Wimbledon-Halbfinalistin Lisicki Herrin der Asse
"Es fühlt sich unglaublich an. Ich bin fassungslos." Sabine Lisicki tat sich sichtlich schwer, ihren Erfolg im Wimbledon-Viertelfinale gegen Marion Bartoli zu realisieren. Die Freudentränen kullerten über ihre Wangen. "Es ist fast zu schön, um wahr zu sein. Dieses Turnier übertrifft meine kühnsten Träume."
Kein Wunder, Lisicki ist erst 21 Jahre alt - und die erste Deutsche nach Steffi Graf im Jahr 1999 in einem Grand-Slam-Halbfinale. Sie spielt derzeit das erfolgreichste Tennis ihrer Karriere.
Schon 2009 stand sie in Wimbledon im Viertelfinale. Wenige Monate später erreichte sie mit Position 22 ihre bisher beste Platzierung in der Weltrangliste. 2010 sollte dann ihr großes Jahr werden. Doch im März verletzte sie sich am Sprunggelenk, musste sechs Wochen an Krücken gehen und fiel dann fast ein halbes Jahr aus. Für die damals erst 20 Jahre alte Lisicki, die getrennt von ihren Eltern in Florida lebte und trainierte, eine harte Zeit.
"Ich musste erst wieder gehen lernen. Nach einer normalen Knöchelverstauchung dauert es gewöhnlich sechs Wochen. Ich war für fünf Monate raus." Ärzte in den USA hatten ihr eine falsche Diagnose gestellt. "Es war ein sehr langer Weg, der die Momente jetzt noch süßer macht", hatte sie nach dem Erfolg gegen Li Na in Runde zwei gesagt.
Es gibt keine dominierende Spielerin im Damentennis
Lisicki hat bei ihrem Einzug ins Halbfinale von Wimbledon einen günstigen Zeitpunkt ausgenutzt. Es gibt im Damentennis keine Frau, die die Szene dominiert. Alternde Stars wie die Williams-Schwestern Serena (29 Jahre alt) und Venus (31) oder die Belgierin Kim Clijsters (28) sind häufig verletzt. Von den jüngeren Spielerinnen scheint keine stark genug zu sein, um eine neue Ära zu prägen. Die Weltranglisten-Erste Caroline Wozniacki, 20, gewinnt zwar die kleinen Turniere, lebt aber weiterhin mit dem Makel, ohne Grand-Slam-Titel zu sein.
Diese Gemengelage zeigt sich auch im bisherigen Verlauf in Wimbledon: Lisicki profitierte davon, dass die Top-Gegnerinnen früh ausschieden. Sie musste nur gegen zwei gesetzte Spielerinnen antreten - die sie überzeugend besiegte. Sie schlug die chinesische French-Open-Siegerin Li Na, die auch auf Rasen schon vernünftige Ergebnisse erzielte und derzeit die Nummer vier der Welt ist. Marion Bartoli, die 2007 im Wimbledon-Endspiel stand, liegt derzeit auf Rang neun.
Sabine Lisicki: Außenseiterin mit knallhartem Aufschlag
Dass Lisicki es nun in ein Halbfinale bei einem Grand Slam geschafft hat, ist daher ein großer Erfolg. Für viele Deutsche war es eine nicht zu bewältigende Hürde. Aktuelle oder ehemalige Top-30-Spieler wie Florian Mayer und Patrik Kühnen haben dies nicht erreicht. Auch Andrea Petkovic, Julia Görges und Anna-Lena Grönefeld standen bei einem Major noch nie in der Runde der letzten vier.
Doch reicht ein Halbfinale, um in die absolute Weltspitze, die Top 5, einzuziehen? Dafür benötigt man Konstanz und gute Ergebnisse - auf allen drei Belägen. Lisickis Spiel ist für die schnellen Böden, also für Rasen und Hartplatz, gemacht. Mit 210 Stundenkilometern legte sie 2009 beim Commonwealth Cup auf Bali den schnellsten bisher gemessenen Aufschlag im Frauentennis hin. Bis dahin hatte Venus Williams mit 209 Stundenkilometern den Rekord gehalten. Ihre Schlagkraft hilft ihr auch beim Spiel von der Grundlinie und beim Return. "Ich liebe Rasen, ich liebe Wimbledon", sagte Lisicki. In diesem Jahr schlug sie im Turnier bisher 47 Asse - die meisten der vier Halbfinalistinnen. Auf Platz zwei in dieser Wertung liegt die Tschechin Petra Kwitowa mit 26 Assen.
Auf Sand noch ohne Erfolge
Schnell ist sie, dafür mangelt es an anderer Stelle. Lisicki fehlt die Vielseitigkeit bei den Schlägen. Dies kommt besonders auf Sandplätzen zum Tragen, wo sie bisher noch ohne große Erfolge ist. Von Anfang April bis Ende Juni und für zwei Wochen im Juli spielen die Damen auf der WTA-Tour auf Sand. Dort sind andere Qualitäten gefragt. Es geht um Ausdauer in den längeren Ballwechseln und taktisches Verständnis - und Lisicki ist in diesen Bereichen nicht auf dem Niveau der Top-Spielerinnen.
Es verwundert daher wenig, dass sie ihr bisher größtes Turnier 2009 in Charleston gewann. Es ist das einzige Event auf der WTA-Tour, das auf grünem Sand ausgetragen wird. Der "American clay" ist anders als ein normaler Sandplatz - er ist schneller. Die "Bild"-Zeitung taufte sie damals "Fräulein Bum-Bum".
Es war von Anfang an Lisickis Ziel, "die Nummer eins zu werden". Sie behauptet von sich, "erfahrener und ruhiger" geworden zu sein. Sie sei nicht mehr so nervös, könne nun vor großen Spielen besser schlafen. Im anstehenden Halbfinale (zweites Spiel nach 14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) gegen Maria Scharapowa wird das sicher hilfreich sein. Ob Lisicki allerdings auch den Sprung nach ganz oben schafft, ist fraglich.