WM-Feier Handball, Alaaf!
Der Platz ist gut gefüllt. Knapp 30.000 Fans sind zum Alter Markt rund um das historische Rathaus geströmt, viele direkt aus der Kölnarena nach dem 29:24 (17:13)-Sieg der deutschen Handballer gegen Polen. Sie haben noch nicht genug von Jubel und Euphorie; sie wollen die Weltmeister auf dem Balkon sehen, doch die Helden lassen sich Zeit. Die Fans nehmen es gelassen, schwenken ihre Fahnen und üben sich in Kölschem Liedgut. Junge Männer zeigen ihre aufgemalten Schnaubärte Marke Heiner Brand. Einige Mädchen halten handgeschriebene Zettel hoch: "Henning Fritz, ich liebe dich." Und dann kommen "De Höhner" und singen sich warm für die tollen Tage, die ja ihrem Höhepunkt entgegen steuern. Die Kölsche Band hat extra einen neuen Text gedichtet: "Komm wir feiern jetzt den Weltpokal, wenn nicht jetzt, wann dann?" Und die Menge auf dem Platz, sichtlich dankbar für neue Verse im immergleichen musikalischen Karnevalstrott, stimmt fröhlich ein: "Wenn nicht hier, sag mir wo und wann, wenn nicht wir, wer dann?" Auch Kölns Oberbürgermeister Fritz Schramma findet keine rechte Trennung zwischen Karnevals- und WM-Feierlichkeiten. "Kölle Alaaf, Kölle Alaaf, Kölle Alaaf", ruft er dem Publikum vom Rathaus-Balkon entgegen.
Und dann sind sie endlich da, die Weltmeister. Für 20 Uhr waren sie angekündigt, doch mit anderthalbstündiger Verspätung öffnet Pascal Hens die Tür zum Balkon. Er ist der Erste, der die Nase voll hat von der offiziellen Zeremonie hinter verschlossenen Türen. Die Anzughose in die Socken gestopft, um den Hals eine Deutschland-Girlande, in einer Hand eine Magnum-Flasche Sekt und in der anderen ein Bier, so war er im Rathaus angekommen.
Die Unterschriften-Aktion fürs Goldene Buch der Stadt lockerten die Handballer mit Gesängen auf. "Der Fritze ist der geilste Typ der Welt", so fing es an beim besten Torhüter des Turniers, der auf Krücken umherhumpelte, da er sich im Finale einen Muskelfaserriss in der rechten Wade zugezogen hatte. Und so ging es weiter bei jedem Spieler, der da kam. Bis Hens die Tür öffnete, weil er lieber mit den Fans vor dem Balkon singen wollte.
"Deutschland hat die besten Fans der Welt!" So bedanken sich die Handballer für die Geduld ihrer Treuen. Und Johannes Bitter - das Jackett hat er längst abgelegt, stattdessen steht er in weißem Hemd und mit Sonnenbrille da - sieht aus, als würde er gleich vom Balkon fallen, so sehr sucht er die Nähe zu den Anhängern des Teams. Auch der Weltpokal, eine recht hässliche, ungelenke Figur, den alle gemeinsam noch mal mit den Worten der "Höhner" besingen, ist gefährdet da oben auf der Balkon-Brüstung. Kapitän Markus Baur hatte die Trophäe über die Schulter gelegt ins Rathaus getragen, doch jetzt schwankt das gute Stück bedenklich in Hens' Händen.
Bundestrainer Brand steht da und schüttelt nur ungläubig den Kopf angesichts der Fahnen schwenkenden Menge unten auf dem Platz. "Unglaublich, was unsere kleine Sportart Handball im Moment in Deutschland anrichtet", staunt der Weltmeister von 1978, damals noch als Spieler. Dabei sollte er als Gummersbacher doch wissen, wie es zugeht in Köln. Besser hätte der Deutsche Handball-Bund den Finalort für seine Weltmeisterschaft kaum auswählen können. Die sechs Tage der fünften Jahreszeit von Weiberfastnacht bis Karnevalsdienstag sind den Kölnern ohnehin immer viel zu schnell vorbei, jeder zusätzliche Tag wird dankbar angenommen. Und dann hat an diesem Sonntag auch noch der 1. FC Köln sein Zweitligaspiel gegen Jena 1:0 gewonnen, reichlich glanzlos zwar, aber gewonnen.
Jetzt feiern also Fußballfans deren Herzen beim Anblick der Deutschlandfahnen ja ohnehin höher schlagen, erinnern sie diese doch an ihren Traumsommer , Jecken und Handballfans gemeinsam. Verbrüdert haben sie sich bei dem einen oder anderen Kölsch vor den Großbildschirmen in Kölns Kneipen. Im "Taco Loco" etwa, ganz in der Nähe des Rhein-Energie-Stadions, lagen sich nach dem Triumph der Handballer Thorsten (FC-Fan), Thorsten (Dortmund-Anhänger) und Bruno (Jena-Fan) in den Armen.
Der FC-Thorsten strahlt: "Das ist doch viel besser als das Spiel eben vom FC." Jena-Bruno strahlt auch: "In Erfurt könnte ich nie mit meinem Fanschal in eine Kneipe gehen." Und der Dortmund-Thorsten freut sich über einen gehaltenen Ball von Fritz-Vertreter Bitter: "Super, der Fritz, ach nee, das ist ja der Bitter, egal, der ist auch klasse. Das ist nicht wie beim Fußball, wo der eine dem anderen nichts gönnt." Als die Polen auf 21:22 an die Deutschen herankommen, herrscht im "Taco Loco" einträchtiges Schweigen. Und als Christian Zeitz zum 23:21 für das Brand-Team trifft, klatscht jeder jeden ab. Dann erklingen erst FC- und dann Deutschland-Gesänge. Und am Ende stimmen alle "Oh wie ist das schön" an.
Selbst die Polizisten auf Kölns Party-Meile sind guter Dinge, denn es geht ganz manierlich zu an diesem Final-Abend. Hier und da ein kleines Hupkonzert, mal ein Motorradfahrer, der enthusiastisch eine Deutschlandfahne schwenkt, mal ein paar Menschen, die singend durch die Straßen wandern. Die Kneipen sind voll, die Laune ist gut, aber der Stress bleibt aus. "Wenn das Fußball wäre, wäre hier schon die Hölle los, und wir müssten den Ring sperren", sagt einer der Beamten und kreuzt die Arme entschlossen vor der Brust. Bei aller Freude, ist eben doch nur Handball.