Ullrichs Projekt Gelb (K)nie wieder?
Irgendwann im Winter, erzählt Olaf Ludwig, hat er sich mit Jan Ullrich zusammengesetzt und eine Gespräch unter vier Augen geführt. "Ich habe dabei eine Verabredung mit ihm getroffen", sagt Ludwig zu SPIEGEL ONLINE. Man kann getrost davon ausgehen, dass der Chef des Teams T-Mobile seinem Kapitän nicht nur Freudlichkeiten mitgeteilt hat. Gewiss, Ludwig sagt, dass Ullrich "seine Freiheiten hat", doch eines sagt er auch: "Abgerechnet wird am 23. Juli." Dabei schwingt eine Drohung mit.
An diesem Tag endet in Paris die 93. Tour de France und Ullrich soll dann im Gelben Trikot des Siegers über die Champs Elyssee fahren. Und alles bei T-Mobile ist auf diese drei Wochen durch Frankreich ausgerichtet. Vor allem die Mannschaft, von der Ullrich schon früh gesagt hatte, "dass sie endlich meine ist". Er durfte sich die Fahrer zusammenstellen, so wie ein König sich seine Diener aussucht, um den Toursieg von 1997 zu wiederholen.
Nachdem der Sprinter Erik Zabel 2005 vergrätzt zu Milram gewechselt ist, stellt T-Mobile faktisch nur noch das Team Ullrich dar. Mit anderen Worten: Die Dauerhoffnung des deutschen Radsports befindet sich in einer gewaltigen Bringschuld.
Und wochenlang sah es so aus, als würde das Projekt Gelb diesmal planmäßig anlaufen: Die üblichen Übergewichtsschlagzeilen sind ausgeblieben, auch das Wintertraining verlief ordentlich bis Ullrichs Knie streikte. Wie 2002. Der Saisonstart bei der Sarthe-Rundfahrt musste abgesagt werden. Bei der schweren Tour de Romandie sammelte der T-Mobile-Star stattdessen seine ersten Wettkampfkilometer, es war eine knüppelharte vergangene Woche für Ullrich. Er wurde 115., aber Ludwig sagt, "dass es nicht viele gibt, die das schaffen, was Jan dort geschafft hat". Und: "Das Knie ist schmerzfrei."
Diese Woche stehen dann für Ullrich zwei wichtige Termine an: Er geht zum Friseur, wo er seine absurde Lockenpracht verlieren wird, und er steht am Samstag in der belgischen Stadt Seraing an der Startlinie des Giro d'Italia. "Es läuft alles nach Plan", sagt Ludwig. Aber ein bisschen merkt man ihm an, dass er in seinem ersten Jahr als Nachfolger des knorrigen belgischen Teamchefs Walter Godefroot auch denkt: Geht das schon wieder los?
Denn es vergeht kein Jahr mehr, in dem Ullrich eine normale Tourvorbereitung absolviert. 2005 ist er mit etwa 5000 Trainingskilometern zu wenig in die Frankreich-Rundfahrt gegangen eine schwere Grippe sowie das übliche Übergewicht ließen keine geregelte Vorbereitung zu. Und schon vor dieser Romandie-Rundfahrt klagte er: "Ich hinke meiner Form hinterher." Jörg Jaksche (Liberty Seguros), der in der Westschweiz Vierter wurde, sagte aber vor diesem Rennen, "dass Ullrich zu 95 Prozent die Tour gewinnt, wenn er fit ist".
"Wir sind nicht zufrieden"
Und schon ist man beim Hauptproblem: Ullrich ist von dieser Fitness derzeit meilenweit entfernt und T-Mobile steht dumm da. Denn die erste Saisonhälfte verlief für die Mobilfunker erfolglos, die nationalen Konkurrenten von Gerolsteiner fuhren viel besser. Beim Rennen "Rund um den Henninger Turm" am 1. Mai in Frankfurt, bei dem T-Mobile oft Frühjahrskrisen übertüncht hatte, wurde der grandiose Kampf von Patrik Sinkewitz nicht belohnt; er und sein Mitausreißer Jens Voigt (CSC) wurden vom Hauptfeld kurz vor dem Ziel gestellt. "Wir sind nicht zufrieden", sagt Ludwig zur Frühjahrsbilanz seiner Mannschaft.
Ludwig verbittet sich trotzdem jede Panikmache. Er schimpft auf die Sensationsgier der Medien, für die Ullrichs Formrückstand nur ein Schlagzeilenlieferant sei. 170 Interviewanfragen für Ullrich zählt die T-Mobile-Kommunikationsabteilung alle sollen sie natürlich vor der Tour abgearbeitet werden. Was nicht geht. Voigt sagt, dass er heilfroh ist, dass er im Ausland (Dänemark) unter Vertrag steht, "denn wenn ich schlecht fahre, dann ruft kein deutscher Journalist an und macht mich zur Schnecke". Für den T-Mobile-Star hat er nur Mitleid übrig: "Der arme Ulli."
"Ich spüre, dass ich die Tour noch einmal gewinnen kann. Solange dieses Gefühl noch da und die Mannschaft so gut wie jetzt ist, habe ich den Ehrgeiz", betont sagt dieser "arme Ulli". Doch regelmäßig wehrt sich sein Körper gegen diesen Ehrgeiz. Als ob er genug hat von der Schinderei, aber immer weiterfahren muss, denn von Ullrich hängt alles ab im deutschen Radsport. Und es gibt Sponsorenverträge, wie dieser sagenhafte Adidas-Kontrakt über zehn Jahre, abgeschlossen nach dem Toursieg 1997.
"Ich weiß, was er trainiert, ich weiß, wo er steht", versichert Ludwig, betont aber auch, "dass ich kein Controlling ausübe". 10.000 Kilometer soll Ullrich vor der Romandie-Rundfahrt in den Beinen gehabt haben, versicherte dessen Mentor Rudy Pevenage, nach dem Giro sei er fit für die Tour. "Wir sind auf Niveau", sagt Ludwig und lobt sogar Ullrichs professionelle Einstellung. "Das Ziel ist das Gelbe Trikot", betont der Teamchef, und er habe bisher keinen Grund, daran zu rütteln: "Jan geht seinen Weg."
Ludwig hat in seinen Star viel Vertrauen investiert doch dieses Investment soll, muss sich im Sommer auszahlen. "Es gibt Punkte, an denen wir uns abrechnen", sagt Ludwig. Ullrich sollte sich täglich daran erinnern, denn es könnte sein, dass am 23. Juli 2006 für ihn sämtliches Vertrauensguthaben aufgebraucht ist. Nicht nur bei Ludwig.