Winterspiele: Ein Maier pflügt doch durch den Schnee - DER SPIEGEL
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Winterspiele Ein Maier pflügt doch durch den Schnee

Österreich trauert, denn Ski-Ass Hermann Maier wird in Salt Lake City sein olympisches Gold nicht verteidigen können. Dafür bläst sein Bruder Alexander zur Medaillenjagd - auf einem Snowboard.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Flachau - Für die Karriere seines Bruders arbeitet Alexander Maier, 27, wo immer es geht. Mal bürstet er Reporter ab, die sich für Interna aus dem Privatleben des Skihelden Hermann Maier, 29, interessieren. Mal scheucht er allzu heißblütige Fans vom Anwesen des Weltcup-Siegers im österreichischen Flachau.

Zuletzt jedoch hatte eher der tapfere Alex Hilfe nötig. "Alles Maier, oder was?", so staunten selbst seriöse Berichterstatter aus der Alpenrepublik, als es hieß, der kleine Bruder werde nun auch bei den Olympischen Spielen in Salt Lake City für den "Herminator" in die Bresche springen.

Seltenes Brüderpaar


Selbst das glückliche Austria, das die Einzigartigkeit seiner Nachkommen sogar in der Nationalhymne feiert ("Heimat bist du großer Söhne"), hat so ein Bruderpaar noch nicht erlebt. Denn kaum hatte der wegen eines Motorradunfalls noch immer lädierte Hermann vorigen Mittwoch in Kitzbühel seinen Olympia-Verzicht erklärt, kündigte der jüngste Spross des Maier-Clans an, die, wie er sagt, "Familienehre" retten zu wollen.

Auch dass der fesche Alexander ­ blaue Augen, sanfter Blick ­ in Utah nicht auf Skiern, sondern auf dem Snowboard starten wird, tat dem Jubel keinen Abbruch. Dabei hieß es noch vor Jahren, ähnlich wie bei den Formel-1-Geschwistern Michael und Ralf Schumacher, der kleine Bruder vom Hermann sei irgendwie aus der Art geschlagen.

Snowboarder gelten in der Skination Österreich als Exoten. Dass sich Alexander Maier schon mit 16 Jahren den Außenseitern anschloss, akzeptierte vor allem der Papa, Besitzer einer Skischule, allenfalls als Notlösung: "Wenigstens sitzt er dann nicht in der Wirtschaft rum."

"Herminator-Schnaps" verhökert


Mittlerweile zeigt sich jedoch, dass auch der Alex ein Berggewächs von besonderer Güte ist. Bruder Hermann vollendete vor vier Jahren in Nagano seine Karriere vom Maurer zum Olympiasieger. Nicht auszuschließen, dass nun "Maier II" eine Replik dieser weltberühmten Alpensaga gelingt.

Denn auch der hatte es anfangs nicht leicht. Noch vor vier Jahren organisierte der gelernte Einzelhandelskaufmann im Fanladen in Flachau die Vermarktung seines Bruders und verhökerte "Herminator-Schnaps" und "Herminator-Schnuller".

Doch dann gewann er 1999 überraschend einen Durchgang bei der österreichischen Snowboardmeisterschaft. Inzwischen gehört er als Profi zum Snowboard-Team des Österreichischen Ski-Verbandes und feierte kürzlich in Arosa seinen dritten Weltcup-Sieg. Seither gilt Maier Zwo als einer der Olympiafavoriten im Parallelslalom.

"In Extremsituationen den gleichen Charakter"


Schon schicken sich wesentliche Kräfte Österreichs an, diese wundersamen Übereinstimmungen im Lebenslauf zu erklären. Eine "genetische Beeinflussung" will zum Beispiel Dietmar Blesky festgestellt haben. Seit Jahren begleitet der renommierte Sportwissenschaftler das Training der fulminanten Brüder am Olympiastützpunkt in Obertauern: "In Extremsituationen haben sie den gleichen Charakter."

Da ist was dran. So geriet kurz nach Hermanns Unfall auf dem Motorrad im August auch der Olympiastart Alexanders in Gefahr. Erst entzündete sich dessen Blinddarm, dann brach ihm bei einem Sturz der Mittelhandknochen. Doch genauso fix wie sein Bruder wieder auf dem Ergometer für das Comeback schuftete, kehrte Alexander auf die Piste zurück.

Entsprechend groß war der Jubel, als die Maiers im Oktober gemeinsam bei der Sportlergala in der Wiener Hofburg auftraten. "Eh guat", so bezeichnet Alexander ihr Verhältnis. Die Maier-Buben fahren zusammen auf dem Fahrrad durch die Alpen und spielen, wenn Zeit ist, Fußball im Team des USC Flachau ­ Alexander im Tor, der Hermann als Stürmer.

"Meint ihr wirklich mich?"


Nur dass ständig der Vergleich gezogen wird, sorgte intern für Probleme. So wechselte der etwas schmächtigere Alexander vergangenes Jahr die Trainingsgruppe in Obertauern. Stets mit Hermanns kolossalen Kraftwerten konfrontiert zu werden schlug ihm aufs Gemüt.

Ansonsten aber profitiert der Snowboarder kräftig von der Verwandtschaft zum Nationaldenkmal. Im Herbst drehte ein großer Kommunikationskonzern mit Alexander Maier einen Werbefilm. Als ihn neulich ein Team des US-Fernsehsenders CBS besuchte, traute er seiner eigenen Prominenz nicht: "Meint ihr wirklich mich?"

Dass Alexander durchaus Anteil hat an der Weltkarriere Hermanns, weiß ja keiner: Vor acht Jahren, als Hermann vom Fördersystem des Verbandes jäh ausgemustert war, probierte der sich einmal auf dem Snowboard aus und zeigte sich mächtig angetan. Nur der energische Einsatz von Alexander verhinderte, dass der Bruder vom rechten Weg abkam: "Geh, bleib besser bei deine Ski."

GERHARD PFEIL