US Open: Russischer Triumph in New York - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

US Open Russischer Triumph in New York

Mit Marat Safin hat erstmals ein Russe die US Open gewonnen. Besonders die Art und Weise wie der Moskauer Pete Sampras im Finale vorführte, hat die Tenniswelt in Staunen versetzt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

New York - Als Marat Safin überwältigt auf die Knie sank und den Boden küsste, hatte er den märchenhaften Wandel vom lustlosen Verlierer zum gefeierten Tennis-Champion vollendet. Mit 6:4, 6:3, 6:3 fegte der 20-jährige Heißsporn am Sonntag in New York beinahe wie ein Orkan über den machtlosen Tennis-Giganten Pete Sampras hinweg und triumphierte als erster Russe bei den US Open.

Danach war statt des gebuchten Nachtfluges nach London Party in einem Nachtclub in Manhattan angesagt. "Leute, Ihr wollt wissen, ob ich mich heute Abend betrinken werde?", entgegnete Safin auf eine entsprechende Frage bei der Pressekonferenz: "Ihr wollt doch nur ein Ja hören und das dann in die Zeitung schreiben. Aber unter uns, ich hoffe, es wird so kommen", scherzte der Sieger, ehe er noch in den Stadion-Katakomben mit Trainer Alexander Wolkow und einigen Freunden die große Sause mit einer Champagner-Dusche eröffnete.

Der geschlagene Pete Sampras fühlte sich während der 98 Minuten im Arthur Ashe Stadion nicht nur "hilflos", sondern in seine erste große Sternstunde zurückversetzt. "Es hat mich erinnert an 1990, als ich hier als 19-Jähriger Andre Agassi im Finale überrollt habe. Heute hat er mich vom Platz gefegt", sagte Sampras, der kein Rezept gegen die brillanten Grundlinien- und Passierschläge des Russen fand. "Was ich auch gemacht habe, er hatte immer die bessere Antwort parat", sagte Sampras nach der dritten Niederlage in seinem 16. Grand-Slam-Finale.

Der besiegte Champion überschüttete Safin, der für Nicolas Kiefer im Viertelfinale zur Endstation geworden war, geradezu mit Lob. "Er verkörpert zusammen mit Lleyton Hewitt die Zukunft des Tennis. Er wird noch viele große Turniere gewinnen. So, wie er hier gespielt hat, kann er für viele Jahre die Nummer eins werden." Erstaunlich gelassen nahm Pete Sampras die herbe Abfuhr hin. "Mit dem Sieg in Wimbledon habe ich erreicht, was ich in diesem Jahr erreichen wollte, den 13. Grand-Slam-Titel, den Rekord", sagte die neue Nummer eins im "Champions Race" der ATP-Tour: "Es war eine schwere Niederlage. Aber ich habe in diesem Jahr noch einige wichtige Termine vor mir." An erster Stelle nannte er die Heirat mit seiner Verlobten, der Schauspielerin Bridgette Wilson.

Safins Ziele dürften auf anderen Ebenen liegen. Der Bursche aus Moskau, dessen Husarenstück bestens nach New York passte, wo die Geschichten vom Tellerwäscher zum Millionär legendär sind, will sich unter den Besten der Tenniselite etablieren. Zu Anfang des Jahres sah alles jedoch noch anders aus. Bei den Australian Open wurde Safin wegen lustlosem Spiel zu einer Geldstrafe von 3000 Mark verurteilt. Mitte März war der Russe, der im Alter von 13 Jahren das Elternhaus verließ und nach Spanien übersiedelte "kurz davor, meine Tennis-Karriere zu beenden". Erst als der ehemalige Becker-Manager Ion Tiriac und der Ex-Profi Andrej Tschesnokow das große Talent unter ihre Fittiche nahmen und auf den richtigen Weg führten, wendete sich das Blatt. Prompt gewann Safin im Mai das Turnier in Barcelona. Zuvor hatte er nur fünf Spiele in diesem Jahr gewonnen. "Es wird keiner glauben, aber die Sache hat einen einfachen Grund: Ich bin ein Kämpfer geworden", sagte Safin.

Im Finale musste der Russe, der die "besten Returns meines Lebens" spielte und Sampras ein ums andere Mal mit Super-Schlägen passierte, nur im letzten Aufschlagspiel kämpfen. Da musste er die einzigen zwei Breakbälle der ganzen Partie abwehren. "Ich war unter Druck. Ich konnte nicht mehr spielen, nicht mehr aufschlagen. Mein Körper war voll mit Adrenalin", beschrieb Safin die plötzliche Angst vor dem Sieg. Er hielt dem Druck aber stand, der nun zum ständigen Begleiter werden wird. "Er ist jetzt der gejagte Mann", prophezeite Sampras.

Mit dem plötzlichen Ruhm und dem vielen Geld hatte Safin schon vor zwei Jahren Probleme, als er als "Nobody" bei den French Open Andre Agassi und Gustavo Kuerten schlug und über Nacht bekannt wurde. Doch nach dem ersten Grand-Slam-Titel will er auf dem Teppich bleiben. "Warum sollte diese Trophäe mein Leben verändern?", sagte er und zeigte auf den Siegerpokal. "Es ist ein Riesenerfolg. Und ich habe diesen Scheck über 800.000 Dollar", bemerkte Safin und zog das wertvolle Papier aus der Hosentasche: "Aber das war's auch schon."