US Open: Roger Federer erfindet sich neu - DER SPIEGEL
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Federer bei den US Open: Von Agassi gelernt

Foto: Al Bello / Getty Images

Roger Federer bei US Open Der neue Agassi

Mit 34 Jahren zählt Roger Federer immer noch zu den Top-Favoriten bei den US Open. Denn ihm ist es gelungen, sein Spiel stets neu zu erfinden. Als Inspiration dient ein anderer Großer des Tennis.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Novak Djokovic staunte nicht schlecht. Im Finale des ATP-Turniers in Cincinnati vor zwei Wochen retournierte Roger Federer einen Aufschlag des Serben unmittelbar hinter der T-Linie. Federer nahm den Ball als Halb-Volley und stürmte ans Netz, um Djokovic, den besten Konterspieler der Welt, unter Druck zu setzen. Und die Nummer eins der Welt schien tatsächlich überfordert: Sein Ball landete im Netz. Solchen Angriffen sah sich der 28-Jährige noch nie ausgesetzt.

Nie zuvor hat man Federer so aggressiv spielen sehen wie in den vergangenen Wochen. Pausenlos rennt der Rekord-Grand-Slam-Sieger ans Netz. Doch auch die längeren Ballwechsel gegen seine Dauerrivalen Andy Murray und Novak Djokovic scheut er nicht. Es scheint, als wolle der Schützling von Stefan Edberg es noch einmal allen beweisen.

Aus Spaß wurde Ernst

Federer ist ein Phänomen. Es ist keine zwei Jahre her, da rieten ihm ehemalige Tennisstars wie John McEnroe, seine Karriere schnellstmöglich zu beenden. Besonders nach seiner schweren Krise 2013, als er nur ein Turnier gewinnen konnte und in Wimbledon in der zweiten Runde ausschied. Doch der Schweizer beteuerte stets, weiterspielen zu wollen, solange er auf der großen Bühne mithalten könne.

Dass er das kann, stellte er unlängst unter Beweis. Auch, weil er sich und sein Spiel ständig neu erfindet. Federer selbst weiß am allerbesten, dass Stillstand im Tennis Rückschritt bedeutet. Deshalb probiert er im Training gern Dinge aus, die auf den ersten Blick unsinnig erscheinen. So auch sein neuer Angriffsschlag. "Im Training habe ich das aus Spaß ausprobiert. Aber dann dachte ich mir: warum nicht? Das könnte spannend sein. Und eine Herausforderung für den Gegner", so Federer.

Doch es sind nicht nur die neuen Variationen im Spiel des Weltranglistenzweiten. Auch die stetige Verbesserung seiner ohnehin schon sehr ausgefeilten Spielanlage. Der Aufschlag ist heute präziser und variantenreicher als je zuvor. Seiner Rückhand, die lange Zeit als Schwachstelle galt, verlieh er mehr Sicherheit, indem er seinen Schlägerkopf vergrößern ließ.

Agassi als Inspiration

Auf die Frage, ob wir bei den US Open den besten Federer der Geschichte zu sehen bekämen, antwortete der 34-Jährige vor Kurzem lakonisch: "Wenn ich hier gewinne, dann ja." Sein Selbstvertrauen ist auch nach dem verlorenen Wimbledon-Finale gegen Djokovic groß.

Verwunderlich ist das nicht. Das Jahr 2015 verlief aus Federers Sicht bislang auch ohne einen Grand-Slam-Titel erfolgreich. Neben Turniersiegen in Brisbane, Dubai, Istanbul, Halle und Cincinnati stand der vierfache Familienvater in drei weiteren Finals. Rückschläge, wie die Niederlage gegen Andreas Seppi bei den Australian Open, werfen ihn nicht zurück. Ganz im Gegenteil.

Die Endphase seiner Karriere erinnert stark an die eines ehemaligen Grand-Slam-Siegers: Andre Agassi. Federer selbst sagt, dass der US-Amerikaner die größte Inspiration für ihn gewesen sei, auch im hohen Tennisalter noch an sich zu arbeiten. "Ich sah, wie konzentriert und methodisch Andre an sich arbeitete, wie er sein Spiel immer wieder anpasste. Das war schon vorbildhaft", erzählt Federer.

Noch lange nicht am Ende

Agassi erreichte 2005 bei den US Open im Alter von 35 Jahren sein letztes Grand-Slam-Finale. Damals musste er sich Federer in vier Sätzen geschlagen geben. Möglicherweise reifte in Agassis Kopf in diesem Moment der Gedanke, bald aufzuhören. Die Dominanz Federers war schon zu diesem Zeitpunkt zu offensichtlich.

Ein Jahr später beendete der Ehemann von Steffi Graf seine Karriere. In der dritten Runde der US Open unterlag er gegen den Deutschen Benjamin Becker. Von einem ähnlichen Schicksal scheint Federer, der in der dritten Runde von New York auf Philipp Kohlschreiber trifft (Liveticker, SPIEGEL ONLINE), momentan noch weit entfernt zu sein. Von den letzten 19 Begegnungen verlor Federer lediglich eine, gegen Djokovic im Wimbledon-Finale.

Der ehemalige Tennisstar Mats Wilander brachte es kürzlich auf den Punkt. Auf die Frage, ob der Schweizer noch in der Lage sei, weitere Grand-Slam-Titel zu holen, sagte er, dass es ihm egal sei. Federer selbst mache sich im Übrigen auch keinen Kopf. "Wenn er noch einen gewinnen sollte - super, wenn nicht - auch super", so der Schwede. Vielleicht liegt ausgerechnet darin Federers größte Chance.