Umstrittener Sprinter: McEwen, der Rowdy in Grün - DER SPIEGEL
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Umstrittener Sprinter McEwen, der Rowdy in Grün

Für Lance Armstrong ist die Abschlussetappe der Tour de France nach Paris nur eine Ehrenrunde. Die Sprinter Erik Zabel und Danilo Hondo hingegen wollen ihre letzte Chance auf einen Tagessieg suchen. Unangenehmster Widersacher ist der Träger des Grünen Trikots, Robbie McEwen. Der Australier gilt als Rauhbein.
Von Till Schwertfeger
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Paris - Die Ziellinie in L'Alpe d'Huez überquerte McEwen wie ein Kunstradfahrer. Den Lenker hoch gerissen erreichte er zur Begeisterung seiner Fans den Gipfel nur auf dem Hinterrad und wischte sich dabei übertrieben die Schweißperlen von der Stirn. Am Ende war McEwen im 15,5 Kilometer langen Bergzeitfahren 138., achteinhalb Minuten langsamer als siegreiche Armstrong, aber wie immer innerhalb der Karenzzeit. Das Klettern im Gebirge ist nicht die Sache des Sprinters aus Brisbane, doch er weiß das trickreich zu überspielen. In der Not hängt sich der Profi des belgischen Lotto-Teams sogar heimlich an seinen Mannschaftswagen, um über die Berge zu kommen, wie ihm seine Konkurrenten im Rennen um das Punkteklassement vergangenes Jahr vorwarfen.

"Wie McEwen fährt, ist zweifelhaft", hat T-Mobile-Sprinter Erik Zabel vor dem Start dieser Frankreich-Rundfahrt moniert. Er hätte auch rücksichtslos oder unfair sagen können. Der Australier, der 2002 Zabels sechsjährige Herrschaft in Grün beendete, hat sich im Kampf der Spurtspezialisten einen schlechten Ruf erarbeitet. "Wir alle sind keine Kinder von Unschuld. Aber irgendwo gibt es Grenzen", empört sich auch Danilo Hondo. In der ersten Tour-Woche war McEwen auf seinen nach einem Sturz auf dem Boden liegenden und stark blutenden Gerolsteiner-Kontrahenten René Haselbacher zugelaufen und soll ihn in übler Weise beschimpft und sogar die Faust gegen ihn erhoben haben. "Wer seinen niederen Instinkten so freien Lauf lässt wie McEwen gehört nach Hause geschickt", schimpfte Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer.

Der frühere BMX-Crack McEwen sieht sich und seine Landsleute Stuart O'Grady und Baden Cooke, der ihm im Vorjahr das Grüne Trikot in Paris abjagte, in einer Reihe mit dem Filmhelden Crocodile Dundee. "Wir sind harte Burschen, Abenteurer und Überlebenskünstler", hat er den Erfolg der Australier in der Ellbogengesellschaft einmal stolz erklärt. Im gemeinsamen Überlebenskampf in den Bergen hätte er sich mit Hondo, Zabel und Co. eigentlich versöhnen können. Doch nicht einmal im "grupetto", weit hinter der Spitzengruppe, wechseln die Sprinter ein Wort miteinander. "Ich rede ja nicht mal mit Ete. Obwohl wir jahrelang in einer Mannschaft gefahren sind", so Hondo, der sich auf Grund seines Erscheinungsbildes den Spitznamen "Lausitz-Cipollini" eingehandelt hat.

Vor der Saison war der Cottbuser Hondo, 30, der großen Wert darauf legt, dass sein italienischer Vorname auf der zweiten Silbe betont wird, von Team Telekom zu Gerolsteiner gewechselt, um endlich aus dem Schatten Zabels treten zu können. Auf Siege reduziert, fällt die Tour-Bilanz der deutschen Rivalen allerdings miserabel aus. "Die einzigen Sprinter, die noch nichts gewonnen haben, sind Zabel und ich", drückt es Hondo ohne Umschweife aus. Der Ärger steht ihm ins Gesicht geschrieben.

Zabel hingegen, der am Ende der dritten Etappe in Wasquehal als Zweiter nur knapp an seinem 13. Tour-Etappensieg vorbeisprintete, scheint zum Ende seiner Karriere hin altersmilde geworden zu sein. Der mittlerweile 34-Jährige, um den man früher besser einen großen Bogen machte, wenn er nicht als Erster über den Zielstrich gerast war, sagt lächelnd: "Mir hat diese Tour sehr viel Spaß gemacht. Die Chance auf das Grüne Trikot ist noch da. Das ist erfreulich." Und erstaunlich, da die T-Mobile-Mannschaft allein auf den Tour-Sieg Jan Ullrichs ausgerichtet worden.

Gebracht hat es dem Bonner Rennstall unter dem Strich bislang nichts: Weder Ullrich noch der zum zweiten Kapitän aufgestiegene Andreas Klöden schafften es ganz oben aufs Treppchen. "Man sieht an Jan und Klödi, dass es nicht ganz so einfach ist, eine Tour-Etappe zu gewinnen", so Zabel, der in seiner langen Karriere selbst allzu oft, diese Erfahrung gemacht hat und sich meistens zu Unrecht kritisiert fühlte. "Es tut allen ganz gut zu sehen, dass Zweite und Dritte nicht nur Bratwürste sind, sondern respektable Leistungen dahinter stecken", erklärt er. Es klingt ein bisschen nach Genugtuung.

Die heutige Etappe über 163 Kilometer von Montereau nach Paris könnte der letzte Tour-Abschnitt in Zabels Karriere sein. Die Chancen auf das Grüne Trikot oder den Sieg auf der Champs-Elysées sind nur gering. McEwen führt mit 238 Punkten vor dem Norweger Thor Hushovd (227) in Diensten von Crédit Agricole. Zabel hat als Dritter 221 Zähler auf seinem Konto. "Paris ist etwas ganz Besonderes, aber nicht meine Lieblingszielgerade. Ich habe das Geheimnis der letzten S-Kurve noch nicht ergründet", sagt er schmunzelnd, "ich weiß genau, wie man da Zweiter wird. Aber wie man gewinnt, hat sich mir noch nicht erschlossen."

McEwen und Hushovd sind auch für das letzte Finale die großen Favoriten. "Hushovd hat sich toll entwickelt. Er ist ein Kraftsprinter", beschreibt Zabel den norwegischen Meister, der auf dieser Tour die achte Etappe nach Quimper gewann. "McEwen hat den stärksten Antritt", sagt Hondo über den Mann in Grün, der die Spurts in Namur (zweite Etappe) und Guéret (neunte Etappe) für sich entschied. Außerdem ist McEwen Spezialist für die Champs-Elysées, wo er 1999 und 2002 siegte. Kampflos aber will sich Hondo nicht geschlagen geben. "Ich lasse jetzt vielleicht auch mal den Ellenbogen stehen", kündigt der Fünfte der Punktwertung an. Für die Verrohung der Sitten macht der Gerolsteiner-Profi McEwen verantwortlich: "Er hat dazu beigetragen, dass im Sprint härter miteinander umgegangen wird."