Rücktritt von Wladimir Klitschko Einer der Größten
"Legacy" ist einer der wichtigsten Begriffe im US-Box-Business. Bei jedem großen Kampf wird die Frage diskutiert, was ein Sieg oder eine Niederlage für das "Vermächtnis" der beiden Boxer bedeuten würde. Wo stehen sie im historischen Vergleich? Wie hätten sie im direkten Duell mit ehemaligen Champions abgeschnitten?
Die Frage nach dem Vermächtnis wird auch und vor allem dann diskutiert, wenn ehemalige oder amtierende Weltmeister ihren Rücktritt vom aktiven Sport bekannt geben - so wie jetzt Wladimir Klitschko. In einem Video, das am Donnerstagvormittag online gestellt wurde, erklärt er, warum es für ihn an der Zeit ist, das Kapitel Profisport abzuschließen, um seine Erfolgsgeschichte in anderen Bereichen weiterzuschreiben.
Schwergewichtsboxer: Wladimir Klitschkos Karriere in Bildern
Dass Klitschko einer der größten Boxer unserer Zeit ist und mit seiner Persönlichkeit viele Menschen über die Grenzen des Sports hinaus begeistert, wurde unmittelbar nach seiner Rücktrittserklärung deutlich. Seine Homepage brach unter der Last der Anfragen zusammen, die Server waren auf einen derartigen Ansturm nicht vorbereitet.
Dabei ist schon lange klar, dass der Name Klitschko Massen bewegt: Allein in Deutschland verfolgten mehr als zehn Millionen Zuschauer seine größten Kämpfe live im Fernsehen. Bei seinem Duell mit David Haye im Juli 2011 lag der Marktanteil bei 67 Prozent. Der Ukrainer kam beim deutschen Publikum so gut an, weil er wie sein Bruder Vitali und auch "Gentleman" Henry Maske in den Neunzigerjahren zeigte, dass man im Faustkampf auch mit Intellekt und respektvollem Verhalten reüssieren kann.
Folgerichtig würde Wladimir Klitschko in Deutschland bei einer Umfrage nach den größten Schwergewichtlern aller Zeiten vermutlich auf einem der ersten Plätze landen. Die internationalen Experten sind da etwas kritischer.
In verschiedenen "All-Time-Great"-Listen, die Fachmedien wie das "Ring Magazine" nach streng subjektiven Gesichtspunkten zusammenstellen, taucht der Name Wladimir Klitschko zwar immer auf, landet aber meist irgendwo zwischen Platz 10 und 20. Klitschkos sportliche Bilanz ist fraglos beeindruckend: Von 69 Kämpfen konnte er 64 gewinnen, zweimal wurde er Weltmeister. Zwischen 2000 und 2003 hielt er den Titel nach Version der WBO. Von 2006 bis 2015 folgte dann eine der dominantesten Phasen in der Geschichte des Schwergewichts. Nach und nach sammelte Klitschko die WM-Gürtel der IBF, IBO, WBO und WBA und verteidigte den IBF-Titel insgesamt 18 Mal.
Schwergewichtsboxer: Wladimir Klitschkos Karriere in Bildern
Neun Jahre, sieben Monate und sechs Tage blieb "Dr. Steelhammer" als Weltmeister ungeschlagen. Nur der legendäre Joe Louis stand zwischen 1937 und 1948 länger an der Spitze der Königsklasse des Boxens, Louis (25) und Larry Holmes (20) sind die einzigen beiden Schwergewichtler, die es auf mehr Titelverteidigungen brachten.
Ganz oben thront "The Greatest"
Legt man nur diese Zahlen zugrunde, wäre Klitschko im historischen Vergleich also die Nummer zwei oder drei. Aber ganz so einfach ist es im Boxen nicht. Denn ganz oben, da sind sich Fans und Experten auf der ganzen Welt einig, thront Muhammad Ali, der sich früh in seiner Karriere als "The Greatest" bezeichnete und daraus eine sich selbst erfüllende Prophezeiung machte.
Ali kam auf 56 Siege in 61 Kämpfen, seine längste Titelregentschaft dauerte vier Jahre. Trotzdem hat der Jahrhundertsportler wie kein anderer das Boxen geprägt und sich mit seinem politischen und gesellschaftlichen Engagement unsterblich gemacht. Dabei profitierte Ali davon, dass er sich in einer Glanzzeit des Schwergewichtsboxens mit anderen Legenden wie Joe Frazier, George Foreman und Ken Norton messen konnte - und diese besiegte.
