WM-Exoten Hup-Konzerte im ewigen Eis
Jakob Larsen war glücklich, denn er hatte ein ganzes Land glücklich gemacht. "Zu Hause sind jetzt die Leute auf den Straßen und veranstalten ein Hup-Konzert", sagte der 32-jährige Handballer, als der 34:25-Sieg gegen Australien am ersten Spieltag des so genannten "Presidents Cup" bei der Weltmeisterschaft besiegelt war.
Der Gedanke daran mag den Mitteleuropäer vielleicht amüsieren, denn Larsen ist Grönländer. Weil diese riesige Insel im ewigen Eis nur rund 56.000 Einwohner hat, dürften die Korsos in Nuik, Paamiut, Narsarsuaq oder Nanortalik womöglich ziemlich kurz ausfallen. Natürlich war sich Larsen über die Ironie seines Statements bewusst, denn er steht in Dänemark unter Vertrag und ist der wohl beste der rund 150 Handball spielenden Grönlander. "Ein solcher Sieg ist sehr wichtig für unser Herz", klärte Larsen deshalb auf, der sich mit dem Team in der Qualifikation gegen die USA durchgesetzt hatte. Fußball könne man schließlich nicht spielen, weil die Felder nur ein oder zwei Monate lang eisfrei seien.
Da zudem die Handballer auf Grönland, das politisch zu Dänemark gehört, die einzige international anerkannte Nationalmannschaft ihres Landes stellen, habe so ein Erfolg in seiner Heimat immer auch eine identitätsstiftende Funktion. Die Sache ist also ernst. "Die fühlen sich jetzt so, als seien sie Weltmeister geworden", sagt Anders Dahl-Nielsen, Trainer des dänischen Erstligisten Ribe, bei dem er einige der grönländischen Spieler trainiert.
Freilich hat der Handball, der im "Presidents Cup" um die WM-Plätze 13 bis 24 gespielt wird, nur selten etwas mit Spitzensport zu tun. Die Frage liegt auf der Hand: Welchen Sinn ergeben Spiele wie Katar gegen Angola (27:33), die sich auf Regionalliga-Niveau bewegen? Und nicht wenige Zuschauer wundern sich, was die Australier überhaupt bei der WM zu suchen haben. Nicht nur Torwart Varkanitsas sorgte mit seiner riesigen Plautze, die seine Beweglichkeit erheblich einschränkte, gestern für große Erheiterung auf den Rängen des Gerry Weber-Stadions.
Viele Trainer großer Handball-Nationen sind genervt von den Duellen gegen solche Amateure. Die vielleicht deutlichsten Worte fand einst der isländische Coach Gudmundur Gudmundsson nach einem 55:15-Sieg gegen Australien bei der WM 2003: "Dieses Spiel war nicht gut für uns, nicht gut für den Gegner und vor allem nicht gut für eine Weltmeisterschaft." Unvergessen ist auch die traurige Geschichte eines Spielers aus Katar, der damals den von ihm verehrten Stefan Kretzschmar fast verletzt hätte, sich danach entsprechende Kommentare des Stars anhören musste und sodann in einen Heulkrampf ausbrach.
Bundestrainer Heiner Brand sieht auch aus diesen Gründen die Teilnahme von krassen Außenseitern wie Australien kritisch. "Gegen solche Mannschaften zu spielen, macht im Prinzip keinen Spaß", sagt der Bundestrainer, "es sei denn, man nutzt das zur Regeneration. Bei der WM 2003 in Portugal hatten wir drei solche Gegner Grönland, Katar und Australien das war zu viel."
Doch natürlich lägen die Dinge nicht immer so einfach wie im Falle Australiens, gibt er zu bedenken: "Da hat man als Weltverband auch eine Verantwortung, auch wenn das unter Leistungssportaspekten nicht immer so erstrebenswert ist", sagt er und verweist auf die Fortschritte beim einstigen Underdog Tunesien, dem heutigen Gegner der deutschen Mannschaft. Hier habe sich die Entwicklungsarbeit der Baseler Zentrale des Welthandballverbandes IHF schließlich ausgezahlt.
Als Problem erkannte die IHF den extremen Fall Australien schon bei der WM 2003: "Es hat einfach keinen Zweck, dass die Australier hier sind", sagte Funktionär Kjartan Steinbach damals, und er kündigte "eine größere Auseinandersetzung in dieser Frage" an, die freilich "sportpolitisch sehr heikel" sei.
Steinbach wusste, dass die Verbände mit schwächeren Teams auf ihre einmal gesicherten Kontinentalkontingente beharren würden und außerdem der ägyptische IHF-Präsident Hassan Mustafa sich bei diesen Handballzwergen nicht unbeliebt machen will, da er auf ihre Stimmen angewiesen ist. Auch um seinen eigenen Einfluss auszubauen, rekrutiert er daher möglichst viele IHF-Mitglieder, selbst wenn in manchen Ländern nur theoretisch Handball gespielt wird.
Geändert hat sich denn auch wenig: 2003 stellten Panamerika, Afrika und Asien (jeweils drei Plätze) und Ozeanien (ein Platz) insgesamt zehn Plätze des 24 Nationen umfassenden WM-Feldes. "Ich will dafür sorgen, dass Afrika, Amerika und Asien nur noch zwei Plätze bekommen", kündigte Steinbach damals forsch an, auch der Ozeanien-Platz sollte diskutiert werden. Doch alles ist beim Alten geblieben, die Afrikaner haben wegen der Stärke Tunesiens gar noch einen Platz dazu gewonnen. Vermutlich wird die Debatte bei der WM 2009 in Kroatien weitergehen.
Australiens Trainer Morten Fjeldstadt ficht das derzeit allerdings nicht an. Der Coach kann auf dem fünften Kontinent aus rund 1000 Spielern ein Team zusammenstellen, die Akteure mussten gut 10.000 Euro aus eigener Kasse für die Reise nach Deutschland zahlen. "Aber wir sind Weltmeister der Herzen", sagte der Norweger der Deutschen Presse-Agentur nach der Niederlage gegen Grönland. Eine Partie, die sich immerhin mehr als 7000 Zuschauer angesehen hatten. Allerdings nur, weil danach die deutsche Mannschaft ihr Spiel gegen Slowenien absolvierte.