Zabels neue Rolle Verantwortung statt Vollgas
Bayonne - Der Arm sieht nicht gut aus. Unterhalb des linken Ellenbogens ist er schlimm verschorft. Ein Andenken an die sechste Etappe der diesjährigen Tour de France. Da war Erik Zabel in einen Sturz verwickelt. In einen ziemlich üblen sogar. "Zum ersten Mal standen mir die Tränen in den Augen", erinnert sich der Telekom-Kapitän. In diesem Moment, so der Sprintspezialist, sei seine Motivation "ein bisschen gesunken". Die Schmerzen nahmen zu. Während der Königsetappe rauf nach L'Alpe d'Huez dachte Zabel sogar an Aufgabe. Er dachte aber nur daran - und biss sich durch.
Zum zehnten Mal fährt der amtierende Deutsche Meister die Tour de France. Nur bei seinem Debüt 1994 schaffte Zabel es nicht nach Paris. In den folgenden Jahren aber raste der Sprinter als "Evergreen" in die Herzen der Fans. Sechsmal in Folge, so häufig wie kein anderer, trug er nach dem Finale auf den Champs Elysées das Grüne Trikot des Punktbesten. 2001, als er letztmalig die meisten Tour-Zähler zusammengesprintet hatte, wurde der Berliner sogar zu Deutschlands "Sportler des Jahres" gewählt. Vergangenes Jahr war der Australier Robbie McEwen zu schnell für Zabel.
Und nun bei der diesjährigen Frankreich-Rundfahrt lief es für Zabel, der kurz nach Beginn der Jubiläumstour 33 Jahre alt wurde, wieder nicht gut. Das Grüne Trikot hatte er bereits früh abgeschrieben. "Die Punkte von Lyon fehlen mir. Die bekomme ich nicht mehr zurück", rechnete er am zweiten Ruhetag vor. Auf Platz vier hing er hinter McEwen und dessen Landsmann Baden Cooke. Selbst der Norweger Thor Hushovd aus dem Voigt-Team Crédit Agricole war besser platziert. "Das wird eine hauchdünne Geschichte zwischen Cooke und McEwen", sagte Zabel voraus. Er habe kein Problem damit, "aus der Distanz zuzuschauen", behauptete der Deutsche. "Ich musste die vergangenen zwei Jahre zittern."
Nach der 16. Etappe aber, die am Mittwoch an der französischen Atlantikküste in Bayonne endete, ist Zabel wohl oder übel wieder mittendrin im Kampf um Grün. Hinter dem US-amerikanischen CSC-Kapitän Tyler Hamilton, der nach einer 92 Kilometer langen Solofahrt in Höchstgeschwindigkeit seinen ersten Tour-Etappensieg feierte und sich auf Platz sechs der Gesamtwertung nach vorn arbeitete, gewann Zabel den Spurt der Verfolger. Die führenden Sprintspezialisten dagegen hatten nach den letzten hohen Bergen wieder einen Rückstand von rund einer halben Stunde und konnten im Ziel keine Punkte sammeln. Zabel (143 Punkte) zog so an Hushovd (134) vorbei, McEwen (148) und Cooke (156) sind jetzt wieder in Reichweite. Und dennoch: Für sein früheres Lieblingstrikot würde Zabel nicht mehr alles geben.
"Die hauen sich schon beim Etappenstart rein wie die Bekloppten. Davon habe ich die Schnauze voll, zum Glück habe ich mich mental schon vom Grünen Trikot verabschiedet", mimt Zabel den Elder Statesman unter den Männern mit den schnellen Beinen. Auf die "sprints intermédiaires" verzichtet er ganz bewusst. "Ich habe ein Jahr meiner Karriere durch die Zwischensprints bei der Tour geopfert", rechnet Zabel vor, "die spüre ich schon manchmal in den Knochen." Gegen einen Etappensieg, gibt er zu, hätte er allerdings "nichts einzuwenden".
