Wissenschaftler Streit um Baumanns "Zahnpasta"-Version
Nürnberg - Das Institut für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung (IBMP) in Nürnberg-Heroldsberg hat der These von Gernot Badtke, Direktor des Instituts für Sportmedizin an der Universität Potsdam, widersprochen, wonach sich die bei dem Olympiasieger ermittelte Konzentration von Nandrolon in einem 20fachen Wert über dem normalen nicht alleine mit Zähneputzen erreichen lasse. "Unsere Untersuchungen belegen das Gegenteil", schreibt das IBMP in einer Pressemitteilung vom Freitag und fordert, die Diskussion ausschließlich auf der Basis gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse zu führen.
Schützenhilfe erhält Baumann auch von Sportwissenschaftler Giselher Spitzer, ein Kollege Badtkes in Leipzig, der sich unter anderem mit der Aufarbeitung der Dopingpraktiken in der ehemaligen DDR beschäftigt. Er spricht von "vernünftigen Gründen", die gegen eine Selbstbeibringung des Sportlers sprechen. "Nimmt man die teilweise kriminellen Vergabemethoden im DDR-Sport als Grundlage, kann man durchaus annehmen, dass Täter aus der ehemaligen DDR kommen können. Dort wurden die Dopingmittel bekanntlich ohne Wissen der Athleten verabreicht", sagte Spitzer in einem Interview mit der "Leipziger Volkszeitung".
Ebenso plausibel sei es, dass die Täter zu denen gehören, die den Anti-Doping-Kampf in Deutschland behindern wollen. Spitzer ist nach eigenen Angaben vom Dezernat Sonderfälle der Landespolizeidirektion Tübingen angesprochen worden, bei der Aufklärung des Falles zu helfen. Der Leipziger verweist auch auf den Fall der Italienerin Maria di Terlizzi, eine Athletin des führenden Anti-Doping-Kämpfers Sandro Donati. Bei ihr sei die A-Probe verfälscht gewesen.
Das Institut unter der Leitung von Fritz Sörgel, das auch an einem Gutachten für die Staatsanwaltschaft Tübingen arbeitet, stellte ausdrücklich klar, dass es keine Meinungsäußerungen zur Glaubwürdigkeit Baumanns abgeben wolle. Es habe jedoch nachgewiesen, dass die Substanz aus der Zahnpasta über die Mundschleimhaut in die Blutzirkulation und von dort - in Form seiner Metaboliten - in den Urin gelangt. Badtke hatte behauptet: "Da müsste Baumann schon den Inhalt ganzer Tuben geschluckt haben." Das IBMP verweist auf seine Homepage im Internet, wo es vorgerechnet habe, mit welch geringen Mengen die Zahnpasta versetzt sein muss, um die verbotenen Werte zu erreichen.
Der vom Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) nach zwei positiven Dopingproben suspendierte Langstreckenläufer beteuert, dass ihm Unbekannte die verbotene Substanz in die Zahnpasta gespritzt haben. Badtke ist sich auch sicher, dass man eine Manipulation in derartiger Konzentration hätte schmecken müssen, zumal Zahnpasta bei der Vermengung mit Nandrolon in einen nahezu flüssigen Zustand gerate. Auch in diesem Punkt widerspricht das IBMP dem Wissenschaftler. Die Zahnpasta werde durch die Beimengung von Norandrostendion weder in ihrer Konsistenz noch im Aussehen oder Geschmack verändert. "Herr Baumann hätte also keineswegs auffallen müssen, dass etwas nicht stimmen kann."