Spaß machen - DER SPIEGEL
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Spaß machen

Ein Hamburger Sportpädagoge will die Kinder im Sportunterricht umprogrammieren: auf Sportarten, die sie auch lebenslang ausüben können.
• aus DER SPIEGEL 20/1977
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vor 75 Jahren beschrieb Sigmund Freud, wie das spätere Verhalten oder Fehlverhalten schon in der Kindheit weitgehend vorgeprägt wird. Sportpädagogen belegten inzwischen: Das gilt auch für die Lust an den Leibesübungen.

Eine in der Kindheit erlernte Lieblingssportart verlernt ein Mensch nie mehr ganz. Aber was Hänschen im Sportunterricht nicht mit auf den Weg bekommen hat, das lernt Hans in der Regel auch nicht mehr.

Doch der Sportunterricht in den bundesdeutschen Schulen, der wesentlich mitbestimmt, ob Unlust oder Spaß am Sport geweckt werden, fördert eher das Mißvergnügen.

»Von mehr als 100 Sportarten«, bedauerte Professor Konrad Paschen, 67, vom Hamburger Institut für Leibesübungen, »gibt es in unseren Schulen eigentlich nur fünf: Turnen, Leichtathletik, Schwimmen, Gymnastik für Mädchen und ein Spiel.« Kaum eine dieser Sportarten läßt sich außerhalb eines Vereins über die Schulzeit hinaus als Gesundheitssport fortsetzen.

Bei wem, vorausgesetzt, er hätte noch Lust zum Turnen, steht schon ein Reck oder Barren im Keller? Wer mag als flotter Fünfziger noch springen oder sprinten?

HSV-Jugendtrainer Kurt Krause fand heraus, daß »von den Schulen überwiegend sportlich ungeübte Kinder kommen, die so gerne Fußballstar werden möchten«.

Sinnvoll für alle, einschließlich der sportlich weniger Begabten, wäre erst ein Schulsport, der Jungbürger dazu brächte, sich zeitlebens weiterzutrimmen. Das setzt für den amerikanischen Nasa-Mediziner Kenneth Cooper und den Kölner Sportmediziner Professor Dr. Wildor Hollmann drei Bedingungen voraus: Die Sportart muß Herz und Kreislauf angemessen belasten, mithin Trainings-Wirkung erzielen, sie muß regelmäßig ausgeübt werden können und vor allem Spaß bringen.

Wohl 50 Sportarten eignen sich zumindest besser als die traditionellen Schulsportarten für Aktivität bis ins Alter -- vorausgesetzt, sie werden rechtzeitig erlernt. Paschens Fernziel: Jeder sollte fünf bis sechs Lifetime-Sportarten vom Skilaufen und Radeln bis zum Tauchen und Tischtennis als Schüler lernen, damit er sich später eine oder zwei aussuchen kann. Junge Menschen »müssen wissen, wie man sich das ganze Leben hindurch gesund, fit und aktiv erhält«, heißt es in Paschens Buch »Lifetimesport«, das dieser Tage erscheint.

Wer zu spät beginnt, technisch schwierige Sportarten auszuüben, etwa Skilaufen, läuft ein weit höheres Verletzungsrisiko. Paschens Professorenkollegen spielen deshalb Faustball; die Volleyball-Technik läßt sich mit mehr als 50 Jahren kaum noch befriedigend erlernen.

Mit dem Hamburger Kanuverband organisierte Paschen an der Alster einen einwöchigen Kanu-Kursus. Von 30 Kindern traten daraufhin zehn einem Verein bei. Vom Hamburger Skiverband lieh sich Paschen zehn Bretter für einen Schüler-Lehrgang im Windsurfing auf dem Oortkatener See an der Elbe.

Gern würde er auch andere, vorerst exklusivere Sportarten möglichst vielen Kindern zum späteren Nutzen beibringen. Der Deutsche Tennis-Bund (DTB) versuchte sein Spiel durch eine Schul-Aktion zu verbreiten. Er verteilte zunächst 10 000 hölzerne Einfach-Schläger, sogenannte Speckbretter (Stückpreis: sieben bis elf Mark).

Inzwischen kursieren etwa 50 000 Speckbretter. Allein in Hamburg spielen Schüler von 22 Schulen damit in den längeren Pausen auf dem Schulhof. Zugleich bieten einige Sportinstitute der Universitäten in Kooperation mit dem DTB Tennis-Lehrgänge an. Die ersten Sportlehrer mit einem zusätzlichen Tennislehrer-Diplom unterrichten bereits.

Die Hamburger Lifetimesportler wissen wohl, daß zunächst Lehrer für die in den Schulen abseitsgestellten Langzeit-Sportarten ausgebildet werden müssen. Deshalb arbeiten sie Lehrprogramme aus, die Sportstudenten in einigen Landschulheimen der Hamburger Schulen testen. Denn jede Klasse soll alle zwei Jahre eine Woche in einem der Heime zubringen.

Aus 18 000 Mark des Bundes-Forschungsministeriums für dieses Vorhaben stattete Paschen das Schullandheim Lankau am Travekanal mit »Trimmy-Einern« aus, die sein Dozent Walter Schröder, Ruder-Olympiasieger von 1960, entwickelt hatte.

In sieben Tagen lernten die ersten Klassen die Grundbegriffe des Ruderns bis zum Wenden, Slalomfahren und Anlegen. »Die sind für immer programmiert«, freute sich Paschen.

Ein Direktor wunderte sich über das unerwartete Engagement seiner Schüler: »Was haben Sie bloß mit meinen Rabauken aus der achten Klasse gemacht?«, fragte er.

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