Frauentennis vor den US Open: Fehlende Weltklasse
Frauentennis bei den US Open Traut euch!
Simona Halep kann jetzt nur noch zuschauen. Nachdem sie in Runde eins der US Open gegen Maria Scharapowa verloren hat, liegt es nicht mehr in ihrer Hand, ob sie in zwei Wochen die neue Nummer eins der Tenniswelt sein wird.
Dabei hatte sie die besten Chancen - und war in diesem Jahr ohnehin schon dreimal knapp vorm Ziel, nur ein Match fehlte ihr stets. Bei den French Open verlor sie im Endspiel trotz 6:4, 3:0-Führung, in Wimbledon unterlag sie im Viertelfinale (ein Halbfinale hätte ihr gereicht). Im Cincinnati-Finale ging sie glatt gegen Garbiñe Muguruza unter. Die Nummer eins - sie ist auch Nervensache.
"Die Nummer eins sollte eine Ehre sein", meint Boris Becker
Seit Wimbledon an der Spitze steht Karolina Pliskova, nachdem sie die glücklose Angelique Kerber abgelöst hat. Kerber litt an der Nummer eins. Daran, plötzlich die Gejagte zu sein, die alle schlagen wollen. Eine falsche Herangehensweise, findet Boris Becker. "Wenn man die Nummer eins ist, sollte das nicht mit Druck verbunden sein, sondern es sollte eine Ehre sein. Vielleicht hat Angie da eine falsche Sichtweise. Sie sollte die Zeit an der Spitze mehr genießen", sagte er. "Kerber steht ja nicht zufällig dort, sondern weil sie die stärkste Spielerin der Welt war - und das über zwölf Monate."
Kerber ist mittlerweile auf Rang sechs abgerutscht, bei einem frühen Ausscheiden in New York droht ihr als Titelverteidigerin der Abschied aus den Top Ten. Die Weltranglistenspitze scheint aktuell verwaist, es fehlt die Überspielerin, die Führungsfrau. Konkret: Es fehlt Serena Williams, die in Babypause weilt und jahrelang das tat, was Becker rät, nämlich die Nummer eins als als Selbstverständlichkeit guter Leistungen anszuehen. Mit der Überzeugung, die Beste zu sein.
Muguruza, Elina Svitolina, Pliskova, Caroline Wozniacki - sie sind die aussichtsreichsten Kandidatinnen, die sich bei den US Open die nötigen Punkte für die Nummer eins holen könnten. Ein Makel haftet dem Großteil dieser Damen jedoch an: Ein Grand-Slam-Turnier hat nur Muguruza gewonnen (sogar zwei: die French Open 2016 und Wimbledon 2017).
Wozniacki war sogar schon 67 Wochen lang Weltranglistenerste (zuletzt 2012), sie hat 25 Titel eingeheimst, aber noch kein Major. Da ging es ihr ähnlich wie Jelena Jankovic und Dinara Safina in den Jahren 2008 und 2009. Doch während Safina mittlerweile Tennisrentnerin und Jankovic nicht mehr unter den Top 50 notiert ist, hat sich Wozniacki wieder in den Kreis möglicher Grand-Slam-Titelkandidatinnen gespielt.
Verrückte Szenarien an der Spitze
Als Nummer eins geht Pliskova am heutigen Dienstag ins Rennen, sie hatte im Vorjahr im Halbfinale gegen Serena Williams gesiegt und im Finale knapp gegen Kerber verloren. Es war ihr bislang einziges Grand-Slam-Endspiel. Nach einem starken Saisonstart hat sie zuletzt gut, aber nicht überragend gespielt. In New York geht es um viel: 2000 Punkte bekommt die Siegerin, nach dem 52-Wochen-Verrechnungssystem werden die Punkte aus dem Vorjahr jedoch abgezogen. Pliskova kann als Vorjahresfinalistin also "nur" 700 Punkte hinzugewinnen, muss aber 1300 verteidigen. Ihr Verbleib an der Spitze hängt auch vom Abschneiden der Konkurrenz ab.
So komisch es klingt: Halep ist, obwohl sie nun bereits raus ist, nach wie vor diejenige, die es zu übertrumpfen gilt. Sie könnte von der Couch aus die Nummer eins werden, sollten alle anderen Kandidatinnen früh scheitern. Muguruza bräuchte zumindest ein Achtelfinale, Svitolina ein Halbfinale, Pliskova müsste mindestens wieder ins Finale kommen. Auch Wozniacki, Svetlana Kuznetsova und Venus Williams hätten Chancen, sollten sie das Turnier gewinnen. Aber auch nur, wenn die Konkurrenz mitspielt.
Oder eben nicht mehr.