Wiederauferstehung "Ulli hat das Zeug, die Tour zu gewinnen"
Hamburg - Die Beobachter des Giro d'Italia sehen zwei Jan Ullrichs. Einen, der das Verstecken übt, der versucht, sich so unsichtbar wie möglich zu machen. Und einen anderen, der Organismus, den ihm die Natur gegeben hat, so langsam in Gang setzt. Und alle mit seiner Stärke verzückt. "Ich bin gar nicht überrascht", sagte CSC-Teamchef Bjarne Riis nach dem überzeugenden Sieg von Ullrich im Einzelzeitfahren am Donnerstag. 28 Sekunden hatte der Deutsche auf der 50-Kilometer-Strecke seinem favorisierten Schützling Ivan Basso abgenommen. "Ich habe ihn stark erwartet", sagte Riis, als hätte es seine Übergewichts-Polemik gegen den Ullrich nie gegeben. "Er legt von Tag zu Tag zu. Er ist auf einem guten Weg."
Sergej Gontschar, Ullrichs Teamkollege bei T-Mobile, war schon ein paar Tage vorher von seinem Kapitän beeindruckt. "Ein Glück, dass es kein Teamzeitfahren bei der Tour de France gibt", bemerkte der Zeitfahrspezialist ironisch, "was Ullrich beim Mannschaftszeitfahren zwischen Piacenza und Cremona geleistet hat, war enorm. Wir konnten ihm kaum folgen. Wenn der Mann noch zulegt, sprengt er mit seiner Kraft jedes Team."
Als es drei Tage später jedoch auf den ersten Berg ging, zog Ullrich es vor, sich bereits auf 300 Meter Höhe in das Gruppetto einzureihen, das die nächsten 1000 Höhenmeter eine Viertelstunde langsamer als Basso absolvierte. Er hat nicht mit Basso und Cunego mithalten wollen. "Ich habe die Form noch nicht gehabt, um mitzugehen. Es wäre zu früh für mich", erklärte Ullrich.
Daher ließ der T-Mobile-Chef es auch heute wieder ruhig angehen. Auf der zwölften Giro-Etappe über 171 Kilometer von Livorno nach Sestri Levante wieder ruhig angehen. Beim Tagessieg des Spaniers Joan Horrach rollte Ullrich 7:02 Minuten später im Hauptfeld über die Ziellinie. Gemeinsam mit Basso, der weiter im Rosa Trikot fährt. Gontschar war einer der vielen Sturzopfer auf dieser schnellen Flachetappe. Der Ukrainer konnte aber weiterfahren.
Nur 2234 Wettkampf-Kilometer hat Ullrich nun in den Beinen, nicht einmal halb so viele wie etwa sein Tour-Hauptkonkurrent Basso. Der erste deutsche Toursieger (1997) hatte im Frühjahr eine zehntägige Trainingspause einlegen müssen, um eine Entzündung seines gereizten rechten Knies zu verhindern. "3000 Trainingskilometer mit höchster Intensität fehlen mir", gab Ullrich zu und löste damit die übliche Tour-de-France-Alarmstimmung aus.
Doch 2006 ist manches anders als in den vergangenen Jahren, in denen der gebürtige Rostocker sein Talent auf höchstem Niveau verschluderte. Er hat in Südafrika ein exzellentes Grundlagentraining absolviert und sich eine Fitness erarbeitet, die ihm auch in den Wochen des verhinderten Radtrainings nicht abhanden gekommen ist. "Was ihm fehlt, ist die Höchstbelastung", stellt T-Mobile-Teamchef Mario Kummer fest. "Deswegen ist Jan bei der Tour de Romandie angetreten, deswegen ist er hier beim Giro. Höchstbelastung bedeutet aber nicht, in jedem Rennen an die Belastungsgrenzen zu gehen. Man muss dosieren", so Kummer.
Und Ullrich dosiert. Er selbst legt fest, wann er sich alles abverlangt und wann nicht: "Ich habe mir einige Tage ausgeguckt, an denen ich attackieren werde." Welche das sind, verrät er nicht. Er will öffentlichen Druck vermeiden. In das Einzelzeitfahren am Donnerstag ist er zunächst ruhig gegangen. "Dann habe ich gemerkt, dass ich gute Beine habe und gut in der Zeit liege. Daraufhin habe ich Vollgas gegeben." Daraufhin hat Ullrich gewonnen. So einfach ist das.
Auch Jens Voigt (Team CSC) sieht den T-Mobile-Chef rechtzeitig in immer besserer Form. "Ulli hat das Zeug, die Tour zu gewinnen", blickt er voraus. Und wenn das passiert, dann weiß Voigt, dass alle tönen werden: "So wie Ulli es macht, so ist es richtig. Wenig Wettkampfkilometer, nur auf die Tour konzentrieren, große Gänge fahren."
Jan, der gutmütige Riese
Doch von der öffentlichen Meinung versuchen sich die Radsportprofis unabhängig zu machen. Ullrich ist nach Ansicht aller, die ihn in Italien sehen, auf einem guten Weg, physische Höchstfähigkeit zu erlangen. Doch was ist mit der mentalen Konkurrenzfähigkeit? Seinem Biss? Seiner Härte gegen sich selbst? Ullrich lässt alles weiter vermissen.
Der T-Mobile-Kapitän gibt sich gegenwärtig damit zufrieden, sich nur an einem Tag, an dem er sich gut fühlt, mit den anderen zu messen. Ullrich war überrascht, dass ihm am Donnerstag der Sieg in seiner Spezialdisziplin glückte. Alle anderen, ob Basso oder Riis, Gontschar oder Rogers, Savoldelli oder Cunego, trauten ihm diesen Sieg zu. Nur er selbst nicht.
Dabei ist sein Potenzial gewaltig, er muss es nur im richtigen Moment ausreizen können. Sein Sieg im Zeitfahren ist genauso vorsichtig zu bewerten wie sein 15-Minuten-Rückstand auf Basso bei der ersten schweren Bergetappe am vergangenen Sonntag. Ullrich ist noch dabei sein eigenes Leistungsvermögen zu testen, seinen Körper in diesem Jahr neu kennen zu lernen. Ihn nach seinem Zeitfahr-Coup zum Tourfavoriten Nummer eins zu stilisieren, wäre genauso verfehlt wie die Panikmache nach den ersten Rennergebnissen in dieser Saison.