Tourhistorie: Der Gift-Krimi der Tour - DER SPIEGEL
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Tourhistorie Der Gift-Krimi der Tour

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Prolog

- Dünkirchen ist ein beliebter Etappenort der Tour - ein Prolog aber wird hier zum ersten Mal gestartet. Die Bevölkerung der nördlichsten Stadt unseres Nachbarlandes ist selbst für französische Verhältnisse außergewöhnlich radsportbegeistert. Das war einmal mehr auch diesen Mai zu beobachten, als beim traditionellen Rennen "Vier Tage von Dünkirchen" frenetische Franzosen ihren Landsmann Didier Rous vom Bonjours-Team zum Sieg brüllten.

Überhaupt gilt der Norden - neben der Bretagne - als Wiege des französischen Radsports. Maurice Garin, der Sieger der ersten Tour im Jahre 1903, kam aus Lens. Auch so bekannte Fahrer wie Cédric Vasseur oder Laurent Desbiens stammen von dort. Nicht zuletzt ist der Norden auch bekannt für den berühmt-berüchtigten Klassiker Paris-Roubaix. Wenn sich im Frühjahr die Radprofis bei kühler Witterung und über das rutschige Kopfsteinpflaster quälen, kann man die "Hölle des Nordens" förmlich spüren.

Dünkirchen war bereits 17-mal Station auf der Tour - erstmals 1911. Bei der neunten Schleife durch Frankreich ging die erste Etappe für die 84 startenden Fahrer von Paris nach Dünkirchen über 351 Kilometer. Am Ende siegte der Franzose Gustave Garrigou.

Nachdem er die Etappen zwei und drei unauffällig geblieben war, eroberte Garrigou die Spitzenposition auf der vierten Etappe von Belfort nach Chamonix-Mont-B zurück und gab sie bis zum Ziel in Paris nicht mehr ab - 5343 (!) Kilometer hatten die nurmehr 28 im Rennen verbliebenen Fahrer schließlich in den Beinen. 16 Gipfel wurden erklommen, und das ohne Gangschaltung. Doch Garrigous Sieg war von einem Zwischenfall überschattet.

Dem zwischenzeitlich in Führung liegenden Franzosen Paul Duboc, am Ende Gesamtzweiter, wird unterwegs von einem Unbekannten eine vergiftete Trinkflasche gereicht. Duboc kann nur unter heftigen Schmerzen weiterfahren und verliert wertvolle Zeit und damit den Tour-Sieg. Die Einwohner von Dubocs Heimatstadt Rouen verdächtigen den tatsächlich unschuldigen Garrigou. Als die Tour schließlich durch Rouen rollt, fährt Garrigou unerkannt mit Sonnenbrille, umlackiertem Rad und falschem Trikot.

Mittlerweile ist es sechs Jahre her, dass der große Radzirkus in Dünkirchen gastierte. 1995 rettete sich der Holländer Jeroen Blijlevens vom Team TVM in einem Massensprint knapp vor Lampre-Fahrer Jan Svorada und Telekom-Sprinter Erik Zabel ins Ziel. Die fünfte Etappe der damaligen Tour hatte 261 Kilometer davor im Küstenort Fécamp ihren Anfang genommen. Am nächsten Tag ging das Rennen von Dünkirchen ins belgische Charleroi. Und hier setzte sich schließlich Erik Zabel im Sprint knapp vor Laurent Jalabert vom Once-Team durch.