Warner Der Mann mit dem goldenen Arm
St. Louis - Im Prinzip hat Hollywood alles, was packende, massenwirksame Stories ausmacht: perfektes Marketing, findige Drehbuchautoren und, natürlich, die Stars. Doch manchmal schreibt das Leben halt doch die besseren Geschichten.
Mit "Any Given Sunday" hat Regisseur Oliver Stone gerade den wohl ultimativen Football-Film in die amerikanischen Kinos gebracht. Im Zentrum des mit atemberaubenden Spielszenen und Stars von Al Pacino bis James Woods gespickten Streifens steht ein junger Reserve-Quarterback, der durch Verletzungspech seiner beiden Team-Rivalen auf einmal zur Nummer eins aufrückt, die Mannschaft mit unkonventioneller Spielweise in die Play-offs passt und zum gefeierten Star aufsteigt.
Typisches Hollywood-Klischee? Vielleicht. Doch das ist nichts gegen die Story von Kurt Warner, dem Quarterback der St. Louis Rams, der aus dem Nichts kam und ganz Football-Amerika in Verzückung versetzt. "Wer ist Kurt Warner?", fragte Mitte Oktober noch Josie Karp, Football-Experte des Fernsehsenders CNN. Da hatte der Newcomer gegen die San Francisco 49ers gerade 20 von 23 Pässen vollendet, für 323 Yards und 5 Touchdowns geworfen. In ähnlichem Stil ging es weiter, heute ist Warner jedem Fan ein Begriff und wurde vor wenigen Tagen gerade mit großem Vorsprung zum MVP gewählt, zum besten Spieler der "regular season", der Saison vor Beginn der gerade begonnenen Play-offs.
Eigentlich peinlich für die gesamte Branche mit ihren zahllosen Trainern, Beratern und Talentscouts. Denn als Warner 1994 die Universität von Northern Iowa verließ, wurde er nicht einmal gedraftet - so nennen die Amerikaner das Einkaufen junger Sportler direkt von der Hochschule. Keiner wollte ihn haben, und bald jobbte der junge Kurt in einem Lebensmittelgeschäft in Cedar Falls (Iowa), für fünfeinhalb Dollar die Stunde. Nebenbei spielte er spaßeshalber drei Jahre in der sogenannten "Arena League" eine Art Hallen-Football für die MTV-Generation. Da sich drei Viertel einer normalen Mannschaft auf einem Viertel der gewohnten Spielfläche tummeln, ist es dort fast noch enger als zur Hauptverkehrszeit am New Yorker Times Square.
Der Quarterback hat dort noch weniger Zeit, muss blitzschnelle Entscheidungen treffen und noch präziser passen, da sich die Mitspieler nicht so freilaufen können wie auf dem großen Feld. Warner sammelte Rekord auf Rekord, wurde wegen seiner "magischen" Pässe alsbald von Freund und Feind nur noch "Houdini" genannt und führte seine "Iowa Barnstormers" (deutsch: "Scheunenstürmer") schließlich zweimal zur "Arena"-Meisterschaft.
Das brachte ihm dann doch einen Platz in der NFL, wenn auch nur in deren Ableger NFL Europe. Die St. Louis Rams, die ihn unter Vertrag genommen hatten, schickten ihn erst mal zu den Amsterdam Admirals, in "eine Stadt der Sünde", wie der gläubige Christ gerade dem Night-Talker David Letterman erzählt hat. Nach einer erfolgreichen Saison, in der er die Liga in allen wichtigen Kategorien anführte, durfte er dann als zweiter Ersatz-Quarterback nach St. Louis zurückkehren. Und als sich die Nummer eins, Trent Green, im ersten Testspiel verletzte, gewann Warner das Vertrauen von Trainer Dick Vermeil. Der Rest ist ein Stück Football-Geschichte.
Mit dem schlechtesten Team des letzten Jahrzehnts, das noch im vergangenen Jahr in 16 Spielen nur 4 Siege erzielen konnte, schaffte Warner 13 Siege bei nur 3 Niederlagen, die Divisions-Meisterschaft. In New York wurde Kerry Collins gefeiert, als er für seine Giants als erster seit 1994 wieder über dreihundert Yards Raumgewinn in einem Spiel erreicht hatte. Warner durchbrach diese Schallmauer allein in dieser Saison neunmal. Dazu warf er in seinem ersten Jahr als Starter gleich mehr Touchdowns (41), als es etwa Quarterback-Legende John Elway in 16 Anläufen schaffte (beste Saison: 27). In der NFL-Geschichte ist er nach Dan Marino überhaupt erst der zweite, der in einer Spielzeit 40 Touchdowns erzielte. Und das als Nobody, der nur das Mindest-Jahresgehalt von 250.000 Dollar erhält. Als Adoptiv-Vater eines behinderten Jungen wurde Warner auch außerhalb des Spielfelds zum Darling der Amerikaner: ein so perfekter Held, wie ihn sich nicht einmal Hollywood auszudenken gewagt hat.