Klitschko wird dagegen kritisiert, weil er sich gegen keine vergleichbar starken Gegner durchsetzen musste. Dass seine Dominanz nicht in die stärkste Ära des Schwergewichts fällt, kann man dem Ukrainer aber kaum vorwerfen. Und der Vorwurf, Klitschko habe sich in seiner Karriere immer nur "Opfer" und keine echten Gegner ausgesucht, ist schwer zu halten. Im Kampfrekord von "Dr. Steelhammer" tauchen unter anderem die Ex-Weltmeister Samuel Peter, Chris Byrd, Sultan Ibragimow, Hasim Rahman, Ruslan Chagaev, David Haye und Alexander Povetkin auf. Mit Ausnahme seines Bruders ist er keinem großen Namen seiner Generation aus dem Weg gegangen.
Wladimir Klitschko (r.) und Bruder Vitali als Jugendliche
Foto: Unian/ dpaKlitschkos Hauptproblem in der historischen Einordnung ist die Schwäche des amerikanischen Schwergewichtsboxens zu seiner Zeit. Die großen Promoter haben sich nicht rechtzeitig um Nachfolger für Tyson und Holyfield bemüht. Deswegen hatte der Ukrainer keine Chance, sich in den Vereinigten Staaten gegen starke Amerikaner einen Namen zu machen. Er wird für seine Leistung zwar respektiert, aber bei seinen Siegen in New York 2008 gegen Ibragimow und 2015 gegen Bryant Jennings war Klitschko zu klar überlegen. Dadurch wurden die Kämpfe langweilig und boten nicht das Spektakel, das sich die Zuschauer versprochen hatten.
Sein zwar dominanter, aber dabei nicht besonders fanfreundlicher Stil ist ein weiterer Punkt, warum Klitschkos boxerisches Lebenswerk im historischen Kontext eher unter- als überschätzt wird. Mike Tyson hat in seiner besten Zeit Ende der Achtzigerjahre schwächere Gegner besiegt als Klitschko in seiner Ära. Aber Tyson hat nicht über zwölf Runden technisch sauber geboxt, sondern hat seine Kontrahenten mit Urgewalt und den verheerendsten Haken der Boxgeschichte überrollt. Deswegen steht Tyson zumindest in den Ranglisten vieler Fans vor Klitschko.
Mit Anthony Joshua steht der nächste Superstar bereit
Für den eher vorsichtigen und abwartenden Stil des Ukrainers gab es aber einen guten Grund: Nachdem Klitschko relativ früh in seiner Karriere gegen Ross Puritty, Corrie Sanders und Lamon Brewster jeweils durch Technischen K.o. verloren hatte, wurde ihm ein "Glaskinn" nachgesagt. 2004 wechselte er den Trainer und legte in der Zusammenarbeit mit Emanuel Steward mehr Wert auf die Defensive. Von Steward lernte er das, was seine zweite Titelregentschaft prägte: Klitschko nutzte seine Größen- und Reichweitenvorteile, "versteckte" sich meist hinter der vielleicht besten Führhand im Boxen und klammerte, sobald ihm ein Gegner zu nah kam und hätte gefährlich werden können. Dass er sich dabei meist von oben auf den Gegner lehnte, wurde zurecht kritisiert, war aber dem Umstand geschuldet, dass er in den allermeisten Kämpfen der größere Mann war.
Auch ohne Klitschko wird die Boxgeschichte weitergehen. Mit Anthony Joshua, der den Ukrainer in seinem letzten Kampf am 29. April in London spektakulär besiegt hatte, steht schon der nächste Star bereit, über dessen "Legacy" Boxfans weltweit in den kommenden Jahren diskutieren werden.
Anthony Joshua nach seinem Sieg gegen Klitschko
Foto: Andrew Couldridge/ REUTERSDie Plattform boxrec.com, die ihre Ranglisten nach einem komplizierten Punktesystem errechnet, führt den Ukrainer unter den besten Schwergewichtlern aller Zeiten übrigens auf Position sechs - hinter Legenden wie Ali und Louis, aber zum Beispiel vor Lennox Lewis, Max Schmeling, Tyson und Rocky Marciano. Joshua taucht in dem Ranking nicht unter den Top 100 auf. Dafür ist es noch zu früh.