"Utah Jazz" Bekehrung in Bus und Bahn
Salt Lake City - Sie sind nicht zu übersehen. Überall in Salt Lake City lungern dieser Tage Händler von Ansteckern jeder Sorte herum. "Got a pin? Want a pin?", fragen und nerven diese laufenden Pinwände, die von Kopf bis Fuß jeden Quadratzentimeter ihrer Kleidung mit Ansteckern verschandelt haben.
Als mir der kleine Junge in der Straßenbahn Richtung Downtown SLC einen Olympia-Pin anbietet, will ich reflexhaft schon abwinken. Weil der Steppke aber so brav und nett aussieht, entgegne ich sehr freundlich, dass ich keine Pins tausche. Will er auch gar nicht, er möchte ihn mir schenken. "Medals for Glory - Salt Lake City 2002" steht auf dem Anstecker, der einen alpinen Skiläufer zeigt. Ich lenke ein und bedanke mich. Ein Fehler, wie sich schnell herausstellt.
Als ich auf Nachfrage dem 16-Jährigen, den ich höchstens auf elf geschätzt hätte, erzähle, dass ich aus Deutschland komme, beginnt im vollbesetzten Abteil plötzlich ein Mann schräg gegenüber geschäftig in seiner Ledertasche zu wühlen. Er wird fündig und kramt eine kleine Broschüre heraus. "Das Ausstrecken nach dem Gold" ist das schmale Bändchen betitelt - auf deutsch. Das gute Stück ist ebenfalls als Präsent für mich gedacht.
Beim ersten Blättern im vermeintlichen Olympia-Heftchen finde ich lauter Bibelzitate und in weißer Schrift auf schwarzem Balken die bedenkliche Diagnose: "Sie brauchen Hilfe". Die benötige ich jetzt wirklich. Ich befinde mich nämlich in den Klauen eines Rudels Baptisten, das in die Mormonenhauptstadt eingefallen ist. Die Crew aus Cleveland will weitere Fahrgäste rings um mich herum bekehren.
Der 14-Jährige mir gegenüber ist von seinen Eltern für die Zeit der Winterspiele aus der Schule genommen worden und teilt mir unaufhörlich mit, was ich zu tun und - vor allem - zu lassen habe, um ins Paradies zu gelangen. Sein Freund, jener Jungmissionar, der mir den Anstecker untergejubelt hat, interpretiert unaufgefordert die Farben meines Pins. Schwarz sind die Sünden, Rot steht für das Blut von Jesus, das er für uns ... und so weiter und so fort.
Mit Gegenfragen versuche ich dem Redeschwall etwas Herr zu werden. Als wir die Endstation erreichen, atme ich tief durch. Ich wähne mich in Sicherheit. An der Haltestelle haben sich junge Mädchen postiert, die kostenlose Wasserflaschen verteilen. Unvorsichtigerweise greife ich nach einem Getränk und nehme einen kräftigen Schluck. Erst dann schaue ich mir das Etikett genauer an.
"Diese Wasserflasche ist ein Geschenk. Man kann sie sich nicht verdienen. Unser Ziel ist es, dass diese Wasserflasche als Verdeutlichung von Gottes Geschenk an die Menschheit dient - ewiges Leben durch seinen Sohn Jesus Christus", steht da auf Englisch. Absender: Grace Baptist Church, New Mexico.