"Utah Jazz" Die Hysterie der Eingeborenen
Park City - Elvis eins heißt Kamaron. Der Presley-Klon hat sich aus der amerikanischen Flagge "Stars and Stripes" einen Glitzeranzug schneidern lassen. Prächtig sind auch seine Koteletten. Die ranken sich von seinen Ohren abwärts und gehören zu den dicksten der Welt. Fast unwahrscheinlich, dass die schwarze Backenbartpracht echt ist. Denn Coby - auf diesen Vornamen hört Elvis zwei - sieht genauso aus.
"Ich habe als kleines Kind in der Schweiz gelebt und immer davon geträumt, einmal zum Skispringen zu gehen", flötet Kamaron auf Schwyzerdütsch. Aus Los Angeles sind die beiden Kumpel extra zu Olympia angereist und bekommen vom sportlichen Geschehen gar nichts mit. Stattdessen posieren sie für Fotos und geben vor Fernsehkameras ein "Love me tender"-Duett zum Besten. "It's cool here", sagt Kamaron glänzend gelaunt und meint damit nicht die Minustemperaturen.
"I love it, I love it"
Im Utah Olympic Park sorgen über 20.000 Zuschauer für prächtige Stimmung. "Nachher gehe ich noch zur Bob-Veranstaltung", ruft Elvis eins voller Vorfreude. Bobfahren interessiere ihn, "of course". Natürlich, es steht jedoch Rodeln an, nicht Bobfahren. "Really? Egal. Ich habe Tickets dafür!", lässt Kamaron sich nicht irritieren.
Fast alle olympischen Wettbewerbe in Salt Lake sind ausverkauft. Insgesamt rund 1,5 Millionen Eintrittskarten hat das Organisationskomitee bereits abgesetzt. Nicht selten wissen die überwiegend einheimischen Zuschauer - 94 Prozent der Karteninhaber sind US-Bürger - allerdings gar nicht, wem sie da gerade zujubeln.
Die euphorisierten Amis feiern einfach das Ereignis und die Helden, die es beispielsweise wagen, von einer riesigen Schanze zu fliegen. "I love it, I love it", beschreibt das blonde California-Girl Stacy in sechs Worten ihr enges Verhältnis zum Skispringen.
Rodeln auf der Schallwolke
Die Stadionsprecher, die - wie bei Sportübertragungen im US-Fernsehen üblich - meist als Duo agieren, heizen der Menge ein. Wie Animateure beim Abendspektakel im Robinson Club. "Come on, guys! I can't hear you! There's more action coming up!" Immer voll drauf. SLC - there's no stoppin' us!
In einem Land, in dem Cheerleading eine eigene Sportart ist, erzielen die Agitprop-Profis in Sachen Olympia-Hysterie den gewünschten Effekt. Als in der alpinen Herren-Abfahrt der Ire Paul Patrick Schwarzacher-Joyce 15 Sekunden langsamer als der Olympiasieger ins Ziel kommt, trampeln 25.000 Skifans mit den Füßen, dass die Haupttribüne einzustürzen droht.
Selbst Rodel-Routinier Georg Hackl, der in Salt Lake seine fünften Olympischen Spiele absolviert, hatte solcherlei Euphorie noch nicht erlebt. Nach der Fahrt zu seiner fünften Olympiamedaille schwärmte er von der ungewohnt lautstarken Unterstützung: "Da rast man wie auf einer Schallwolke die Bahn hinunter."