Bei den Massenankünften des Pelotons spurtete Zabel ohne Helfer bisher vergeblich seinem 13. Tagessieg bei der Tour de France hinterher. Dabei reichte es für den in die Jahre gekommenen Sprinter bis zu seinem Sturz zwar immer noch mindestens zum vierten Platz. Doch vor allem der Italiener Alessandro Petacchi war für Zabel unschlagbar. Vier Etappensiege heimste der Fasso-Bortolo-Profi ein, ehe er am Fuße der Alpen vom Rad stieg und vorzeitig aufgab. Früher hätte ihn solch eine Bilanz zur Weißglut gebracht. Der Ehrgeiz des Egoisten Zabel, der Niederlagen nicht ausstehen kann, war bei Freund und Feind gefürchtet. Heute sagt Zabel ganz gelassen: "So etwas wie Petacchi habe ich noch nie erlebt, selbst zu Mario Cipollinis bester Zeit nicht. Unglaublich."
Im vergangenen Herbst hatte Telekom-Teammanager Walter Godefroot seinen erfolgreichsten Fahrer zur Seite genommen, um ihm die Kapitänsrolle schmackhaft zu machen. Der bisherige Siegfahrer soll jetzt im Rennen die Mannschaft lenken, was in etwa so ist, als hätte man Gerd Müller zum Spielgestalter umschulen wollen. "Das in die Praxis umzusetzen, ist ein langsamer Prozess", deutet Mario Kummer Schwierigkeiten an. Der Sportliche Leiter des Telekom-Teams hat jedoch eine "schöne Entwicklung" Zabels beobachtet.
"Erik denkt globaler, nicht mehr nur an sich selbst", sagt Kummer, "seine neue Aufgabe ist ein Spagat, aber er wird da immer besser." Nur ein einziges Mal bei dieser Tour ließ sich Zabel, bis kurz vor Beginn der Frankreich-Rundfahrt Weltranglisten-Erster, aus Enttäuschung über einen erneut verpassten Etappensieg zur Kollegenschelte hinreißen und beklagte die mangelnde Unterstützung durch sein Team. Doch für die entscheidenden Tour-Tage kündigte der Telekom-Leader an, sich ganz in den Dienst der Mannschaft stellen zu wollen.
"Alexander Winokurows Podiumsplatz zu verteidigen, hat Priorität. Er ist unser rohes Ei, das wir schützen müssen", sagt Zabel über den drittplatzierten Kasachen, den derzeit 2:45 Minuten von Spitzenreiter Lance Armstrong trennen. Winokurows früherer Mitstreiter Jan Ullrich ist als Zweiter 1:38 Minuten weg. "Auch ich bin so häufig wie möglich in Alexanders Nähe", ordnet sich Zabel unter. "Ich will ihm das Gefühl geben, dass ich für ihn da bin."
Im Gegenzug vergisst Telekom die ureigensten Qualitäten Zabels nicht, der noch zwei Jahre unter Vertrag steht. "Solange Erik da ist, legen wir unser Augenmerk auch auf Sprintsiege", verspricht Kummer. Sprintsiege für Telekom heißt Zabel-Siege. Denn ihren zweitschnellsten Fahrer Danilo Hondo zweifacher Etappengewinner beim Giro d'Italia und im vergangenen Jahr Deutscher Meister, lässt die Bonner Rennsportgruppe zu Team Gerolsteiner ziehen. "Hondo wollte die Nummer eins sein", kommentierte Telekom-Chef Godefroot nüchtern den Abgang des ambitionierten 29-Jährigen.
Auf der Flachetappe am Donnerstag nach Bordeaux, wo er schon 1995 und 1997 Tagessiege feierte, soll Zabel endlich auch wieder die Nummer eins im Peloton sein. "Seinen Siegeswillen verliert Erik nicht", setzt Kummer auf den Telekom-Kapitän, "wenn alles zusammenläuft, ist er immer noch gut genug für einen Etappensieg." Vielleicht sogar fürs Grüne Trikot.