Zanardi-Interview: "Ich könnte Rennen gewinnen" - DER SPIEGEL
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Zanardi-Interview "Ich könnte Rennen gewinnen"

Am 15. September 2001 verlor der italienische Tourenwagen-Pilot Alex Zanardi bei einem Crash auf dem Lausitzring beide Beine. Am Sonntag will der einstige Formel-1-Fahrer bei der Tourenwagenmeisterschaft in Monza wieder an den Start gehen. Das, sagt er im SPIEGEL-ONLINE-Interview, sei leichter für ihn, als spazieren zu gehen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Herr Zanardi, warum bestreiten Sie wieder ein Rennen?

Alex Zanardi: Erstmal hoffe ich, dass es einfach Spaß machen wird! Aber wichtiger noch: Es bedeutet, dass das Leben weitergeht. Seit meinem Unfall zwar in einer Art und Weise, die es etwas schwerer für mich macht, aber doch immer noch so, dass ich es sehr, sehr genießen kann. Wieder in einem Rennwagen zu sitzen, gehört definitiv zu den Dingen, die das Leben so lebenswert für mich machen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben im Mai 2003 schon ein paar Runden auf dem Lausitzring gedreht und danach Ihren Rücktritt vom Rennsport erklärt. Warum haben Sie Ihre Meinung geändert?

Zanardi: Da gab es wohl ein Missverständnis. Was ich meinte, ist: Meine professionelle Karriere ist wohl vorbei, zumindest im Tourenwagenbereich. Ich denke schon, dass ich, wenn ich wirklich wollte, auf einem sehr hohen Level Rennen bestreiten könnte, zum Beispiel bei den Indy-Cars. Die kämen mir und meinem Handicap sehr entgegen, weil man auf Oval-Rennkursen nicht so viel und hart bremsen muss wie auf Tourenwagen-Strecken. Auch die Umrüstung eines Rennautos ist kein Problem. Unter technischen und körperlichen Gesichtspunkten könnte ich sogar Rennen gewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Aber?

Zanardi: Aber psychologisch betrachtet, geht es wohl nicht. Ich bin nicht mehr bereit, den Rennsport über alles andere in meinem Leben zustellen, wie ich es früher getan habe. Das hat gar nicht so viel mit meiner Behinderung zu tun, sondern eher mit meinem Alter - ich werde bald 37 - und damit, dass ich jetzt eine Familie habe. Aber wenn man nicht hundert Prozent für den Motorsport gibt, wenn man nicht hundert Prozent entschlossen ist auf der Piste, dann kann man nicht vorne mitfahren.

SPIEGEL ONLINE: Dann wollen Sie in Monza nicht unbedingt gewinnen?

Zanardi: Ach, es hat sich einfach die Gelegenheit ergeben, mal ein Wochenende in Monza mitzufahren. Aber was die Platzierungen betrifft: Die Strecken-Charakteristik scheint eindeutig die Alfa Romeo zu bevorzugen. Schon deshalb würde ich mir nicht unbedingt Siegchancen ausrechnen (lacht). Ich konnte auch nur zwei volle Testtage im BMW absolvieren. Ehrlich gesagt, ich würde nicht auf mich wetten. Aber im Ernst: Ich besitze natürlich den Ehrgeiz, nicht dem Feld hinterherzufahren. Ich will mich mit den anderen messen und wäre mit einer mittleren Platzierung zufrieden.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist denn Ihr Rennwagen umgerüstet worden? Anfangs gab es Probleme, oder?

Zanardi: Die Techniker sind zunächst davon ausgegangen, dass ich alles mit den Händen mache. Da kann es schon mal schwierig sein, gleichzeitig zu schalten, zu bremsen und zu lenken. Es gab Problem mit dem Getriebe, aber am schwierigsten war das Bremsen. Die Bremse kam mir vor wie ein Ein-Aus-Schalter. Entweder habe ich zu hart gebremst oder so gut wie gar nicht, wir haben überhaupt keine richtige Abstimmung gefunden. Dann kam ich auf die Idee, meine Beine zu benutzen - also, ich meine die Prothesen. Das Team war anfangs sehr skeptisch, aber es blieb ihnen schlicht keine andere Möglichkeit als darauf einzugehen. Und zur Überraschung von uns allen, auch mir, hat es funktioniert, mit den Prothesen zu bremsen! Ich konnte sogar in den Kurven mit dem Bremsdruck spielen. Also - ich denke, ich werde nie das Gefühl wieder bekommen, das ich in meinen Knien und Waden früher hatte, aber es ist verdammt nah dran.

