Witalij Klitschko Boxerstopp im Hörsaal
Durch die Tür passte der Zwei-Meter-Hüne Witalij Klitschko gerade noch. Dann aber bleibt der 29-Jährige fast in einer Horde Journalisten stecken, die sich vor dem Hörsaal 15 der Universität der Bundeswehr in Hamburg-Wandsbek in Stellung gebracht haben. Vor der Tür warten rund 100 Schaulustige - und beneiden die 300, die im Hörsaal Platz gefunden haben.
Studenten sitzen neben Boxfans. Der Auftritt des Ukrainers ging schon Tage zuvor durch die Hamburger Medien. Der ehemalige Boxweltmeister im Superschwergewicht präsentiert erstmals in Deutschland seine Doktorarbeit, mit der der Sportwissenschaftler im Februar vergangenen Jahres an der Universität Kiew über die "Entdeckung und Förderung von Talenten im Sport" promoviert hatte.
"Es ist ein schweres Buch"
"Die ganze Arbeit vorzustellen ist nicht einfach, es ist ein schweres Buch", sagt Klitschko. Sein fünf Jahre jüngerer Bruder Wladimir sitzt auf dem Streberplatz ganz in der Mitte von Reihe eins und drückt die Daumen, während Witalij sich müht, den Unterschied zwischen Talent und Begabung zu erklären. Auch Wladimir Klitschko darf seit vorigem November einen Doktortitel tragen. Ebenfalls in Sportwissenschaft.
Die Fachbegriffe ins Deutsche zu übersetzen, fällt dem großen Klitschko schwer. Er stockt, setzt neu an, ringt nach Worten. Das Publikum hängt trotzdem an seinen Lippen. Bei einem Vortrag der gewöhnlich an der Bundeswehr-Uni tätigen Professoren wären sicher schon die Ersten eingeschlafen oder hätten den Hörsaal verlassen.
Roxana Gebel hingegen ist hellwach. Die angehende Anwaltsgehilfin hat in der Zeitung vom Klitschko-Auftritt gelesen. Jetzt lugt sie schüchtern aus der dritten Reihe zum Boxdoktor und errötet auf die Frage hin, ob sie wohl wegen des interessanten Themas gekommen sei. "Nein", gesteht sie, "ich finde die beiden Klitschkos einfach so toll. Sie sind meine Vorbilder." Roxana ist erst seit vier Jahren in Deutschland und stammt wie die Boxbrüder aus der Ukraine.
Plötzlich strauchelt Witalij Klitschko, den man auch "Doktor Faust" nennt. Wie schaltet man nur den verdammten Overheadprojektor an? Zwei Unimitarbeiter eilen zu Hilfe. Einer drückt den Knopf. Klitschko legt bunte Folien auf, fuchtelt mit einem langen Holzstab herum. Es stört anscheinend keinen, dass die Schaubilder mit kyrillischen Buchstaben beschriftet sind und spiegelverkehrt an die Wand strahlen. Die Menge raunt nur leise. Klitschko wird sichtlich lockerer.
"Kaiser Franz" und dessen Söhne
"Fähigkeit hängt nicht nur von den Genen ab", fährt er fort. Ein prominentes Beispiel soll die Gültigkeit dieser These belegen: Franz Beckenbauer habe zwar drei Söhne, die Fußball spielten, keiner habe es aber zum Ruhm des Vaters gebracht. Die Argumentation leuchtet ein, dem Plenum zumindest. Nun bittet der Gastdozent um Nachfragen aus dem Publikum. "Wie wichtig sind spezielle Sportschulen für die Förderung eines jungen Sporttalentes?", will ein Student wissen. Dr. Klitschko erklärt noch mal den Unterschied zwischen Talent und Begabung. Die Frage beantwortet er nicht. Einige Zuhörer schütteln mit dem Kopf.
Wie er das mit der Doktorarbeit neben der Boxkarriere gemacht haben, fragt ein anderer. "Wenn man sagt: 'Ich habe keine Zeit', dann ist das eine Ausrede für Faule", meint Klitschko. Ein Volltreffer. Diese Art von Antwort begeistert. Die Zuhörerschaft dankt mit Applaus. Das Spektakel hat funktioniert. Der Sprecher des Klitschko-Arbeitgebers Universum Boxpromotion lächelt zufrieden. Für Jörn Kruse, Vorsitzender des Hamburger Forums für Medienökonomie und Initiator der Vorlesung, gibt es auch keinen Grund zum Meckern: Nach diesem Vortrag habe er keinen Zweifel an der wissenschaftlichen Güte der Doktorarbeit.
Für die Fans gibt es noch Autogramme, dann folgen die Medienvertreter dem langen Lulatsch zur Pressekonferenz. Die findet in der Bibliothek statt. Die Bundeswehr-Uni hatte auch zwei Fitnessräume angeboten. Der prominente Dozent lehnte ab. Hanteln hat er jeden Tag.