Toursieger Landis Armstrong war einmal
Einmal noch konnte ihn Lance Armstrong zur Seite drängen, bei dieser Tour de France 2006, die zum größten Triumph in der Karriere von Floyd Landis führen sollte.
Vor dem Start zur 16. Etappe im Alpendorf Bourg D'Oisans parkte der blaue Bus des Discovery-Teams direkt neben dem grün-gelben Gefährt vom Schweizer Rennstall Phonak. Obwohl bei Phonak der aktuelle Träger des Gelben Trikots saß, drängelten sich die Reporter und Fans wie verrückt gegenüber. Der Grund: bei Discovery gab es Lance Armstrong zu bestaunen. Der jetzige Mitbesitzer des Rennstalls war für zwei Tage angereist, um zu begutachten, was aus der Tour ohne ihren Dominator geworden ist.
Als Floyd Landis an diesem Tag zum Start rollte, musste er sich wehren, um nicht von übereifrigen Kameramännern einfach zur Seite geschoben zu werden. Ob es ein Zufall war? Just auf dieser Etappe erlebte Landis, der drei Jahre lang für Armstrong auf der Piste geknechtet hatte, seinen fürchterlichen Einbruch und verlor zehn Minuten am Anstieg nach La Toussuire.
Seinen ehemaligen Chef dürfte die sportliche Tragödie in den Bergen nicht sonderlich geschmerzt haben. Er hat es Landis nie verziehen, dass der 2004 von US Postal - dem Vorgänger-Team von Discovery - zu Phonak wechselte, um nicht länger für Armstrong schuften zu müssen, sondern selbst einmal ganz oben zu stehen.
Es sollte zwei Jahre dauern, ehe Floyd Landis, nunmehr 30, sein Ziel verwirklichen konnte. Das Zusammentreffen mit Armstrong blieb eine Episode - und auf den Einbruch folgte am Tag darauf eines der unglaublichsten Comebacks, das die Tour je erlebt hat. Landis' wütender Alleingang nach Morzine ließ die Konkurrenz erzittern und sicherte ihm den Gesamtsieg. Das Zeitfahren am Samstag war da nur noch der Vollzug. Und Armstrong ist Vergangenheit.
Am Abend nach seinem wilden Ritt durch die Alpen saß Floyd Landis im Garten des Hotels Le Dahu in Morzine und erzählte davon, was ihn zu seiner scheinbar verrückten Kamikazefahrt getrieben hatte. "Ich musste das einfach tun", sagte der US-Amerikaner mit jenem durch die Anstrengungen verzerrten Lächeln, das nach jeder Etappe wie automatisch auf seinem Gesicht aufleuchtet - und erklärte so simpel wie überzeugend: "Es war doch meine einzige Chance."
Es ist möglich und sogar wahrscheinlich, dass Floyd Landis tatsächlich nie wieder die Möglichkeit bekommen wird, die Tour de France zu gewinnen. Nach einem schweren Trainingssturz 2003 wurde seine lädierte Hüfte von Knochenschwund befallen, in wenigen Monaten muss sich Landis eine Prothese einsetzen lassen. Erst während der diesjährigen Tour rückte der Phonak-Profi mit seinem Leiden heraus, Journalisten war schon zuvor aufgefallen, dass er oft Schwierigkeiten hatte, sein Rennrad zu besteigen.
Doch der Gewinner des diesjährigen Tour will seinen Titel auch mit künstlicher Hüfte verteidigen, selbst wenn seine Ärzte das in Frage stellen. Es wäre, sollte es tatsächlich so kommen, eine sehr erstaunliche Parallele zu Lance Armstrong, der erst den Krebs besiegte, bevor er seinen Höhenflug bei der Tour startete.
Nicht, dass es die einzige Gemeinsamkeit wäre. Landis lässt wie Armstrong keine Entschuldigungen gelten, wenn es nicht läuft. Seine Devise: "Derjenige, der am härtesten trainiert, gewinnt. Selbst wenn du denkst, du stirbst, stirbst du nicht. So müde du auch bist: Du kannst immer, immer noch eins draufsetzen." Dass er an seinem schwarzen Tag offensichtlich einen Hungerast durchlebte, wollte Landis partout nicht zugeben.
In den Jahren bei US Postal hat er zudem bis zum Abwinken taktische Cleverness und ausgefeilte strategische Planung gepaukt - was sich heute auszahlt. Seine Solotour nach Morzine war kein spontaner Entschluss, sondern auf die Minute genau vorbereitet. Phonak-Manager John Lelangue verriet später, dass die beiden die Idee vorher sogar mit der Radsportlegende Eddy Merckx besprochen hatten - dessen Sohn Axel startet ebenfalls für Phonak. Merckx senior gab grünes Licht, und Landis raste los.
Natürlich blieb bei seiner Flucht ein großes Restrisiko - das ein kühler Kalkulator wie Lance Armstrong mit seiner überragenden Equipe im Rücken nie eingehen musste. Das ist, neben der Arroganz des siebenfachen Toursiegers, ein Grund dafür, dass ihn die radsportverrückten Franzosen nie in die Herzen schlossen. Landis gilt dagegen spätestens seit seinem Comeback als ein "barodeur", einer, der in einer scheinbar aussichtslosen Lage alles wagt und gewinnt.
Dass solch gravierende Leistungsschwankungen wie jene von Landis in den Alpen nicht erst seit den Blutfunden von Spanien je nach Fachmann entweder als möglicher Beweis für Doping oder gerade als Beleg für das Fehlen illegaler Mittelchen gewertet werden, damit muss der Tour-Sieger 2006 leben. Ein Trost für ihn: Seine Vorgänger in den vergangenen zehn Jahren stehen weitaus schwerer unter Verdacht.
In Frankreich zumindest feiern die Fans einen neuen, echten Helden auf zwei Rädern, und spätestens am Sonntag gegen 17 Uhr steht Floyd Landis, geboren am 14. Oktober 1975 in Farmersville, Pennsylvania, da, wo ihn seine Eltern nie sehen wollten - auf der Champs-Elysées und zugleich im Mittelpunkt der (Sport-)Welt. "Ich denke, alles was man tut, um sich selbst von anderen abzuheben, war bei uns Gotteslästerung", hat Landis vor ein paar Tagen über seine Kindheit erzählt. Vater Paul und Mutter Arlene sind strenggläubige Mennoniten, denen allzuviel Weltliches stets ein Gräuel war - professioneller Radsport zählte dazu.
Um die Erfolge ihres Sohnes zu sehen, soll sich die Mutter jetzt zum ersten Mal in ihrem Leben einen Fernseher ausgeliehen haben. Ob es gegen Menschen spricht, kein TV-Gerät zu besitzen, ist eine interessante Frage - die Floyd Landis nach dem Zeitfahren am Samstag auf seine Art und Weise beantwortete: "Ich hatte eine glückliche Kindheit und komme aus einer Welt, in der sehr hart gearbeitet wurde, deshalb stehe ich hier."
Allerdings hat er zuvor schon des Öfteren erzählt, wie sehr ihm das Radfahren als Flucht aus der engen, mit religiösen Regeln festgezurrten Welt von Farmersville, Pennsylvania, gedient hat. Wer flieht, fährt besonders schnell.