Welt-Anti-Dopingagentur Wada: Die Vertrauensfrage - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Welt-Anti-Doping-Agentur Wada Die Vertrauensfrage

Die Glaubwürdigkeit ist zerbröckelt, Athleten steigen auf die Barrikaden: Die Welt-Anti-Doping-Agentur kommt auch einen Monat nach der Begnadigung Russlands nicht aus dem Feuer - und überrascht mit einer Verschwörungstheorie.
Wada-Zentrale in Montreal
Wada-Zentrale in Montreal

Wada-Zentrale in Montreal

Foto: Marc Braibant / AFP
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada wird im kommenden Jahr 20 Jahre alt. Doch von Jubiläumsvorfreude ist in der Sportwelt derzeit nichts zu spüren, im Gegenteil: Die Wada steckt in einer ihren schwersten Krisen seit ihrer Gründung. Es geht um das Wertvollste, das eine solche Organisation haben kann: Glaubwürdigkeit.

Diese steht derzeit auf dem Spiel, schlimmer noch: Viele Athleten, ehemalige und aktive und einige nationale Anti-Doping-Agenturen (darunter auch die deutsche) glauben nicht mehr, dass die Wada im besten Interesse der Sportler und des Kampfs gegen Doping handelt.

"Das Vertrauen der nationalen Agenturen in die Wada und das Internationale Olympische Komitee ist am Boden", sagte etwa Matthias Kamber, bis Frühjahr 2018 Geschäftsführer von "Antidoping Schweiz". Seine Kollegin aus Deutschland, Andrea Gotzmann, sagt: "Das Vertrauen in die weltweiten Anti-Doping-Aktivitäten ist durch die Negativschlagzeilen über und nach dem Skandal in Russland verloren gegangen."

Hoffnung auf neue Beweise

Dass sich die Wada den Unmut von Athleten und Verbänden zugezogen hat, liegt daran, dass sie die russische Anti-Doping-Agentur Rusada nach jahrelanger Sperre aufgrund des russischen Dopingskandals vor knapp einem Monat begnadigt hat. Und das, obwohl Russland die Erkenntnisse aus dem McLaren-Report nicht in Gänze anerkannt hatte, was eigentlich als Voraussetzung formuliert worden war.

Der frühere Wada-Präsident Richard Pound begründete den Schritt damit, dass man dadurch Zugang zu den Rohdaten des Moskauer Anti-Doping-Labors bekäme. Dadurch erhofft man sich, neue Beweise zu finden. Pound verspricht: Falls sich die Daten als manipuliert herausstellen sollten, würde die Rusada erneut suspendiert werden.

Wada-Chefermittler Günter Younger nannte die Entscheidung "einen guten Deal", der Generaldirektor Olivier Niggli gar eine "win-win"-Situation. Auch Wada-Chef Craig Reedie verteidigte den Entscheid. In einem offenen Brief schrieb er, der Kompromiss "versetzt die Wada in eine viel stärkere Position als je zuvor in den letzten vier Jahren".

Auch andere Verbände spüren den Zorn der Athleten

Dieser Argumentation wollte jedoch kaum jemand folgen: Zahlreiche aktive und ehemalige Athleten kritisierten die Entscheidung in den vergangenen Wochen hart. Der zweifache britische Zehnkampf-Olympiasieger Daley Thompson hatte der Wada ihre Fähigkeit abgesprochen, den Anti-Doping-Kampf zu führen. Sie müsse ersetzt werden, sagte er.

Die Athleten verlören die Geduld angesichts des "Widerwillen der Wada, für die Interessen des sauberen Sports einzustehen", teilte Victoria Aggar, Mitglied der Wada-Athletenkommission mit. Es rumort in der Sportlerwelt. Andere Verbände, etwa das Internationale Olympische Komitee IOC, hatten zuletzt ebenfalls zu spüren bekommen, dass die Athleten eine mündige Rolle im Weltsport einfordern.

Auch aus der Wada selbst gab es Kritik. Die Wada-Vizepräsidentin Linda Helleland, die gegen eine Wiederaufnahme der Rusada gestimmt hatte (Ausgang: 9:2, eine Enthaltung), sagte hinterher: "Heute haben wir für die ehrlichen Sportler auf der ganzen Welt versagt." Dopingjäger Travis Tygart, der durch den Fall Lance Armstrong weltbekannt wurde, sprach von einem "verheerenden Ergebnis".

IOC finanziert die Wada

Für Empörung sorgte zudem ein BBC-Interview der Sprecherin der Athletenkommission der Wada, Beckie Scott. Die kanadische Skilanglauf-Olympiasiegerin hatte sich aufgrund ihrer ablehnenden Haltung zur Wiederaufnahme von Wada-Offiziellen gemobbt gefühlt. Man habe sie "respektlos behandelt" und "schickaniert". Die Wada wies diese Darstellung zurück.

Vor allem die enge Verzahnung zwischen Wada und dem IOC sorgt für Kritik: Fünf der zwölf Mitglieder des Wada-Exekutivkomitees sind parallel IOC-Mitglieder, auch Präsident Reedie. Das IOC kommt zudem für die Hälfte des Etats der Wada auf. Wie soll da Unabhängigkeit gewährleistet sein?

Das Problem ist bekannt, und jetzt werden die Forderungen nach Reformen stetig lauter. Jüngst hat die "Wada Gouvernance Group", bestehend aus Athleten, Vertretern der nationalen Anti-Doping-Agenturen und unabhängigen Experten die Wahl eines neuen Präsidenten empfohlen, der keine Verbindungen zum IOC oder anderen Verbänden hat. Zudem sollte die Amtszeit der Exekutivmitglieder auf drei Jahre begrenzt werden.

Auch in Deutschland sieht man das so: "Es muss eine neue Führungsstruktur geben. Nicht nur wenige Interessensgruppen dürfen ein Übergewicht haben", sagte Silke Kassner, stellvertretende Athletensprecherin im Deutschen Olympischen Sportbund. Nada-Sprecherin Gotzmann forderte eine "unabhängige Persönlichkeit" an der Spitze. "Es darf keiner zugleich noch Minister oder IOC-Mitglied sein."

"Politisch motivierte Gruppe von Kritikern"

Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE teilte die Wada eine bemerkenswerte Sichtweise auf die massive Kritik mit: "Es ist klar, dass es eine kleine, politisch motivierte Gruppe von Kritikern gibt, die seit der Wiedereinsetzung der Rusada vor einem Monat versucht, das Anti-Doping-Programm zu destabilisieren, indem sie die Wada, die Olympische Bewegung und Regierungen rund um die Welt kritisieren, die für die Wiedereingliederung gestimmt haben."

Diese Gruppe habe sich mit einigen aufrichtig besorgten Athleten zusammengetan, um ihre Ziele voranzutreiben. Die Wada überprüfe jedoch bei Kritik stets, "wie jede starke Organisation", ihre Strukturen. Deshalb befinde man sich seit zwei Jahren in einem Überprüfungsprozess. Eines sei jedoch schon klar: "Die Stimme der Athleten soll gestärkt werden - wenn es eine funktionierende Repräsentation gibt."

In einer früheren Textfassung hieß es, Matthias Kamber sei Geschäftsführer von "Antidoping Schweiz". Tatsächlich war er das nur bis Frühjahr 2018.

Mit Material von dpa, sid, Reuters und AP