Ullrich-Interview "Aldag ist ein Märchenerzähler"
Compiegne - Ullrich zieht in der französischen Sportzeitung "L'Equipe" vom Leder. Er fühle sich als Sündenbock, auf dessen Kosten andere mit ihren Beichten Geld verdient hätten, sagte der Toursieger von 1997. "Im Nachhinein zeigt sich, dass meine Suspendierung nichts gebracht hat, denn das Problem bin nicht ich, sondern der Radsport an sich", sagte der 32-Jährige, der im Verdacht steht, Kunde des spanischen Doping-Arztes Eufemiano Fuentes gewesen zu sein.
Seinen langjährigen Mitstreitern Rolf Aldag und Erik Zabel, die Mitte Mai Epo-Doping in den neunziger Jahren gestanden hatten, warf der Wahl-Schweizer niedere Beweggründe vor: "Ich bin niemandem etwas schuldig und habe genug Geld, um gut bis ans Ende meiner Tage zu leben. Aber sie mussten wahrscheinlich ihre Fehler zugeben, um weiter arbeiten zu können." Während Zabel das Team Milram bei der Tour als Kapitän anführt, ist Aldag Sportdirektor bei T-Mobile.
Aldag habe er nach dessen Geständnis sogar eine SMS geschrieben: "Ich habe ihm darin mitgeteilt: Wenn ich ein Buch schreibe, bist Du der Hauptdarsteller - denn Du bist der größte Märchenerzähler", sagte der Ex-Profi des T-Mobile-Teams."Ich finde ihre Aussagen schon komisch, wenn man bedenkt, wie sie über mich hergezogen sind, als sie sich noch als Saubermänner profiliert haben", sagte Ullrich über seine ehemaligen Teamkollegen.
Aldag erklärte heute der dpa: "Der einzige nicht zu Stande gekommene Kontakt in den letzten Monaten war ein Anruf Ullrichs auf meinem Handy um 5.30 Uhr morgens, nachdem ich am Abend vorher bei Kerner war." Aldag könne sich nicht erklären, warum er als Sündenbock für Ullrich herhalten muss: "Ich habe nie gesagt, dass das Geld 'dreckig' war und immer darauf hingewiesen, dass der deutsche Radsport Ullrich trotz allem auch viel zu verdanken hatte."
Trotz der Diskussionen um seine Person müsse sich um ihn niemand Sorgen machen, beteuerte Ullrich: "Ich weiß, dass viele denken, dass ich kurz vor einem Selbstmord stehe. Aber ich bin noch da und fühle mich sehr glücklich mit meinem Leben." Zudem gestand Ullrich, dass er bei den TV-Übertragungen der diesjährigen Tour zu Hause in Scherzingen immer den Ton abdreht, "weil mein Name öfter vorkommt, als der der Fahrer." Seine Frau Sara erwartet im September das gemeinsame Kind, und Ullrich profiliert sich bereits als Hausmann: "In meiner früheren Höhenkammer in unserem Haus trocknet jetzt die Wäsche."
mig/sid/dpa