Zeitsprung Armstrongs erster Toursieg
1999 findet die 86. Tour de France statt. Das Ansehen des Radsports ist beschädigt, nachdem ein Jahr zuvor der Dopingskandal um das Festina-Team und ein Fahrerstreik die Rundfahrt an den Rand eines Abbruchs brachten. Ein Texaner nimmt mit großen Ambitionen an dieser Tour teil. Er hat eine schwere Krebserkrankung besiegt und will nun zeigen, dass er bei der Grand Boucle aufs Podium fahren kann.
Der Radfahrer heißt Lance Armstrong, und drei Wochen später hat er sein Ziel deutlich übertroffen. Er gewinnt die Tour de France, und er dominiert sie sogar. Auch, weil die beiden größten Rivalen des Amerikaners nicht am Start sind.
Vorjahressieger Marco Pantani aus Italien ist wegen eines Dopingvergehens nicht am Start, nachdem er einige Wochen vorher beim Giro d'Italia positiv auf Epo getestet wurde. Jan Ullrich vom Team Telekom musste mit einer Knieverletzung passen. Die Tour de France beginnt 1999 ohne einen ehemaligen Sieger.
Gleich beim 8,6 Kilometer langen Prolog in Puy de Fou holt sich Armstrong sensationell das Gelbe Trikot und siegt vor den Zeitfahrspezialisten Alex Zülle (Schweiz/sieben Sekunden zurück) und Abraham Olano (Spanien/elf Sekunden).
Dominanz beim Zeitfahren
Danach gibt der 27-Jährige das Trikot des Gesamtführenden zwar kurzzeitig ab, spätestens bei der achten Etappe, dem Einzelzeitfahren in Metz, demonstriert Armstrong aber wieder seine Topform. Er gewinnt das 56,5 Kilometer lange Teilstück und nimmt Zülle dabei 58 Sekunden ab. Olano verliert sogar 2:21 Minuten. Der US-Amerikaner streift sich das Maillot Jaune erneut über - und trägt es bis nach Paris.
Dabei haben Experten spätestens bei der ersten Bergetappe einen Einbruch des US-Postal-Fahrers prophezeit, doch der straft alle Kritiker Lügen. Auf dem Weg ins 2033 Meter hoch gelegene Sestriere überquert er den berühmten Col du Galibier in 2645 Meter und gewinnt die "Königsetappe" der Tour mit einem beeindruckenden Schlussantritt. Die hochgehandelten Pavel Tonkow, Stefano Garzelli oder Christophe Moreau verlieren mehr als vier Minuten. Auch der Giro-Sieger Ivan Gotti aus Italien kann nicht mithalten.
Bei der Zieldurchfahrt im Sestriere reckt Armstrong die Arme nach oben. "Meine Wiedergeburt ist das Ergebnis unbändigen Lebenswillens. Der Krebs hat Energien in mir geweckt, die ich nicht in mir vermutete", sagt er nach seinem Triumph. Armstrongs Ära beginnt in diesem Moment - sie wird sieben Jahre lang andauern.
Die Gesamtführung kommt nach dieser Etappe nämlich nicht mehr in Gefahr. 6:03 Minuten beträgt sein Vorsprung auf den Zweiten Olano schon. Armstrong verwaltet seinen Vorsprung scheinbar mühelos und setzt bei der vorletzten Etappe noch ein Ausrufezeichen. Er gewinnt das Einzelzeitfahren von Futuroscope (57 Kilometer) und holt sich seinen vierten Etappensieg.
Nach 91:32:16 Stunden gewinnt Lance Armstrong in Paris die Tour. Sein ärgster Verfolger Zülle wird Zweiter mit einem Rückstand von 7:37 Minuten. Ein Jahr zuvor war der Schweizer noch mitten in den Festina-Dopingskandal verwickelt und hatte zugegeben, verbotene Mittel eingenommen zu haben. Daraufhin wurde er ein halbes Jahr gesperrt. Bester Deutscher wird Udo Bölts mit 1:11:51 Stunden Rückstand auf Platz 40.
Pavo Prskalo