SPIEGEL ONLINE: Hört sich an, als wäre es für einen Menschen mit Beinprothesen leichter, Rennen zu fahren als spazieren zu gehen.

Zanardi: Das stimmt zum Teil. Es ist sehr hart für mich, zu gehen. Es ist so, als würde man den ganzen Tag ein Fitness-Programm durchziehen. Aber das Ergebnis ist gut: Bei meiner letzten Generaluntersuchung waren die Ärzte ziemlich beeindruckt, wie fit ich bin. Und das Rennen in Monza ist nicht so lang. Körperlich werde ich da wohl keine Probleme bekommen. Möglicherweise eher, weil ich mich etwas unsicher fühle. Nicht wegen des Unfalls, sondern weil ich das Auto nicht so gut kenne.

SPIEGEL ONLINE: Spielt der Unfall denn wirklich keine Rolle mehr? Sind Sie nicht vorsichtiger geworden und gehen eher mal vom Gas?

Zanardi: Nein, dann bräuchte ich gar nicht anzutreten. Ich wusste doch schon vorher, dass so etwas passieren kann.

SPIEGEL ONLINE: Macht es nicht einen Unterschied, ob das nur Theorie ist oder ob es dann wirklich passiert ?

Zanardi: Nicht unbedingt. Natürlich denke ich an den Unfall, aber nicht, wenn ich fahre, dann bin ich zu konzentriert. Außerdem denke ich, dass man so ein Pech wirklich nur einmal im Leben haben kann. Allein die Tatsache, dass ich Ihnen hier ein Interview gebe, beweist doch, dass es sehr einzigartig war, was mir passiert ist. Kennen Sie noch einen Fahrer, der beide Beine bei einem Rennen verloren hat? So ein Unfall passiert kein zweites Mal.

SPIEGEL ONLINE: Wahrscheinlich nicht, aber Sie fordern Ihr Glück heraus.

Zanardi: Tatsächlich? Sicher erscheint es vielen Menschen völlig verrückt, dass ich wieder in ein Rennauto steige. Aber ist das Risiko nur mit dem Rennsport verbunden? Sehen Sie, nach dem Abendessen schalten wir manchmal den Fernseher ein. Und was sehen wir? Einen Nachrichtensprecher, der uns erzählt, wie viele Menschen an diesem Tag auf den Straßen in Italien gestorben sind. Aber wir sind so daran gewöhnt, dass wir am nächsten Tag im Auto sitzen, auf dem Weg zur Arbeit ein bisschen spät dran sind und richtig auf die Tube drücken. Da achtet niemand so genau auf die Beschaffenheit der Straße oder die Schwierigkeit der Kurven. Selbst wenn man vorsichtig fährt, weiß man nie, ob einem nicht jemand anderes reinkracht, der es ganz besonders eilig hat. Auf der Rennpiste ist das nicht so. Die Leute, die dort unterwegs sind, können wenigstens Auto fahren. Das mindert das Risiko ganz erheblich. Wenn ich morgen mit meinem Privatwagen nach Monza fahre, ist das wahrscheinlich gefährlicher als das Rennen selbst.

SPIEGEL ONLINE: Im Mai dieses Jahres sind Sie an den Lausitzring zurückgekehrt, um das Rennen zuende zu fahren, das der Unfall damals gestoppt hat. Wie wichtig war das für Sie?

Zanardi: Offenbar enorm wichtig, sonst hätte ich es nicht getan. Natürlich wollte ich mir und vielen andern beweisen, dass es überhaupt möglich ist. Die Tatsache, dass ich ganz gute Zeiten gefahren bin, hat dann gezeigt, dass es möglich ist, andere Fahrer herauszufordern.

SPIEGEL ONLINE: Als Sie dort gefahren sind, haben Fans in die Unfall-Kurve ein Transparent gehängt, auf dem stand: "Alex, don`t stop here!" - konnten Sie darüber lachen?

Zanardi: Ich fand das gut! Ich hatte wirklich den Eindruck, dass die Fans am Lausitzring sehr viel Anteil an meiner Rückkehr genommen haben. Anderthalb Jahre vorher waren sie auch da und haben gesehen, wie ich den Kurs in einem Helikopter verlassen habe. Wahrscheinlich haben sie gedacht, ich sei tot. Und dann war ich plötzlich wieder da und habe das gleiche Auto in der gleichen Geschwindigkeit gefahren. Ich glaube, sie waren so beeindruckt wie ich selbst.


Interview: Jörg Schallenberg