen Stil genannt - der ihn wie vieles mit Jan Ullrich verbindet. Schon in der Jugend trainierten beide gemeinsam beim Radklub Dynamo Berlin, heute lebt Klöden nur wenige Kilometer von Ullrich entfernt in Kreuzlingen in der Schweiz. Bei T-Mobile und dem Vorgänger Team Telekom war Klöden jahrelang der Edelhelfer des Tour-Siegers von 1997 - und schleppte ihn selbst 2004 noch durchs Gebirge, als er selbst viel größere Chancen auf dem Gesamtsieg hatte. Am Ende wurde Klöden Zweiter hinter Armstrong - bislang sein größter Erfolg.
In diesem Jahr kann er noch mehr erreichen. Denn in den Bergen ist Klöden ähnlich stark wie die vor ihm liegenden Sastre und Preiro, beim Einzelzeitfahren am kommenden Samstag sollte der T-Mobile-Pilot aber beiden überlegen sein. Beim ersten "contre-la-montre" von St. Gregoire nach Rennes hatte er Sastre 28 Sekunden und Pereiro knapp eine Minute abgenommen - war aber von seiner Topform noch weit entfernt.
Viele Experten hatten Klöden nicht viel für die Tour 2006 zugetraut. Ende März dieses Jahres stürzte er im Training und zog sich dabei eine Sprengung des Schultereckgelenks zu. Eine Operation und zwei Wochen Pause folgten, die Tourvorbereitung geriet völlig durcheinander. Schon deshalb galt Klöden nach Ullrichs Suspendierung nicht automatisch als dessen Nachfolger in der Kapitänsrolle.
Umso bemerkenswerter scheint es nun, mit welcher Selbstverständlichkeit der Schlaks, der bei 1,83 Metern nur 62 Kilo wiegt und eher an einen Skispringer als einen Radsportler erinnert, sich auf den schwersten Kilometern der Tour als eindeutiger Anführer des Teams herausstellt. Oft wird Klöden unterschätzt, weil er sehr ruhig und manchmal allzu zurückhaltend auftritt. Er ist kein grimmiges Kraftpaket wie sein Teamkollege Matthias Kessler, der auf der Strecke und bei Interviews gern entschlossen die Offensive sucht, er ist auch kein lockerer Sunnyboy wie der Australier Michael Rogers, der gähnend zur T-Mobile-Pressekonferenz kommt und sich mit einem Augenzwinkern darüber beschwert, dass er geweckt wurde, nur um ein paar Fragen zu beantworten.
Klöden wirkt im Gespräch immer ernst und etwas bemüht, dahinter verschwindet sein gelegentlich aufblitzender Humor schnell - der etwa dann zum Vorschein kommt, wenn er merkwürdig formulierte Fragen bei einer Pressekonferenz ganz trocken mit einem leichten ironischen Unterton wiederholt. So, als wollte er sagen: Mein Ihr das wirklich ernst? Natürlich antwortet er danach höflich.
Nie würde Klöden vor Beginn einer Etappe lauthals das Gelbe Trikot für sich fordern - stattdessen lässt er seine Beine sprechen. Dass er bereits in diesem Jahr Ullrichs Nachfolge als T-Mobile-Spitzenfahrer bei der Tour antreten könnte, hat den 31-Jährigen zwar nach eigener Aussage zunächst dermaßen geschockt, dass er "gar nicht wusste, was ich ohne ihn da machen sollte".
Tatsächlich hatte Klöden aber bereits im Januar angekündigt, dass er nur noch in diesem Jahr als Helfer "meines Freundes Jan" zur Verfügung stehen wollte, danach wäre er sowieso eigene Wege gegangen. Ohnehin hat Klöden bei aller Nähe zu und allen gemeinsamen Trainingseinheiten mit Ullrich stets in wichtigen Dingen Distanz gehalten - wie er selbst betont: "Ich war nie bei Cecchini - und auch nicht bei Ferrari." Die beiden Ärzte gelten als berüchtigte Doping-Doktoren.