Ullrichs Formtief "Dafür ist Jan verantwortlich"
Vor der streng bewachten Eingangstür des Hotels "Club Med" hoch über L'Alpe d'Huez schrieb Giuseppe Guerini geduldig Autogramme. Der sympathische Italiener, der bei der Tour 1999 die mythische Etappe mit den 21 Spitzkehren gewann, hatte seine Arbeit mit Auszeichnung erledigt. Der T-Mobile-Helfer war Sechster im Bergzeitfahren geworden, eine Platzierung, die dazu beitrug, dass sein Team in der Mannschaftswertung vor CSC und US Postal wieder in Führung liegt.
Im "Salle Réunion", einem schmucklosen Raum in der Nobelherberge, hatten sich kurz zuvor Guerinis Chefs und einige deutsche Journalisten versammelt, um über die Ereignisse der vergangenen zweieinhalb Wochen zu diskutieren. Vor allem über Jan Ullrich. "Es wäre schön, wenn man gewinnt, allein schon wegen des Fotos mit den Mädchen", sagte T-Mobile-Teamchef Walter Godefroot süffisant - er sprach vom Mannschaftsklassement. Er fügte aber schnell hinzu: "Unser Ziel war ein anderes." Auch Mario Kummer wollte nicht vom Thema ablenken. "Die höhere Priorität hat die Einzelwertung", stellte der Sportliche Leiter klar.
Armstrongs starke Hintermannschaft
Mit Andreas Klöden (Dritter) und Jan Ullrich (Vierter) liegt T-Mobile da auf den ersten Blick nicht schlecht im Rennen. Doch der Wettbewerb um das Gelbe Trikot, den Ullrich dieses Jahr unbedingt gewinnen wollte, ist bereits entschieden. Der Kapitän liegt nach 16 Etappen 7:55 Minuten hinter Lance Armstrong zurück, auch für den überraschend starken Klöden ist der US-Amerikaner bei 5:03 Minuten Rückstand außer Reichweite. "Wir sind Realisten und keine Träumer", sagt Kummer, "es ist nur noch ein Kampf um Platz zwei." Seine "Doppelspitze" (Godefroot) wird sich fortan mit dem Italiener Ivan Basso, Kapitän des CSC-Teams, messen.
"Sieger durch K.o.", schlagzeilt heute das Tour-Organ "L'Equipe", das Foto des Gewinners im Bergzeitfahren nach L'Alpe d'Huez nimmt die komplette Titelseite ein. Mehr als eine Minute war Armstrong im contre-la-montre erneut schneller als Ullrich, der trotz einer enormen Leistungssteigerung wie schon so oft in der Vergangenheit nur Zweiter wurde. "Es sieht so aus, als wenn Armstrong unschlagbar ist", hatte der 30-Jährige gestern im Ziel kapituliert und seine Grippe bedauert, die ihn bereits in den Pyrenäen auf die Verliererstraße brachte, von der aus es keinen Weg zurück gibt.
"Armstrong ist sehr schwer anzugreifen, weil er eine ganz starke Hintermannschaft hat", erläuterte Kummer, "chapeau vor seinem Team." Das ehrlich gemeinte Kompliment ist gleichzeitig Ausdruck der Resignation in der Leitung der Bonner Rennsportgruppe. Trotz der verletzungsbedingten Ausfälle Alexander Winokurows und Paolo Savoldellis habe ihr Mannschaftsführer jede Unterstützung erhalten, betonte Godefroot. "Aber wir haben leider nicht den besten Jan Ullrich gesehen", fügte der Belgier mit ernster Miene hinzu.
Schlampereien im Frühjahr
Ullrich in Bestform gab es zuletzt vor sieben Jahren. 1997, als er im Alter von 23 Jahren die Tour de France gewann. Nach seinem sensationellen Comeback im Vorjahr, als ihn temporär nur 15 Sekunden von Armstrong trennten, war Deutschlands "Sportler des Jahres" diesmal auf Sieg programmiert. Doch Ullrich kam im Frühjahr wieder einmal nicht in die Gänge, bis er schließlich den Flèche Wallone übergewichtig aufgab, um nicht im Besenwagen zu landen. Danach fuhr er wochenlang kein Rennen mehr, kam zurück und gewann Ende Juni überraschend die Tour de Suisse. Zum Prolog der Tour de France allerdings reiste er mit der schweren Erkältung im Gepäck an. War die der Extremvorbereitung geschuldet?
"Jan hat gesagt, der Formaufbau ist seine Verantwortung und die seines Umfelds", weist Godefroot jegliche Schuld für die verkorksten ersten Tour-Wochen von sich und seinem Team. Ullrichs Umfeld ist vor allem Rudy Pevenage, Godefroots langjähriger Kompagnon und engster Berater des T-Mobile-Kapitäns in sportlichen Fragen. Seit Pevenage Ende 2002 seinen Job als Sportlicher Leiter von Team Telekom kündigte, um Ullrich zu einer neuen Mannschaft zu begleiten, redet Godefroot nur noch das Nötigste mit ihm. "Es wäre jetzt gemein zu sagen, er ist schuld", betonte Godefroot, "wir haben uns schließlich darauf eingelassen."
"Wir haben alles gemacht, was Jan und Rudy wollten"
Es war eine unabdingbare Bedingung Ullrichs für die Rückkehr in den Bonner Rennstall gewesen, dass Pevenage ihn weiter betreut. Zähneknirschend hatte Godefroot eingelenkt. Im Mannschaftswagen aber darf sein Landsmann, der sich mit Kummer austauscht und stets Zugang zu seinem Schützling hat, nicht sitzen. "Die Zusammenarbeit hat optimal geklappt. Wir haben das gemacht, was Jan und Rudy wollten", so Godefroot.
Im Herbst erwartet der Sponsor seines Teams, der Jan Ullrich für drei Jahre unter Vertrag genommen hat, eine Evaluierung. Es ist unwahrscheinlich, dass T-Mobile seine Millionen in einen Werbeträger stecken wollte, der die Tour de France nie mehr gewinnt. Es wird sich also etwas ändern müssen.
Das Einfachste wäre, wenn Lance Armstrong nach seinem sechsten Sieg in Serie aufhören würde.