Rory McIlroy: Der "Celtic-Tiger"
US-Open-Sieger McIlroy Der Holywood-Star
Die Golfwelt hat einen neuen Tiger: Während der einstige Superstar Tiger Woods geplagt von hartnäckigen Verletzungen immer weiter aus der Weltspitze rutscht, scheint der Aufstieg des "Celtic Tiger" nicht mehr zu stoppen. Was Rory McIlroy bei der 111. US Open in Bethesda im Bundesstaat Maryland über die vier Turniertage zeigte, war die Demonstration seines sagenhaften Talents und ein Versprechen für die Zukunft. Mit traumhaftem Golf sicherte sich der Nordire seinen ersten Major-Triumph. 69 Schläge am Schlusstag auf dem extrem schweren "Blue Course" (Par 71) bedeuteten für den 22-Jährigen am Ende ein Rekordergebnis von 268 Schlägen - und damit gewaltige acht Schläge Vorsprung vor dem zweitplatzierten Australier Jason Day (276).
Man muss zwei Monate zurückblicken, um diesen Sieg richtig würdigen zu können. Zurück nach Augusta, dem ersten Major-Turnier des Jahres. "Mein Spiel fühlt sich gut an", hatte sich McIlroy im April nach drei gespielten Runden von 65, 69 und 70 Schlägen auf dem Par-72-Kurs gefreut, kein anderer Spieler im Starterfeld schien ihn noch einholen zu können. Am Ende blieb nur Ernüchterung - und ein Platz jenseits der Top Ten.
Wie nun in Bethesda spielte McIlroy zunächst auf höchstem Niveau. Und brach dann ebenso dramatisch ein. Die zwei Monate zwischen den beiden Major-Turnieren reichten aus, um aus den Fehlern von einst zu lernen. "Damals habe ich versucht, am Sonntag nur den Vorsprung von vier Schlägen ins Ziel zu retten", sagt McIlroy rückblickend. Mit einer 80er Runde ging der Versuch katastrophal schief. "Ich habe nach dem Masters mein Spiel und meine Taktik überdacht und mich bis zum Ende ganz darauf konzentriert", sagte McIlroy nun nach seinem Triumph.
"Er hat gespielt wie Tiger Woods vor elf Jahren"
Diesmal betrug sein Vorsprung vor dem Finaltag sogar acht Schläge. Doch diesmal änderte sich daran auch unter dem enormen Druck am Finaltag nichts mehr. "Was für eine Vorstellung, vom Anfang bis zum Schluss", zollte Tiger Woods dem Sieger seinen Respekt. Bereits nach Tag eins im Congressional Country Club waren die ersten Vergleiche zwischen McIlroy und der seitdem unerreichten Dominanz Woods' bei dessen US-Open-Sieg 2000 in Pebble Beach aufgekommen. Der US-Amerikaner hatte seine Konkurrenten damals deklassiert, 15 Schläge lagen am Ende zwischen ihm und den zweitplatzierten Ernie Els und Miguel Ángel Jimenez.
"Er hat gespielt wie Tiger Woods vor elf Jahren", sagte der Engländer Ian Poulter nun zu McIlroys Triumph. Was viele Experten dem Shootingstar schon seit Jugendtagen prophezeiten, ist nun eingetreten. McIlroy spielte in einer eigenen Liga. Der Nordire ist der Mann der Zukunft. Und schon jetzt ein Mann für Rekorde. Er holte sich den Sieg in Bethesda mit der niedrigsten Schlagzahl der Turnier-Geschichte und noch nie dagewesenen 16 Schlägen unter Par. Dass er zwischenzeitlich sogar 17 Schläge unter Par lag, bedeutete ebenfalls eine weitere Bestmarke - genau wie seine Bilanz nach zwei (131) und drei Runden (199). Zudem ist McIlroy nun der jüngste US-Open-Sieger seit 1923. Zum Vergleich: Die letzten zehn US-Open-Champions waren zusammen nur auf 14 unter Par gekommen.
"Es gibt keine Superlative mehr, um das zu beschreiben, was Rory in dieser Woche alles gezaubert hat", sagte McIlroys nordirischer Kumpel und Titelverteidiger Graeme McDowell, der am Ende geteilter 14. wurde (213 - 70+74+69+69). Auch Deutschlands Topgolfer Martin Kaymer erkannte die Leistung des Sieger neidlos an: "Ich freue mich wahnsinnig für ihn. Er hat es wirklich verdient, das war nahezu Golf in Perfektion." Für Kaymer reichte es am Ende nur zu einem 39. Platz. In der Weltrangliste liegt McIlroy (7,19 Punkten), der sich durch den Sieg vom siebten auf den vierten Platz verbesserte, dicht hinter Kaymer (7,22).
Vaterfreuden auf dem letzten Grün
Und während in rund um den Congressional Country Club Einigkeit über Leistung McIlroys herrschte, war in dessen Heimat die Hölle los. "Rory, Rory, Hallelujah!", sangen die Mitglieder seines Heimatclubs im Städtchen Holywood in der Bucht von Belfast immer wieder und tranken ein Pint nach dem anderen auf den Sieger.
Der dachte Sekunden nach dem bisherigen Höhepunkt seines Golferlebens nur an einen: "Ich wünsche dir einen schönen Vatertag, dieser Erfolg ist für dich", sagte McIlroy unmittelbar nach seinem Erfolg zu seinem Vater, der für die Karriere seines Sohnes viele Opfer brachte und teilweise drei Jobs gleichzeitig erledigte, um die Förderung Rory McIlroys zu ermöglichen. "Wir wollten unserem Kind alle Chancen geben, es ist doch unser einziges. Ich möchte aber klarstellen: Golf war nicht unser Traum, es war Rorys", sagte Gerry McIlroy, der sich nach dem letzten Putt seines Sohnes in eine nordirische Fahne gehüllt hatte.
Dass auch Rory McIlroy nicht nur Golfen, sondern auch auf hohem Niveau feiern kann, ist bekannt. "Was für eine Woche! Ich glaube, ich bin immer noch betrunken, wir haben Jägermeister aus dem Ryder Cup getrunken" twitterte der 22-Jährige nach dem Sieg im Wettkampf zwischen Europa und den USA im vergangenen Oktober.
Ebenfalls über den Kurznachrichtendienst setzten McIlroys Profikollegen zahlreiche Glückwünsche und Respektbekundungen ab. Der englische Weltranglisten-Erste Luke Donald scherzte gar, er überlege, nach Nordirland auszuwandern. McDowells Antwort: Antrag abgelehnt. Gut möglich, das Donald auch seine Spitzenposition bald los ist.