Wunderkind Thorpe Australien feiert den "Thorpedo"
Sydney - Kühl bis ans Herz hat "Wunderkind" Ian Thorpe gleich am ersten Wochenende der Olympischen Spiele ganz Australien in Ekstase versetzt. Zweimal Gold, zweimal Weltrekord - "das Becken gehört uns", jubelte der "Sunday Telegraph" auf der Titelseite und schwärmte: "Der 'Thorpedo' hat sich in die Schwimm-Unsterblichkeit abgeschossen." Zumindest prangte sein Konterfei am Tag nach seinem Goldrausch bereits auf zwei Sonderbriefmarken: eine für seinen Sieg über 400 m Freistil, eine für den Sieg mit der Freistilstaffel, der er mit einem sensationellen Endspurt zum Triumph verhalf.
Die 17.500 Zuschauer, die bereits beim Einzug von Thorpe in das Aquatic Centre eine Party veranstaltetet hatten, gerieten nach den beiden atemberaubenden Vorstellungen völlig aus dem Häuschen. "Ich kam mir vor wie ein Gladiator, der ins Colosseum eingezogen ist", beschrieb der 17 Jahre junge Nationalheld seine Empfindungen. Äußerlich blieb er dabei "cool", wirkte ähnlich gelassen wie zuvor im Schwimmbecken, wo er elegant, auf Grund seiner Körpergröße von 195 Zentimetern aber scheinbar in Zeitlupe seine Bahnen zieht.
Erst nach dem Staffel-Triumph gönnte sich der erste Superstar der Millenniumsspiele, der mit dem immensen Erwartungsdruck eines ganzen Landes scheinbar spielend fertig wird, ein paar Emotionen. "Als ich anschlug, spürte ich eine unglaubliche Energie in mir. Es war eine große Nacht für meine Familie und für Australien." In der Halle kannte der Trubel zu diesem Zeitpunkt keine Grenzen mehr, wildfremde Menschen lagen sich freudetrunken in den Armen - sie hatten eine Sternstunde erlebt: Thorpe in 3:40,59 Minuten (400 m) und das "Aussie"-Quartett in 3:13,67 waren in neue Dimensionen vorgestoßen.
Die Thorpe-Manie down under hat mit diesem ersten goldenen Wochenende endgültig ein Ausmaß erreicht, die an den Trubel um Boris Becker in Deutschland nach dem ersten Wimbledon-Triumph des damals ebenfalls 17 Jahre alten Tennis-Wunderknaben erinnern. Eines allerdings unterscheidet den Australier vom Deutschen: Der jüngste Schwimm-Weltmeister aller Zeiten ist schon jetzt zur Persönlichkeit gereift, ist redegewandt - und möchte in die Geschichte eingehen: "Am Ende meiner Karriere möchte ich der größte Freistilschwimmer aller Zeiten sein", verkündet Thorpe selbstbewusst.
Und er ist auf dem besten Weg dazu: Am Montag scheint über 200 Meter Freistil das dritte Gold- und Weltrekord-Doppel bei seinen ersten Spielen fällig. Im Halbfinale am Sonntag schnappte ihm allerdings der Niederländer Pieter van den Hoogenband seine Bestmarke über diese Distanz erst einmal weg (1:45,35), im zweiten Halbfinale kam Thorpe nur bis auf zwei Hundertstel an diese Zeit heran. Doch für das Finale gelobte der Australier "Besserung": "Ich will in jedem Rennen das Beste herausholen, und zurzeit endet das eben immer mit Weltrekord", erklärt der 17-Jährige Sydneysider. In Australien hat Thorpe nicht nur den Kult-Status als Sportstar erreicht, er ist trotz seiner jungen Jahre schon eine Figur des öffentlichen Lebens wie die legendäre Dawn Fraser. Seit seinem WM-Sieg von 1998 im Alter von 15 Jahren hat er reichlich Anerkennung geerntet, wurde zweimal zum Weltschwimmer und in seiner Heimat zum "Jugendlichen des Jahres" gewählt. Täglich gehen 50 Einladungen zu öffentlichen Terminen bei seinem Management ein. Das nach seinem Spitznamen benannte Unternehmen "Thorpedo Inc." floriert, der "Gladiator" hat neben Trainer Doug Frost einen Vollzeit-Manager, einen Finanzberater und einen "creative director" fest angestellt. Doch der geschäftliche Erfolg bedeutet Ian Thorpe nicht alles: "Egal, wieviel Geld ich habe, die Erfahrung dieser Olympiasiege in meiner Heimatstadt könnte ich nie kaufen." Unbeeindruckt wie die Erwartungen lässt Thorpe auch das Thema Doping von sich abprallen: Verdächtigungen sieht er sich ausgesetzt angesichts seiner Schuhgröße von 51 und der "Albatross-Spannweite" seiner Arme von 1,90 m laut, nicht nachweisbaren Wachstumshormone sollen der Grund für diese beachtlichen Maße sein. Doch Thorpe zeigt sich von diesen Vorwürfen unbeeindruckt: "Ich könnte nicht gewinnen im Wissen, Drogen genommen zu haben. Drogen zerstören dein Leben."
Von Berthold Mertes, sid