Ullrich-Team Mit Sorgen in die Berge
Die Franzosen sind bescheiden geworden. Weil seit Bernard Hinault 1985 kein Einheimischer mehr die Tour de France gewinnen konnte und auch diesmal ein Heimsieg unrealistisch ist, begnügen sich die Radsportfans zwischen Nantes und Marseille mittlerweile damit, stolz die Tage eines der Ihren in Gelb zu zählen. Vor einer Woche, auf der fünften Etappe, hatte der 25-jährige Thomas Voeckler in einer Ausreißergruppe die Gunst der Stunde genutzt und Lance Armstrong in Chartres das Maillot Jaune abgenommen. "Ein Sonnenstrahl!", vermeldete die "L'Equipe" in der verregneten Auftaktwoche der Frankreich-Rundfahrt heiter.
Das französische Hoch hält an. Auf der heutigen ersten Bergetappe der Grande Boucle 2004 von Castelsarrasin nach La Mongie trägt Voeckler das Gelbe Trikot bereits den siebten Tag und schickt sich an, den französischen Rekord der Post-Hinault-Zeit zu brechen. Pascal Lino hält diesen, 1992 radelte er zehn Etappen lang im Maillot Jaune. Frankreichs amtierender Meister müsste dafür seinen 9:35 Minuten großen Vorsprung auf Top-Favorit Armstrong über die Pyrenäen retten. Völlig ausgeschlossen ist das nicht. Voeckler ist ein Allrounder ohne große Schwächen und in seinem vierten Profijahr ein passabler Kletterer geworden. In diesem Juni gewann er bei der Route du Sud die Königsetappe im französisch-spanischen Grenzgebirge.
Seemannssohn in Gelb
Didier Rous, einer von Voecklers Kollegen im Rennstall Brioches La Boulangère, verweist auf die Kampfkraft des Spitzenreiters. "Wenn man seine Geschichte kennt, versteht man es." Voeckler stammt aus Schiltigheim im Elsaß, doch als Sohn eines Seemanns wuchs er auf der Karibikinsel Martinique auf. Als er 13 Jahre alt war, verlor er seinen Vater, der im Meer ertrank. Voeckler möchte in der Öffentlichkeit nicht darüber reden, dieser Schicksalsschlag allerdings hat zweifellos seinen Charakter geprägt.
Am französischen Nationalfeiertag, auf der längsten Etappe dieser Rundfahrt nach Saint Flour, bewiesen alle Rennfahrer der in Finanznöten steckenden Brioches-Equipe ihre Härte. "Das Gelbe Trikot", wisperte Jérome Pineau erschöpft, "werden wir bis zum Tod verteidigen." Nach 237 Kilometern und neun Anstiegen konnte der gut protegierte Voeckler auch die letzte Attacke abwehren und als Fünfter, unmittelbar vor Armstrong, die Ziellinie passieren. "Voeckler fährt mit dem Gelben Trikot über den Schultern wie ein alter Hase", lobt das französische Radsport-Idol Laurent Jalabert den jungen Mann, der erst zum zweiten Mal bei der Tour de France startet.
"Das war eine beeindruckende Leistung von Brioches La Boulangère. Die haben das ganze Rennen kontrolliert, obwohl anfangs Rambazamba gefahren wurde", zollte Mario Kummer nach der elften Etappe seinen Respekt. Obwohl T-Mobile-Kapitän Jan Ullrich im Zentralmassiv einen "soliden Eindruck" hinterlassen und keine weiteren Sekunden auf Armstrong verloren hatte, plagen den Sportlichen Leiter der Bonner Rennsportgruppe vor den entscheidenden Teilstücken der Tour Sorgen.
Fragmente der "stärksten Mannschaft der Welt"
Der Kolumbianer Santiago Botero, einst Zeitfahrweltmeister und Tour-Etappensieger im Gebirge, offenbart erneut, dass er im Magenta-Trikot nicht in der Lage ist, seine früheren Leistungen zu bestätigen. Der sturzgeschädigte Rolf Aldag kann derzeit nur "50 Prozent" seines Potenzials abrufen, wie Teamchef Walter Godefroot taxiert, und Matthias Kessler ist auf Grund eines Rippenbruches und eines eingefallenen Lungenflügels ganz aus dem Rennen. Von der "stärksten Mannschaft der Welt", mit der T-Mobile Ullrich zu seinem zweiten Tour-Sieg chauffieren wollte, ist nicht mehr viel übrig geblieben. Guiseppe Guerini und Daniele Nardello sind gute, aber keine herausragenden Helfer, Sergej Iwanow zeigte schon im Mannschaftszeitfahren Schwächen. Erik Zabel, das Grüne Trikot im Hinterkopf, wird sich wieder auf eigene Rechnung über die Berge quälen.
Obwohl Andreas Klöden im Trikot des Deutschen Meisters bislang hervorragend unterwegs ist, trauen ihm die Teamverantwortlichen hinter vorgehaltener Hand nicht zu, im Hochgebirge die Rolle Alexander Winokurows, des Vorjahresdritten, zu übernehmen, der die Tour de France wegen eines gebrochenen Schlüsselbeins absagen musste. Ullrich könnte also früh auf sich allein gestellt sein. Über T-Mobiles Taktik für die Jagd auf das Maillot Jaune will Godefroot nichts verraten. "Ich hoffe, dass Jan bei Armstrong bleibt und ihm wegfährt - wenn das überhaupt geht", sagt der belgische Teamchef vage, "die Frage ist doch: Sind die anderen überhaupt besser?"
Zumindest Voeckler hat für sich diese Frage bereits antwortet. Die Favoriten wie Armstrong, Ullrich, Hamilton, Heras, Mayo oder Basso führen in einer anderen Liga, so der Träger des Gelben Trikots: "Ich weiß, dass ich es früher oder später verlieren werde, aber die Mannschaft hat sich jetzt zum Ziel gesetzt, das Trikot vielleicht noch bis zum Ruhetag in Nimes zu verteidigen. Aber die Minuten werden schmelzen, denn die Tour-Favoriten fahren einfach in einer anderen Klasse." Ob schon in den Pyrenäen oder erst in den Alpen, Voeckler könnte am 25. Juli trotzdem in einem ausgezeichneten Hemd über die Champs-Elysées rollen: im weißen für den besten Nachwuchsfahrer. Die Franzosen würden ihn feiern.